Mi., 17.04.2019

Schule in Schweicheln unterrichtet junge Menschen mit psychischen Erkrankungen Ganz ohne Druck lernen

Förderschullehrer Hendrik Gepp (rechts) unterrichtet Jugendliche mit psychischen Erkrankungen in dem kleinen Klassenraum in der Schule im Klinikum in Schweicheln. Ab und zu schaut auch Schulleiter Robert Wiesemann hier vorbei.

Förderschullehrer Hendrik Gepp (rechts) unterrichtet Jugendliche mit psychischen Erkrankungen in dem kleinen Klassenraum in der Schule im Klinikum in Schweicheln. Ab und zu schaut auch Schulleiter Robert Wiesemann hier vorbei. Foto: Karin Koteras-Pietsch

Von Karin Koteras-Pietsch

Hiddenhausen (WB). »Das ist total cool hier. Hier kann ich in Ruhe meine Präsentation vorbereiten«, sagt der Junge und schaut auf seinen Laptop. Er sitzt in einem kleinen Raum und wird hier mit zwei anderen Schülern unterrichtet. Der Junge besucht die Schule im Klinikum der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schweicheln.

Wenn die Seele von Kindern und Jugendlichen aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann finden sie Hilfe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auf dem Gelände der Diakonie in Schweicheln gibt es die Tagesklinik mit zehn Plätzen. Doch ohne Lernen geht es auch hier nicht. Im Souterrain des Hauses am Johann-Wichern-Weg gibt es zwei 16 Quadratmeter große Klassenräume. Die sind zwar klein, haben aber alles, was eine Schulklasse braucht. Tafel, Laptops, jede Menge Bücher und Arbeitsmaterial für Schüler. Und die Jugendlichen – drei sind es an diesem Morgen – fühlen sich sichtlich wohl. Keine Spur von Druck oder Stress.

8 Uhr ist Schulbeginn

»Kinder mit psychischen Erkrankungen besuchen die Tagesklinik für drei Monate«, informiert Schulleiter Robert Wiesemann. Morgens um 7.30 Uhr kommen die ersten Kinder zum Frühstück, um 8 Uhr ist Schulbeginn. Zehn Plätze hat die Tagesklinik zu bieten, folglich auch die Schule. »Aktuell sind es vier Jugendliche und sechs Kinder«, sagt Wiesemann, dementsprechend gibt es zwei Gruppen.

Anders als in der Regelschule gibt es in der Schule in Schweicheln immer am Anfang einer Woche einen neuen Stundenplan. Jedes Kind, so beschreibt Lehrer Hendrik Gepp, habe drei Schulstunden pro Tag, die würden um die Therapie herum geplant. Denn: Die Therapie gehe immer vor. Das erklärt auch, warum nie zehn Kinder gleichzeitig in den Klassenräumen sind. Deutsch, Mathe, Englisch sind die Schwerpunktfächer. Daneben gibt es auch Künstlerisches oder Sport. »Und manchmal sprechen wir auch über Politik«, sagt Gepp.

Depressionen und Schulangst

Die Kinder und Jugendlichen sind vom ersten bis zum letzten Tag ihrer Behandlung auch in der Schule. »Manchmal«, so erläutert Schulleiter Wiesemann, »werden die jungen Menschen schon vor ihrem Klinikaufenthalt hier beschult – aber nur in absoluten Ausnahmefällen und mit Genehmigung des Schulamtes.« Ein solcher Fall könne sein, wenn ein Jugendlicher die Regelschule nicht mehr besuchen kann. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein: soziale Phobien, Depressionen, Schulangst.

Unterrichtet, so Gepp, werde in enger Absprache mit der Heimatschule. Die informiere zu Beginn des Aufenthaltes über den Stand des Jugendlichen und die Lernziele. »Wir wollen nicht, dass die Kinder zu viel verpassen. Sie sollen am Ende in der Regelschule gut weitermachen können.«

Keine Arbeiten, keine Noten

Noten gibt es in Schweicheln nicht, die vergibt nur die Regelschule. Zwar legen die Schüler ihre zentralen Abschlussprüfungen nach Klasse 10 in der Schule im Klinikum ab, aber die Noten vergeben auch dabei die Heimatschulen. »Manchmal schreiben wir auch Arbeiten und überlegen dann, ob wir sie in der Schule einreichen«, erzählt Gepp. »Schule ohne Druck eben, das ist super.«

Hendrik Gepp hat an dieser Schule seinen Traumjob gefunden. »Hier habe ich Zeit für die Kinder, kein Druck, kein Notendruck. Nichts von dem, was Lehrer nicht mögen«, sagt der 42-jährige, der lange an einer Förderschule unterrichtet hat. Auch wenn man wegen der Kürze des Aufenthaltes nie eine enge Beziehung zu einer Klasse aufbauen könne, gebe es doch jede Menge schöner Dinge. »Ich kann mit jedem der Schüler individuell arbeiten«, schätzt Gepp an seiner Arbeit mit den jungen Menschen.

Schule für Kranke

Die Schule im Klinikum unterrichtet Schüler aller Schulformen während eines Aufenthaltes in einer medizinisch-therapeutischen Einrichtung. Sie ist eine Schule in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Lippe-Bad Salzuflen.

Es gibt drei Standorte: Bad Salzuflen mit 50 Plätzen an der vollstationären Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Salzuflen, Detmold mit 14 Plätzen sowie Schweicheln mit zehn Plätzen, angegliedert an die Tagesklinik auf dem Gelände der Diakonie.

Unterrichtet werden die Jugendlichen von Hendrik Gepp, Förderschullehrer für Emotional-Soziale Entwicklung, und die Kinder von Grundschullehrerin Dörthe Klaus, die mit einer halben Stelle von der Paul-Maar-Grundschule abgeordnet ist.

Die Schule im Klinikum ist eine staatliche Einrichtung, die Lehrer sind Landesbeamte. Träger ist der Kreis Lippe, die Kosten für den Hiddenhauser Standort übernimmt der Kreis Herford. Der Unterricht umfasst in der Regel die Fächer Mathe, Deutsch, Englisch und findet in Kleingruppen von maximal sechs Schülern statt. Jeder Schüler hat drei Stunden Unterricht am Tag. Bei Bedarf gibt es eine 1:1 Betreuung.

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