Bis ans »Ende der Welt«: Für Claudia Kruse war es ein Weg der vielen Begegnungen
15 Monate auf Pilgerschaft

Hiddenhausen (WB). Sie war 15 Monate zu Fuß unterwegs und hat 5000 Kilometer auf den Pilgerwegen Europas zurückgelegt. Doch es sind nicht diese beeindruckenden Zahlen, die Claudia Kruse wichtig sind, wenn sie von ihrer Reise nach Santiago de Compostela erzählt. Die Erlebnisse und Begegnungen auf dem Weg sind es, die zählen.

Samstag, 12.05.2018, 16:00 Uhr
Claudia Kruse hat auf ihrem 3267 Kilometer langen Pilgerweg nach Santiago de Compostela alle Jahreszeiten erlebt und viele gastfreundliche Menschen kennen gelernt, wie zum Beispiel diese Nonnen im französischen Mars. Foto: Claudia Kruse
Claudia Kruse hat auf ihrem 3267 Kilometer langen Pilgerweg nach Santiago de Compostela alle Jahreszeiten erlebt und viele gastfreundliche Menschen kennen gelernt, wie zum Beispiel diese Nonnen im französischen Mars. Foto: Claudia Kruse

Die Eilshauserin ist seit Herbst 2017 wieder daheim und hat seither mehrere Vorträge über ihre Erfahrungen gehalten. Sie möchte auch ein Buch dazu verfassen. »Natürlich wollen die Leute immer wissen, wie man dazu kommt, eine derartig anstrengende Pilgerreise zu unternehmen«, erzählt sie. Die damals 42-Jährige ist von Eilshausen über Trier, Dijon, Le Puy und den Col du Somport bis Santiago 3267 Kilometer gepilgert, hat noch das »Ende der Welt« in Finistère besucht und ist – abgesehen von einem Flug von Portugal nach Rom – auch zu Fuß zurück gelaufen.

Neustart nach Burnout

Alles begann mit einem Burnout im Jahre 2013. »Meine Arbeit als Sozialarbeiterin in Berlin hat mich sehr belastet. Wir hatten keine Zeit mehr für ein Gespräch mit den Klienten, waren nur noch Feuerlöscher. Ich hatte Angst- und Panikattacken«, blickt sie zurück. Irgendwann habe sie gemerkt, dass sie aufhören und eine Therapie machen musste. »Zwei Jahre lang habe ich aufgeräumt – körperlich und psychisch.« In dieser Zeit ist sie auch zurück nach Eilshausen gezogen. Danach zog es sie auf den Jakobsweg.

»Ich bin nicht losgegangen, um etwas zu heilen«, betont sie. »Ich bin losgegangen aus Dankbarkeit, weil ich Hilfe erhalten hatte, weil ich erlebt hatte, wie es ist, sich von einer positiven Energie geführt zu fühlen. Es war eine Notwendigkeit zu gehen, aber nicht für mich, sondern für andere.«

Vertrauen ist alles

Unterwegs habe sie dann erlebt, was der Spruch bedeutet: ›Alles, was du brauchst, findest du am Weg‹. »Einmal brauchte ich dringend eine Regenhose. Und ich fand sie. Sie hing an einer Haltestelle und passte genau.« Und dies sei kein Einzelfall gewesen: »Ich habe auf dem Weg gelernt zu vertrauen und Hilfe anzunehmen.«

Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein. Die Füße schmerzten, extreme Temperaturen wie -14 in den Bergen und 43 Grad in Italien belasteten sie. Der Weg selbst hatte wunderschöne, aber auch vermüllte Abschnitte. Eine Unterkunft zu finden, stellte sich vor allem zu Beginn als Problem heraus. »Ich hatte gedacht, ich könne in Deutschland in Gemeindehäusern schlafen, wenn ich mich vorher anmelde«, erzählt sie. Doch sie erhielt nur Absagen. »Später auf dem Rückweg habe ich es ohne Anmeldung versucht, und da ging es plötzlich.«

Überall zu Hause

Da sie nur 10 Euro pro Tag zur Verfügung hatte, verlegte sie sich aufs Couchsurfing. Dabei stellen Menschen über das Internet kostenlos ihre Couch für Reisende zur Verfügung, um so den Austausch zu fördern. »Es war genau das Richtige«, sagt sie heute. »Ich habe auf diese Art viele Leute kennen gelernt, die mich mit meiner Geschichte gerade brauchten.« Da gab es Menschen mit Burnout, Menschen, die den Weg gehen wollten und sich nicht trauten, oder solche, die Hilfe in ihrer Trauer brauchten. Wenn es keine Couch gab, fragte Kruse auf dem Marktplatz nach einer Schlafgelegenheit oder einer Waschgelegenheit und einem Platz für ihr Minizelt. »Es hat immer geklappt.«

Heute sieht die Sozialarbeiterin, die in einem Flüchtlingsheim in Teilzeit arbeitet, diese Zeit als »ihre Walz«. Sie habe neues Selbstbewusstsein gewonnen, wolle im Hier und Jetzt leben und sich nicht wieder von der Hektik anstecken lassen. Richtig in Eilshausen anzukommen, sei kein Problem gewesen. »Ich bin bei mir selbst angekommen, deshalb kann ich überall zu Hause sein.«

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