So., 02.06.2019

Radio- und Fernsehtechniker spüren wachsendes Umweltbewusstsein ihrer Kunden Reparatur statt Müllhalde

Bernhard Deutschkämer in der Werkstatt. Er repariert derzeit einen 50 Jahre alten »Schneewittchensarg« (oben), in dem Plattenspieler und Radio unter einer durchsichtigen Abdeckung vereint sind, und eine Musiktruhe aus den 1950er Jahren.

Bernhard Deutschkämer in der Werkstatt. Er repariert derzeit einen 50 Jahre alten »Schneewittchensarg« (oben), in dem Plattenspieler und Radio unter einer durchsichtigen Abdeckung vereint sind, und eine Musiktruhe aus den 1950er Jahren. Foto: Ruth Matthes

Von Ruth Matthes

Hiddenhausen (WB). Müllvermeidung ist ein großes Thema unserer Zeit. Recyclingdesign ist angesagt. Allerorten werden Repair-Cafés eröffnet. Diesen Trend hat auch Bernhard Deutschkämer bei seinen Kunden beobachtet: »Die Reparatur von defekten Geräten feiert ein Comeback.«

»Immer mehr Menschen sehen die verbreitete Wegwerfmentalität kritisch«, hat der Radio- und Fernsehtechnikermeister festgestellt. In seinen Laden in Oetinghausen kommen vermehrt Kunden – auch von weiter her –, die auf der Suche nach einem Experten sind, der ihre mehr oder weniger alten Schätzchen noch reparieren kann.

Repair-Café beliebt

»Die Reparaturen haben deutlich zugenommen«, hat er festgestellt. Sie machen inzwischen ein Fünftel seiner Arbeit aus. Der Rest teilt sich auf Verkauf und Installation von Telekommunikations- sowie TV- und HiFi-Geräten auf.

Wie groß die Nachfrage nach kleinen Reparaturen ist, hat Deutschkämer auch im Repair-Café der Kirchengemeinde Oetinghausen gemerkt, in dem er Interessierten ehrenamtlich zeigt, wie sie Reparaturen selbst bewerkstelligen können. »Viele Leute wollen nicht mehr beim kleinsten Defekt alles wegwerfen.« Eine Entwicklung, die er – nicht nur beruflich – sehr begrüßt. Denn: »Jedes nicht produzierte und nicht entsorgte Gerät schont die Umwelt.«

Echte Möbelstücke

Seine Kunden kommen vor allem mit defekten HiFi-Geräten. Darunter sind alte Röhrenradios, zum Beispiel Erbstücke von Oma, die ihre Enkel nun wieder nutzen wollen. Derzeit versucht Deutschkämer zum Beispiel eine alte Musiktruhe mit Radio und Plattenspieler wieder flott zu kriegen – ein regelrechtes Möbelstück aus den 1950-er Jahren. Ihm macht das Tüfteln Spaß. Er ist froh, in seiner Lehrzeit, die 1976 begann, noch gelernt zu haben, wie diese Antiquitäten aufgebaut sind.

»Was Ersatzteile angeht, so bekommt man diese für ältere Apparate teilweise besser als für HiFi- oder TV-Geräte, die nur ein paar Jahre alt sind«, klagt er. »Inzwischen setzt die Industrie nicht mehr auf Reparatur. Die Leute sollen ein neues Gerät kaufen.«

Keine Ersatzteile

Im Gegensatz zu den deutschen Firmen gebe es bei asiatischen TV-Marken in 50 Prozent der Fälle keine Ersatzteile oder nur überteuerte. »Es ist ein Unding, wenn ein Fernseher nach vier Jahren kaputt geht und das Ersatzteil fast so viel kostet wie ein Neukauf.« In diesen Fällen rät Deutschkämer auch von einer Reparatur ab.

Ob es Ersatzteile gibt, kann er mit einem schnellen Blick in den Computer feststellen. Der hilft ihm auch, wenn es bei der Reparatur um das Beheben von Fehlern geht. Er hat Zugriff auf eine europaweite Fehlerdatenbank, auf der Experten ihre Lösungen teilen.

Unwissenheit groß

Dort ist auch Kollege Ulrich Sargalski aus Sundern registriert. Er bietet seit 33 Jahren Reparaturen an. Ihm begegnen zwei Sorten von Kunden: »Die einen zucken nur mit der Schulter, wenn ich ihnen sage, dass es keine Ersatzteile mehr gibt. Sie sind von den Firmen schon so erzogen, dass sie nichts anderes mehr erwarten.« Die anderen hingegen seien sehr umweltbewusst und legten viel Wert darauf, nichts unnötig wegzuwerfen. Diese Gruppe wachse erfreulicherweise.

Viele wüssten heute aber auch gar nicht mehr, dass man Elektro-Geräte überhaupt reparieren lassen kann, hat der 60-Jährige festgestellt. Das hinge sicherlich auch damit zusammen, dass wegen des Online-Handels der Kontakt zum Händler vor Ort fehle.

Beide Fachleute hoffen darauf, dass die positive Entwicklung zu einer tief greifenden, nachhaltigen Verhaltensänderung führt – bei Kunden und Produzenten.

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