Interview mit dem Vorsitzenden der Vlothoer Initiative WiduLand zum Auftakt der Gespräche mit der Bahn
Dialog auf Augenhöhe gewünscht

Vlotho (WB). -

Ende des Jahres hat sich in der Region der Widerstand gegen eine mögliche ICE-Neubaustrecke von Bielefeld nach Hannover formiert. Im Interview spricht Dirk Schitthelm, Vorsitzender der neuen Bürgerinitiative WiduLand, über die bisherige Arbeit und über die Erwartungen an den Planungsdialog mit der Bahn, der an diesem Donnerstag beginnt.

Dienstag, 12.01.2021, 17:08 Uhr aktualisiert: 13.01.2021, 09:28 Uhr
Dirk Schitthelm ist Vorsitzender der Initiative WiduLand.
Dirk Schitthelm ist Vorsitzender der Initiative WiduLand. Foto: WiduLand.de

Dirk Schitthelm befürchtet, dass die Bahn schon weit fortgeschrittene Planungen hat. Er hofft dennoch auf einen „Dialog auf Augenhöhe“.

Wie ist die Arbeit der Initiative WiduLand angelaufen?

Dirk Schitthelm: Wir sind jetzt seit zwei Monaten aktiv. Es war bislang eine turbulente Zeit, wir mussten viele Dinge gleichzeitig angehen, hatten dabei keine lange Aufwärmphase. Wir haben unsere Standpunkte und Erwartungen zu Papier gebracht, uns selbst als Verein mit den verschiedenen Arbeitsgruppen organisiert und sind ständig dabei, unser Netzwerk in Politik, Verwaltung und Verbände zu spinnen und immer weiter auszubauen. Die meiste Arbeit hatte bislang unser Medienteam mit den verschiedenen Online-Auftritten, Newslettern, Plakaten und noch ganz viel mehr.

Wie viele Mitglieder hat Widuland inzwischen?

Schitthelm: Aktuell haben wir gut 900 Mitglieder, es kommen also im Schnitt 100 jede Woche seit der Gründung hinzu. Umweltverbände, Vereine, Organisationen sind bei uns Mitglied und unterstützen aktiv unsere Anliegen. Außerdem sind inzwischen Vertreter aller relevanten Parteien mit im Boot, die wir auch in die Pflicht nehmen wollen, damit wir letztendlich auch auf Landes- und Bundesebene eine Stimme in der Politik haben. Das zeigt, wie groß, wie breit unsere Unterstützung ist und wie sehr dieses Thema die Menschen in der Region beschäftigt, wenn Sie es erst einmal davon erfahren haben.

Wie schwierig ist es in Zeiten von Corona, die Leute zu erreichen?

Schitthelm: Wir sind unter den aktuellen Corona-Maßnahmen sehr eingeschränkt in unseren Möglichkeiten. Klassische Info-Arbeit einer Bürgerinitiative mit Ständen, Vorträgen und Diskussionen sind nicht machbar. Wir versuchen, mit Flyern, Plakaten und umfangreichen digitalen Angeboten die Fragen, soweit es möglich ist, zu klären und auch noch viele neue Mitglieder zu gewinnen. Besonders im Raum Bad Salzuflen und Herford ist da noch viel zu tun.Auch mit Aktionen wie der Mahnwache mit 1000 Fackeln am vergangenen Samstag kommen wir ins Gespräch und schaffen die dringend benötigte Aufmerksamkeit.

An diesem Donnerstag beginnt der Planungsdialog mit der Bahn. Welche Erwartungen haben Sie?

Schitthelm: Wir gehen natürlich mit einer positiven Grundhaltung in diesen Dialog, wenngleich ich schon nicht verstehen kann, dass mitten im Lockdown, wenn das gesamte öffentliche Leben still steht, ein Bürgerdialog gestartet wird. Es ist immerhin eines der größten und wohl auch teuersten Bauvorhaben der letzten Jahrzehnte und hätte eine uneingeschränkte Öffentlichkeit verdient. Auch vor dem Hintergrund, dass dieser Planungsdialog die einzige Möglichkeit der öffentlichen Beteiligung ist. Das Bauvorhaben wird abschließend durch Gesetzesbeschluss genehmigt, Klagemöglichkeiten von Verbänden und Betroffenen sind im Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz nicht vorgesehen. Der Bürgerdialog hat keine Mitbestimmungsmöglichkeit bei strittigen Fragen in dem Planungsprozess. Wir sehen die Gefahr, dass am Ende des Tages alle Anregungen, Kritiken und Alternativen aus dem Planungsdialog in einer Schublade verschwinden und keine Berücksichtigung bei dem anschließenden Planverfahren finden.

