Herford soll die Schutzziele auf dem Land nicht erfüllen können – Bielefeld hilft, darf das laut Gesetz aber nicht
Zu weite Wege für die Feuerwehr

Herford (WB). -

Ob Großfeuer oder Unfall: Wenn es um Leben und Tod geht, zählt jede Minute. Wie schnell sind Herfords Retter in den Außenbezirken? Mitunter offenbar nicht schnell genug

Samstag, 23.01.2021, 06:02 Uhr aktualisiert: 23.01.2021, 15:42 Uhr
Für die Bielefelder ist es von der Wache Nord nach Stedefreund ein Katzensprung, die Herforder brauchen deutlich länger.
Für die Bielefelder ist es von der Wache Nord nach Stedefreund ein Katzensprung, die Herforder brauchen deutlich länger. Foto: Grafik: Patrick Sönel/Fotos: Moritz Winde/Karte: Google

Diese Diskussion wird in den nächsten Wochen für politischen Zündstoff sorgen. Nach Informationen dieser Zeitung soll der nach wie vor unter Verschluss gehaltene Brandschutzbedarfsplan Schwächen der Feuerwehr aufgedeckt haben. Mehrmalige Nachfragen bei der Verwaltung blieben unbeantwortet, erst am 5. Februar – am Tag der Ratssitzung – sollen die Ergebnisse vorgestellt werden.

Das Hauptproblem aber sickerte bereits durch: Die Herforder Feuerwehr soll nicht in der Lage sein, die gesetzlich empfohlenen Schutzziele immer einzuhalten. In der Regel bedeutet dies, dass nach acht Minuten neun Feuerwehrleute und nach 13 Minuten 16 Feuerwehrleute vor Ort sein müssen. In 90 Prozent der zeitkritischen Alarmierungen. An jedem Punkt im Stadtgebiet. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.

Was im Zentrum kein Problem ist, wird auf dem Land – hier vor allem das südliche Stadtgebiet – schwierig. Die Wege sind für die Berufsfeuerwehr einfach zu weit. Das Dilemma zeigt das Beispiel Hüchtenbrink, die letzte Straße vor der Stadtgrenze in Stedefreund. Von der Werrestraße aus sind es neun Kilometer, die Strecke führt zudem über die oft verstopfte B239. Wesentlich näher dran und damit schneller sind die Kollegen aus Bielefeld. Deren Wache Nord an der Herforder Straße ist gerade einmal vier Kilometer entfernt.

„Natürlich fahren wir auch zu Einsätzen auf Herforder Gebiet – vorausgesetzt wir haben Kapazitäten“, sagt Abteilungsleiter Hans-Dieter Mühlenweg. Doch eine solche interkommunale Zusammenarbeit, auf die sich Herford in der Vergangenheit verlassen konnte, steht rechtlich auf wackligen Beinen.

Zwar seien Gemeinden und Kreise zur gegenseitigen Hilfeleistung verpflichtet, sofern nicht die Wahrnehmung dringender eigener Aufgaben vorrangig sei, teilt die Bezirksregierung Detmold mit. Aber: „Der Brandschutz einer Kommune kann laut Gesetz nicht übertragen werden.“ Das heißt: Jede Stadt muss für sich sicherstellen, dass die Schutzziele erreicht werden.

Der Grund, dass dies in Herford nicht immer der Fall sein soll, dürfte nicht nur in der mangelnden Größe der hauptamtlichen Wache liegen (lediglich sieben Mann sorgen für den abwehrenden Brandschutz rund um die Uhr), sondern auch in der geringen Größe und Verfügbarkeit der freiwilligen Feuerwehr.

Herford liegt bei der Zahl der Einsatzkräfte im nordrhein-westfälischen Vergleich im unteren Drittel. 2013 wurde die Löschgruppe Herringhausen geschlossen, seitdem gibt es nur vier freiwillige Einheiten für die 67.000-Einwohner-Stadt. Zum Vergleich: Detmold (75.000 Einwohner) hat acht ehrenamtliche Löschgruppen, Bünde (45.000) sieben, Löhne (40.000) fünf und Bad Salzuflen (55.000) acht.

Für Stedefreund und Laar ist die Diebrocker Löschgruppe zuständig, der 23 aktive Mitglieder angehören. „In der Regel können wir alles abdecken, aber garantieren können wir das nicht. Wir sind ja schließlich eine freiwillige Einheit“, sagt Löschgruppenführer Jürgen Eickmeier. Um den Nachwuchs sicher zu stellen, bräuchte es eine Jugendfeuerwehr. Doch genau die gibt es in Diebrock nicht. Die wolle man nach Corona jedoch gründen, sagt der Wehrchef.

Wie könnte das Problem mit der mutmaßlich mangelhaften Sicherheit in den Außenbereichen gelöst werden, das nicht nur die Feuerwehr, sondern auch den Rettungsdienst betrifft? Ein Vorschlag soll der Neubau einer zusätzlichen und kombinierten Wache sein, die dann rund um die Uhr besetzt sein müsste.

Die Hauptwache soll zudem kurzfristig personell aufgestockt werden – und zwar von sieben auf neun Feuerwehrleute (bedeutet zehn zusätzliche Stellen). Beides kostet viel Geld. Zumindest in puncto Mitarbeiteraufstockung soll es eine breite politische Mehrheit geben.

Die Verwaltung will zudem versuchen, die Kooperation mit Bielefeld vertraglich zu vereinbaren. Falls die Regierungspräsidentin dies verbietet, soll Bürgermeister Tim Kähler bereits angekündigt haben, die Sache von höchster Stelle klären zu lassen – nämlich vom Minister in Düsseldorf.

Die Herforder Berufsfeuerwehr soll mehr Personal erhalten.

Die Herforder Berufsfeuerwehr soll mehr Personal erhalten. Foto: Moritz Winde

 

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