Pilot-Projekt: Stadt Herford lässt vier alte Gebäude für 3,3 Millionen Euro energetisch sanieren
Britenhäuser werden zu Kraftwerken

Herford (WB) -

Die alten Britenhäuser sind Energieschleudern: Das ist nicht nur teuer, sondern obendrein schlecht fürs Klima. Die Stadt lässt deshalb vier Gebäude in der Ulmenstraße nach einem neuartigen und innovativen Prinzip seriell energetisch modernisieren – und nimmt damit eine Vorreiterrolle in Deutschland ein.

Donnerstag, 18.02.2021, 05:50 Uhr aktualisiert: 18.02.2021, 08:42 Uhr
Die alten Britenhäuser in der Ulmenstraße sind energetisch eine Katastrophe. Das soll sich ändern. Perspektivisch könnten nicht nur städtische, sondern auch private Immobilien nach dem Energiesprong-Prinzip modernisiert werden. Allerdings eignen sich hierfür nur architektonisch einfache und typenähnliche Gebäude.
Die alten Britenhäuser in der Ulmenstraße sind energetisch eine Katastrophe. Das soll sich ändern. Perspektivisch könnten nicht nur städtische, sondern auch private Immobilien nach dem Energiesprong-Prinzip modernisiert werden. Allerdings eignen sich hierfür nur architektonisch einfache und typenähnliche Gebäude. Foto: Moritz Winde

Hat das Pilot-Projekt Erfolg, könnte es den Herforder Sanierungsbau revolutionieren. Das Zauberwort, mit dem klimaneutrales Wohnen für alle bezahlbar sein soll, heißt Energiesprong und wurde in den Niederlanden entwickelt. Bei unseren Nachbarn wurden bereits 5000 Gebäude nach diesem Verfahren auf den neusten Stand gebracht, die Kosten ließen sich dabei um 40 Prozent gegenüber den ersten Projekten reduzieren.

Herford will bis 2050 klimaneutral sein. „Wenn wir den energetischen Wandel schaffen wollen, dürfen wir uns nicht nur auf den Verkehr konzentrieren. Häuser gehören zu den größten CO2-Produzenten“, sagt Bürgermeister Tim Kähler. Die Briten-Immobilien auf dem Stiftberg sind dafür ein gutes Negativ-Beispiel: So solide die Substanz der Nachkriegsbauten auch ist, die Wärme wird sprichwörtlich zum Fenster herausgeblasen.

„Auf einem Energieausweis wären die Häuser im schwarzen Bereich – und den gibt es ja gar nicht“, sagt Magnus Kasner, Chef des städtischen Wohn- und Wirtschaftsservice. Die WWS hatte die Ulmenstraßen-Immobilien vor Kurzem gekauft. Wo früher englische Soldaten und später Flüchtlinge lebten, sind mittlerweile Studenten der Fachhochschule für Finanzen zu Hause.

Das Gebäude-Quartett, in dem 24 Wohnungen sind, ist null komma null gedämmt. Bei dem derzeit oft üblichen Wärmeverbundsystem bräuchte es hunderte Platten, die von Hand auf die Außenwände gebracht werden müssten – eine enorm aufwendige Arbeit.

So sollen die Häuser schon Ende 2021 aussehen. Das Dach ist eine einzige Photovoltaikanlage. Vor zwei Eingängen stehen Schwalbennester in Ufo-Form.

So sollen die Häuser schon Ende 2021 aussehen. Das Dach ist eine einzige Photovoltaikanlage. Vor zwei Eingängen stehen Schwalbennester in Ufo-Form.

Schneller, einfacher und wirtschaftlicher soll‘s mit Energiesprong gehen, das auf einen digitalisierten Bauprozess mit vorgefertigten Elementen setzt – inklusive Fenstern, Türen, Dämmung und Außenfassade. Mit ihnen können bestehende Gebäude – sie werden zuvor mit einem 3D-Laserscanner vermessen – in kurzer Zeit auf einen „Net-Zero“-Standard gebracht werden. Der Energiebedarf würde im Ulmenstraßen-Beispiel um satte 89 Prozent sinken.

Das heißt: Über ein Jahr gerechnet erzeugt die Photovoltaik-Anlage mehr Strom, als die Wärmepumpen für Heizung und Warmwasser an Strom und die Mieter mit ihren Haushaltsgeräten verbrauchen. Das Gebäude ist in der Energieversorgung damit CO2-neutral oder „Net Zero“.

Oder anders gesagt: Das Haus wird zum eigenen Kraftwerk. Tim Kähler sagt, ihm sei nicht nur der Umweltaspekt wichtig. „Das ist Sozialpolitik. Die Leute zahlen weniger Miete, weil die Energiekosten konstant bleiben – oder sogar leicht sinken.

Quasi das Rundum-Sorglos-Paket mit intelligenter Glas-Waben-Dämmung, Photovoltaik-Dach sowie Infrarot-Heizung liefert die österreichische Firma Gap Solutions, die als Generalunternehmer fungiert. Sie hat sich auf die ökologische und nachhaltige Wohnbau-Sanierung spezialisiert hat – und sieht auf diesem Gebiet großes Potenzial. Bislang habe es in der Breite jedoch an Akzeptanz gefehlt, weil die recht hohen Investitionskosten wohl viele abgeschreckt hätten, sagt Geschäftsführer Johann Aschauer.

Inzwischen hat aber auch das Bundeswirtschaftsministerium die Chancen dieser Form der Altbau-Modernisierung aber erkannt. Von den Herforder Investitionskosten in Höhe von 3,3 Millionen Euro sind 2,9 Millionen Euro förderfähig. Aschauer erhofft sich durch die Unterstützung der Politik nun den „nötigen Schub“, um auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Herford sei ein guter Anfang.

Der Stadtrat muss dem Verwaltungsvorschlag in einer Sondersitzung am 26. Februar zustimmen. Das gilt trotz der Risiken, die ein Pilot-Projekt naturgemäß mit sich bringt, aber als Formsache. Schon im nächsten Winter sind die sind die vier Britenimmobilien dann wahre Sparhäuser.

Die industriell gefertigten Module kommen per Lkw. Die intelligenten Fassadenelemente sollen für schimmelfreie Räume sorgen und thermische Fehler in der Gebäudehülle ausgleichen.

Die industriell gefertigten Module kommen per Lkw. Die intelligenten Fassadenelemente sollen für schimmelfreie Räume sorgen und thermische Fehler in der Gebäudehülle ausgleichen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7825136?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Gymnasialeltern fordern Präsenzunterricht für alle
Gymnasialeltern in NRW fordern, dass alle Jahrgänge in den Schulen unterrichtet werden.
Nachrichten-Ticker