Wie wollen Sie dem Anliegen der Initiative Widuland beim Planungsdialog Gehör verschaffen?

Schitthelm: Wir wollen in den Plenums-Sitzungen aktiv an dem Dialog teilnehmen und hoffen auf eine Diskussion auf Augenhöhe. Wir haben zusammen mit der IG Cosinus, dem Zusammenschluss der bei dem Bauvorhaben betroffenen Bürgerinitiativen, einen Forderungskatalog hinsichtlich Verfahren, Themen und Inhalten ausgearbeitet. Es wird sich zeigen, inwieweit die vielen Interessen der Betroffenen tatsächlich berücksichtigt werden, oder ob der Planungsdialog eher ein Monolog ist. Letztendlich muss man sich im Klaren sein, dass auch der Planungsdialog keine rechtliche Bindewirkung auf das anschließende Planfeststellungsverfahren hat.

Wann wird die Streckenführung der Neubaustrecke bekannt gegeben?

Schitthelm: Nach Aussage der Projektverantwortlichen der Bahn ist der Ausgang des Planungsdialogs völlig offen, es wäre quasi ein weißes Blatt Papier, auf dem die beste Strecke gesucht wird. Die Ende vorigen Jahres vorgestellten fünf Varianten seien nur eine erste Kalkulations- und Diskussionsgrundlage. Ich persönlich denke schon, dass die Bahn über ziemlich fortgeschrittene Planungen verfügt und den Planungsdialog auch in die entsprechende Richtung lenken will. Im März soll nach Aussage der Bahn der konkrete Wortlaut des Planungsauftrages, den das Verkehrsministerium der Bahn erteilt hat, veröffentlicht werden. Erst dann wissen wir die genauen Eckpunkte, die die Richtung im Planungsdialog vorgeben werden.

Für welche Variante setzt sich die Initiative Widuland ein?

Schitthelm: Ganz abgesehen davon, was in dem Planungsauftrag stehen wird, setzen wir uns, zusammen mit einer breiten Unterstützerschaft in der regional Politik, Verwaltung und Verbänden, für eine Ertüchtigung und Ausbau der Bestandsstrecke ein. Diese war schon vor Jahren so beschlossen und ist immer noch die wirtschaftlichere Lösung. Zudem hat die Ausbauvariante auch den geringsten Naturverbrauch und dürfte am schnellsten zu realisieren sein.

Wann würde denn der erste Zug über die neue Strecke fahren?

Schitthelm: Die Bahn plant mit einem Baubeginn 2030 und der erste Zug soll dann 2040 fahren. Wie realistisch solche Planungen bei öffentlichen Bauvorhaben sind, hat sich in der Vergangenheit oft genug gezeigt. Aber selbst wenn es so funktioniert, bringt die neue Strecke keine kurzfristige Verbesserung der Fernverbindungen und auch der in letzter Zeit oft bemühte Deutschlandtakt hält auf dieser Strecke frühestens in 20 Jahren Einzug.

Verbessert sich dadurch das Bahnangebot in der Region?

Schitthelm: Die Strecke wäre nach jetzigem Kenntnisstand ausschließlich für ICE-Verbindungen und hätte zwischen Bielefeld und Hannover keinen Halt. Güter- und Nahverkehr profitieren höchstens indirekt durch mehr Platz auf den alten Gleisen. Die Bahn hat bislang keine Aussagen gemacht, ob die bekannten Nadelöhre der bestehenden Strecke dann trotzdem ausgebaut werden sollen, der Reparaturstau beseitigt wird und das Bahnangebot in der Region attraktiver wird. Wir haben da eher die Sorge, dass in dem Prestigeprojekt viel zu viel Geld versenkt wird und in der Region alles beim Alten bleibt.

Was sind die Planungen für Widuland?

Schitthelm: Zum einen sind wir natürlich gespannt, wie der Planungsdialog anlaufen wird, das ist schließlich nicht nur für uns eine Premiere. Zum anderen wollen wir weiterhin bestmöglich informieren und neue Mitglieder gewinnen. Ich denke ein großer Rückhalt durch viele Mitglieder ist ein wichtiger Baustein, um dieses in vielerlei Hinsicht unsinnige Neubauprojekt zu stoppen. Auf widuland.de gibt es alle Infos dazu und online anmelden kann man sich da auch. Beim Auftakt des Planungsdialog am Donnerstag, 14. Januar, kann übrigens jeder teilnehmen. Zwischen 18 und 20.20 Uhrim Internet auf der Seite www.hannover-bielefeld.de/auftakt einwählen.

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