Krankenschwester Hellen Arndt leistet beim Unfall auf der Diebrocker Straße Erste Hilfe
Zehn Minuten, die wie Stunden sind

Herford (WB) -

Die Kinder quengeln. Sie sind jetzt lange genug in der Sonntagmittagskälte unterwegs gewesen und wollen nach Hause. Sie laufen über einen Feldweg an der Diebrocker Straße in Eickum, als hinter ihnen etwas knallt. Ein dumpfer Knall. Rauch steigt auf. Hellen Arndt (32) schaut kurz nach, was passiert ist. [Mit Video]

Dienstag, 19.01.2021, 12:01 Uhr aktualisiert: 20.01.2021, 11:06 Uhr
Ersthelferin Hellen Arndt besucht die Unfallstelle auf der Diebrocker Straße: „Seltsam ruhig und aufgeräumt ist es hier.“
Ersthelferin Hellen Arndt besucht die Unfallstelle auf der Diebrocker Straße: „Seltsam ruhig und aufgeräumt ist es hier.“ Foto: Christian Müller

So erlebt die Ersthelferin den schweren Verkehrsunfall am Sonntagmittag auf der Diebrocker Straße . Auf gerader Strecke ist dort ein 41 Jahre alter Bielefelder in einem weißen Ford vor einen Baum gerast. Während Hellen Arndt über das Feld zum Unfall stapft, ruft sie bereits die Feuerwehr. Noch kann sie nicht genau sagen, was passiert ist.

Sich der Verantwortung bei einem solch schweren Unfall zu stellen, schafft nicht jeder: Meist dauert es etwas, bis die ersten Rettungskräfte eintreffen. Das Bild eines stark blutenden, schwer verletzten Menschen frisst sich tief ins Bewusstsein. Genauso wie ein total zerstörtes, verbogenes, dampfendes Auto. Dann noch der ganze Aufwand mit der Zeugenbefragung.

„Falls ich alleine mit den Kindern unterwegs gewesen wäre, hätte ich umgedreht. Dann wäre ich nicht zum Unfall gegangen“, sagt Hellen Arndt einen Tag später. Zum einen, um den Kindern den Anblick zu ersparen, zum anderen, um sie nicht an der viel und schnell befahrenen Diebrocker Straße alleine herumstehen zu lassen.

Das ist doch selbstverständlich. So ein Unfall kann doch jedem von uns passieren.

Ersthelferin Hellen Arndt

Doch Hellen Arndt war nicht allein. Die Oma war mit. Sie konnte die Kinder an die Hand und schon mal mit nach Hause nehmen. Hellen Arndt steht derweil vor dem Wrack. Im Kopf der ausgebildeten Krankenschwester spult jetzt die auswendig gelernte Checkliste ab. Wie viele Menschen sitzen im Auto? Einer. Ist er ansprechbar? Hat er Puls? Atmet er noch?

„Die Beifahrertür war total verzogen und ließ sich nicht mehr öffnen. Ich konnte den Arm nur durch einen Spalt in der Fahrertür erreichen.“ Stopp. Der eingeklemmte Mann blutet stark. Eigenschutz. Hellen Arndt bittet einen der am Straßenrand stehen gebliebenen Autofahrer, ihr ein paar Einmalhandschuhe aus einem Notfallka-sten zu reichen.

Dann fühlt sie Puls und prüft den Atem. Mehr kann sie nicht tun. Sie darf nicht ins Wrack steigen und sich neben den Verunglückten auf den Beifahrersitz setzen, ihn weiter untersuchen. Es beginnen die schlimmsten Minuten des Unfalls. Die Wartezeit, bis Polizei und Rettungskräfte eintreffen.

Zehn Minuten wird das am Ende dauern. Angefühlt hätten die sich wie zehn Stunden. In dieser Zeit redet sie dem fremden, blutenden Mann gut zu: „Sie sind nicht allein. Hilfe kommt gleich. Halten Sie durch.“

Aus diesem Wrack hat die Feuerwehr den schwer verletzten Fahrer aus Bielefeld herausgeschnitten.

Aus diesem Wrack hat die Feuerwehr den schwer verletzten Fahrer aus Bielefeld herausgeschnitten. Foto: Christian Müller

Für diesen Beistand wird sie anschließend von Polizei und Feuerwehr besonders gelobt. Als sie einen Tag später darüber nachdenkt, schüttelt sie den Kopf: „Das ist doch selbstverständlich. So ein Unfall kann doch jedem von uns passieren.“ Da helfe man doch, egal aus welchem Grund der Unfall passiert sei. Viele weitere, zufällig vorbeifahrende Menschen hätten es genau so gesehen: „Sie ließen die Seitenscheiben runter und fragten, ob wir weitere Hilfe benötigen.“ Ein Mechaniker sei ausgestiegen und habe geprüft, ob Explosions- oder Brandgefahr bestehe. „Ist das nicht großartig?“, fragt Hellen Arndt.

Niemand habe bloß gegafft, rumgestanden, womöglich noch gefilmt. Wer nicht wirklich helfen konnte, sei weiter gefahren: „Das war eine absolut tolle Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.“

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