Fr., 31.08.2018

»Liudchen« Sundermeyer diente 1918 in Ostsee-Division Der Müller und der finnische Bruderkrieg

Diese Aufnahme zeigt Sundermeyer, seine Frau, Tochter Elisabeth, Gerda Bergmann, Tochter des Vorbesitzers der Mühle, und einen Gehilfen vor der Windmühle und dem Wohnhaus, kurz nach dem Kauf 1927.

Diese Aufnahme zeigt Sundermeyer, seine Frau, Tochter Elisabeth, Gerda Bergmann, Tochter des Vorbesitzers der Mühle, und einen Gehilfen vor der Windmühle und dem Wohnhaus, kurz nach dem Kauf 1927. Foto: Archiv Hermann Stuke

Von Hermann Stuke

Hiddenhausen (WB). 1918, genau vor 100 Jahren, ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Ludwig Sundermeyer, geboren 1883 in Kleinaschen, der spätere Müller von Hiddenhausen, wurde aus der Kaiserlichen Armee entlassen und ging stolz mit einer Medaille nach Hause, deren Text er nicht so ganz verstand.

Er wusste wohl, worum es ging, aber die finnische Sprache beherrschte er nicht. Er bewahrte sie sorgfältig auf.

Doch was hatte es mit dieser Medaille auf sich? Es heißt auf der Vorderseite: För (für) Urheudesta (finnisch für Tapferkeit) und Tapperheit (schwedisch für Tapferkeit) und auf der Rückseite Suomen Kansalta 1918 (vom finnischen Volk).

Blutiger Bürgerkrieg

Diese Medaille steht für ein ganz schwieriges Kapitel der finnischen Geschichte. Wie im zaristischen Russland kam es auch in Finnland, das damals autonomer Teil Russlands war, 1917 zu Kämpfen zwischen den Kommunisten und konservativ-gegenrevolutionären Kräften, den »Roten« und den »Weißen«. Es entbrannte ein blutiger Bürgerkrieg. Er wurde von den Finnen »Bruderkrieg« genannt.

Am 3. April 1918 landete die Ostsee-Division der deutschen Armee im Rahmen der so genannten Finnland-Intervention mit 9500 Mann unter Generalmajor Rüdiger Graf von der Goltz in Hanko sowie am 7. April weitere 2.500 Mann unter Oberst Otto von Brandenstein von Tallinn aus in Loviisa, um die Bürgerlichen zu unterstützen. Auf diese Weise gelangte auch Ludwig Sundermeyer aus dem fernen Ostwestfalen mit seinem Reserve-Infanterie-Regiment 255 dorthin.

Dank der »Weißen«

Die »Roten« wurden in blutigen Kämpfen geschlagen. Nach Erkenntnissen des 2004 abgeschlossenen Projektes des finnischen Staates zur Aufklärung der Kriegsopfer verloren im Bruderkrieg insgesamt 9538 Menschen ihr Leben. Von den Opfern gehörten 3458 der weißen und 5717 der roten Seite an. Diese Zahlen enthalten nicht die rund 350 deutschen und 500 bis 600 russischen Gefallenen.

Die bürgerliche Regierung war dankbar für die Hilfe der Deutschen und zeichnete die Teilnehmer daher mit der Medaille aus, die auch Ludwig Sundermeyer mit nach Hause brachte.

Mühle lief bis 1965

In der finnischen Bevölkerung hat der Krieg Hass und tiefe Verletzungen hinterlassen. Die Finnen waren traumatisiert. Historiker gehen davon aus, dass die finnische Harmonie- und Neutralitätspolitik hier zum Teil ihre Wurzeln hat.

Den 35-jährigen Ludwig Sundermeyer wird die große Politik weniger berührt haben. 1927 kaufte er die Hiddenhauser Windmühle von Casper Bergmann und war von der Zeit an der Müller von Hiddenhausen. Die älteren Hiddenhauser kennen ihn noch unter dem Namen »Liudchen« Sundermeyer.

Sein Schwiegersohn Karl-Heinz Thiele führte später den Betrieb bis 1965 fort. 2002 verschwanden mit dem schwarzen Mühlenstumpf die letzten Reste des Bauwerks.

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