So., 08.09.2019

72-Jähriger kämpft um Anerkennung der Gesundheitsschäden Ehemaliger Radar-Soldat leidet unter Strahlenfolgen

Joachim-Christian Gummich und Walter Mämpel (links) kämpfen seit Jahrzehnten für die Anerkennung gesundheitlicher Schäden als Spätfolgen von Röntgen- und Gammastrahlung. Sie gehörten zur ersten Generation von Radar-Technikern der Bundeswehr.

Joachim-Christian Gummich und Walter Mämpel (links) kämpfen seit Jahrzehnten für die Anerkennung gesundheitlicher Schäden als Spätfolgen von Röntgen- und Gammastrahlung. Sie gehörten zur ersten Generation von Radar-Technikern der Bundeswehr. Foto: Dembert

Von Daniela Dembert

Hiddenhausen (WB). Es geht ihm nicht um Geld. Der 72-jährige Joachim-Christian Gummich kämpft für die Anerkennung seiner berufsbedingten Gesundheitsschäden und dafür, dass sein ehemaliger Arbeitgeber endlich Verantwortung übernimmt.

Der Hiddenhauser war als Radar-Soldat der Bundeswehr von 1966 bis 74 unwissentlich dauerhaft Röntgen- und Gamma-Strahlen ausgesetzt. Heute leidet er unter Bluthochdruck, Arterienerweiterungen, hat zwei Herzinfarkte hinter sich und musste wegen eines Tumors eine Nebenniere entfernen lassen.

Radartechnik aus Amerika

Gemeinsam mit seinem Leidensgenossen Walter Mämpel (81) aus Hannover setzt sich der frühere Vorsitzende des Turnklubs Herford für eine Aufarbeitung der Gesundheitsschäden von Bundeswehrsoldaten durch Radarstrahlen ein.

»Es war die Zeit des Kalten Krieges. Da war schnelles Handeln gefordert. Die Radartechnik hat die Bundeswehr aus Amerika bekommen und ohne Umschweife genutzt. Sicherheitsanweisungen wa­ren zwar da, aber man hat sie schlicht nicht umgesetzt. Wir Soldaten wurden nie über die Risiken aufgeklärt«, erzählt Gummich.

Zeit allergrößter Anspannung

Weder er noch sein Kamerad verübeln der Wehr dieses Vorgehen. »Das war eine Zeit allergrößter Anspannung. Die Lage drohte, jederzeit zu eskalieren. 90-Stunden-Schichten waren da nicht selten«, beschreibt Gummich die Verhältnisse. Für sicherheitstechnische Maßnahmen sei einfach kein Raum gewesen.

»Wir wissen, dass dies zeitlich nicht möglich war. Aber der korrekte Weg wäre gewesen, die Geräte zu kaufen, sie ausmessen zu lassen, für Deutschland zuzulassen, Strahlenschutzrichtlinien zu erarbeiten und anzuwenden«, führt Mämpel aus, der von 1960 bis 72 Ausbilder an der technischen Schule der Luftwaffe war. Er hatte drei Zentimeter große Tumore in der Brust und am Hals: »Die Ärzte waren ratlos, was die Ursache betrifft. So ging es auch anderen Kameraden. ›Schicksalsbedingt‹ hieß es in den Akten.«

Eindeutige Zuordnung schwierig

Eine eindeutige Zuordnung von Strahlungsfolgeerscheinungen ist schwierig, zumal die Latenzzeit häufig sehr groß ist. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Katarakt, Immunschäden, Stoffwechselbeschwerden und ein erhöhtes Tumorrisiko.

Radargeräte erzeugen elektromagnetische Wellen, Röntgenstrahlung ist ein Nebenprodukt dieses Verfahrens. Zusätzlich waren die Soldaten Gamma-Strahlung ausgesetzt. »Die Radargeräte haben im Dunklen betrieben werden müssen, damit man die Displays gut auslesen konnte«, blickt Gummich zurück. »Um sich im finsteren Raum zurechtfinden zu können, waren die Schalter und anderes mit Radium 226-Leuchtfarbe beschriftet, mit der wir dann ständig in Hautkontakt gekommen sind.«

DNA-Studie zu Genschäden

Noch eine weitreichendere Spätfolge steht zur Diskussion. »Es ist die Frage, ob und in welchem Umfang die Strahlung erbgutverändernd gewirkt hat«, sagt Mämpel. Derzeit laufe, von der Bundesregierung finanziert, eine groß angelegte DNA-Studie zu Genschäden bei Nachfahren der Radar-Techniker an der Charité und der Universität Bonn. »Diese Untersuchungen sind ebenso wichtig wie brisant«, sagt Mämpel. Es sei von größter Wichtigkeit, dass möglichst viele Ehemalige und Nachkommen teilnähmen.

Bisher habe die Bundeswehr keinerlei Verantwortung für die Verstrahlung zigtausender Soldaten übernommen. »Entschuldigungen sind vom Verteidigungsministerium bis heute nicht ausgesprochen worden«, bedauert Gummich. In Amerika habe er zu einer Gruppe von Sammelklägern gehört, die die Herstellerfirma der Geräte verklagt hat. »Der Richter hat einen sehr konkreten Einstufungskatalog für Strahlenopfer verfasst, dem zufolge ich als Betroffener gelte. Jedoch nimmt die Bundeswehr ein amerikanisches Urteil nicht an.«

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