Corona-Entwicklung belastet Herfords Krisenstabsleiter Markus Altenhöner (40)
„Mit diesen hohen Zahlen habe ich nicht gerechnet“

Herford (WB). Der Druck, der auf seinen Schultern lastet, ist gewaltig: Mit 40 Jahren gehört Markus Altenhöner deutschlandweit zu den jüngsten Krisenstabsleitern. Wie kommt er mit dieser Verantwortung klar? Bei einem Besuch in seinem Büro im Kreishaus hat er ganz offen darüber gesprochen.

Samstag, 31.10.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2020, 08:14 Uhr
Eigentlich ist Markus Altenhöner Kreisdirektor und Kämmerer. 90 Prozent seines Tagesablaufs ist er derzeit jedoch mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt. Der 40-Jährige leitet den zwölfköpfigen Krisenstab. Foto: Moritz Winde
Eigentlich ist Markus Altenhöner Kreisdirektor und Kämmerer. 90 Prozent seines Tagesablaufs ist er derzeit jedoch mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt. Der 40-Jährige leitet den zwölfköpfigen Krisenstab. Foto: Moritz Winde

Sein Wecker klingelt morgens um 6 Uhr. Noch bevor Markus Altenhöner richtig wach ist, greift er zum Handy. Wie viele Neuinfektionen meldet das Robert-Koch-Institut heute? Gab es viele Tote? Wie schneidet der Kreis Herford ab – auch im Vergleich zu Nachbarstädten und Kreisen?

Nachdem die Corona-Zahlen zwischen Herford, Rödinghausen und Vlotho lange im grünen Bereich lagen, herrscht mittlerweile Alarmstufe rot. Seit Tagen ist der Wittekindkreis Negativ-Spitzenreiter in Ostwestfalen-Lippe. Der Inzidenzwert kletterte am Freitag auf 179,6. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die 200er Marke gerissen wird. „Das ist kein schönes Gefühl und belastet mich. Obwohl ich weiß, dass ich persönlich nichts für diese Entwicklung kann.“ Jedes Mal stelle er sich aber die Frage: „Was können wir besser machen? Wie ist die Lösung?“

Markus Altenhöner gibt unumwunden zu, dass ihm eine plausible Erklärung für die rasante Virus-Ausbreitung fehlt. „Mit einer Zunahme ja, aber dass wir in Ostwestfalen die Statistik anführen, damit habe ich nicht gerechnet. Es gibt keinen Schwerpunkt, auf den sich die Entwicklung zurückführen lässt, sodass wir auch nicht gezielt mit sinnvollen Maßnahmen gegensteuern können. Ich glaube, die Leute sind nach dem entspannten Sommer insgesamt sehr viel sorgloser geworden.“ Während man zu Beginn der Pandemie total verängstigt gewesen sei, habe man sich fast schon daran gewöhnt.

Ansteckungswege nicht nachvollziehbar

Trotz der vielen Fälle – im Kreis Herford sind derzeit 566 Menschen positiv auf Covid 19 getestet – schaffe es das Gesundheitsamt nach wie vor, innerhalb eines Tages alle Kontaktpersonen zu ermitteln. Andere Großstädte und Kreise in Deutschland haben diesbezüglich bereits kapituliert. Auf die Schnelligkeit seines Krisenstabs ist Altenhöner mächtig stolz: „Das Team macht einen super Job.“

Sollten die Zahlen in diesem Maße aber weiter steigen, könne das Infektionsgeschehen außer Kontrolle geraten. Schon jetzt sei ein Teil der Ansteckungswege nicht mehr nachzuvollziehen. „Wir haben keinen großen Herd, sondern die allermeisten stecken sich im privaten Umfeld an als Kontaktpersonen mit Infizierten in Quarantäne.“ Daher sei es so schwierig, die richtige Strategie zu bestimmen. „Bei einem Gegentor im Fußball kann man genau sehen, welche Fehler zuvor gemacht wurden und kann sofort reagieren. Bei Corona aber wissen wir zu oft nicht, woher es kommt.“

Deshalb hält der 40-Jährige einen erneuten Teil-Lockdown für alternativlos. „Mir macht es keinen Spaß, die Leute zu gängeln. Und ich bin mir bewusst, dass die erneute Einschränkung viele sehr hart trifft. Da stehen Familien und Existenzen dahinter. Gehen wir diesen Schritt aber nicht, werden wir noch mehr Menschen auf den Intensivstationen und noch mehr Tote als ohnehin erwarten.“ Ihn treibe die Sorge um, dass die Gesellschaft gespalten werden könnte. „Allen können wir es nicht recht machen.“

Kritik an Landesregierung

Markus Altenhöner hält das vierwöchige Herunterfahren des öffentlichen Lebens für zu kurz gegriffen – und kritisiert in diesem Zusammenhang das Land. „Ich wünschte mir häufig frühzeitiger mehr Klarheit aus Düsseldorf, damit wir Anordnungen durchsetzen können, die nicht von Gerichten gekippt werden.“

So sei die Absage des Herforder Weihnachtsmarktes nur so lange hinausgezögert worden, weil eine eindeutige Regelung gefehlt habe. „Wir wollen uns nicht hinter der Landesregierung verstecken, aber dort wie hier wollen wir keinen Flickenteppich von Maßnahmen. Ein Weihnachtsmarkt wie in Herford wird nicht erst am 20. November geplant und benötigt einen Vorlauf.“

Der Dienst des Krisenstabschefs endet spät. Wenn Markus Altenhöner abends zu Hause ist, wandert sein Blick regelmäßig aufs Handy und er verfolgt Berichte im Fernsehen dazu. Corona lässt ihn eben nicht zur Ruhe kommen.

Mit Maske: Markus Altenhöner verkündet am 22. Oktober, der Inzidenzwert von 50 sei überschritten.

Mit Maske: Markus Altenhöner verkündet am 22. Oktober, der Inzidenzwert von 50 sei überschritten. Foto: Moritz Winde

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