Di., 28.01.2020

Eilshauser Bluttat: Ministerium sperrt Informanten, weil es um dessen Leben fürchtet Ein ominöser Zeuge namens „Nuri“

Hintergrund der tödlichen Auseinandersetzung war ein Streit um Geld. Ferhan A (33, Foto) soll an der Tat beteiligt gewesen sein. Vor Gericht macht er keine Angaben.

Hintergrund der tödlichen Auseinandersetzung war ein Streit um Geld. Ferhan A (33, Foto) soll an der Tat beteiligt gewesen sein. Vor Gericht macht er keine Angaben. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Hiddenhausen (WB). War es doch ein Mord? Kann der Täter doch zweifelsfrei bestimmt werden? Ein Zeuge, dem die Ermittler Vertraulichkeit zugesagt haben, behauptet, genau zu wissen, dass Ismet A. (31) am 30. Mai vergangenen Jahres Raschad A. (30) auf offener Straße in Eilshausen niedergestochen hat. Das NRW-Innenministerium will aber nicht zulassen, dass das Landgericht Bielefeld ihn anhört. Zu groß sei die Gefahr für dessen Leib und Leben. Es fürchtet Vergeltung.

Am dritten Verhandlungstag vor der I. Strafkammer stand eigentlich die polizeiliche Vernehmung von Ferhan A. (33), dem Bruder von Ismet A., im vergangenen Juni im Mittelpunkt. Die geriet schnell zu Nebensache. Denn erstmals wurde öffentlich bekannt, dass es die Zeugenaussage eines Mannes gibt, der in den Akten unter dem Alias-Namen „Nuri“ geführt wird. Er hatte sich bei der Polizei gemeldet und erklärt, genaue Angaben zum Tathergang machen zu können – unter der Bedingung, dass man ihm Vertraulichkeit zusichere.

„Nuri“ hatte am 9. Juli 2019 gegenüber zwei Polizeibeamten erklärt, dass er wisse, dass Ismet A. Raschad A. niedergestochen habe. Blutverschmiert sei dieser nachts von einer seiner Schwestern abgeholt worden. Sie hätten geplant, dass Fluchtauto, eine blaue Mercedes A-Klasse, verschwinden zu lasse n. Bei einer zweiten Vernehmung am 19. Juli gab er an, ein drittes Mitglied der Familie A. sei an der Tat beteiligt gewesen.

„Gefahr für Leib und Leben“

Doch wie glaubhaft ist diese Aussage? Bekanntlich gibt es auch einen anonymen Brief , in dem der unbekannte Verfasser die Schuld auf sich nimmt und die Angeklagten entlastet. „Der hat aber nichts mit ‚Nuri‚ zu tun“, betont der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann. Er würde „Nuri“ gerne vor Gericht anhören. Denn könnte die Tat tatsächlich Ismet A. zugeordnet werden, stünde möglicherweise eine Verurteilung wegen Totschlags oder sogar Mordes im Raum. Die Brüder sind bislang nur wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, da keinem die 20 Messerstiche gegen Raschad A. konkret zugeordnet werden können.

Die Aussage der Vertrauensperson vor Gericht könnte allerdings mit der versprochenen Vertraulichkeit kollidieren – auch wenn der Zeuge unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Angeklagten oder auch für Außenstehende unerkennbar per Videoschaltung angehört würde. Richter Zimmermann hatte sich bereits im November an die Bielefelder Polizeipräsidentin Katharina Giere gewandt, um „Nuri“ als Zeugen benennen zu können – ohne Erfolg. Für den Mann sei trotz möglicher Sicherheitsvorkehrungen Gefahr für Leib und Leben nicht auszuschließen, erklärte Giere.

Erneute Eingabe ans Ministerium

Zudem würde die Gefahr der Enttarnung die Kriminalitätsbekämpfung erschweren. Künftige potenzielle Hinweisgeber, die auf Vertraulichkeit pochten, würden sich nicht mehr an die Polizei wenden. Am Freitag lag dann auch ein ablehnendes Schreiben des NRW-Innenministeriums auf Zimmermanns Schreibtisch. Aufgrund der „hohen kriminellen Energie der Angeklagten“ müsse die Identität des Zeugen unbedingt geheimgehalten werden.

Die Brüder und andere Familienmitglieder seien mehrfach rechtskräftig verurteilt; die kurdisch-jesidische Familie sei zudem mit einem hochkriminellen Clan in der Region verwandt, deren Mitglieder unter anderem wegen Mordes vor Gericht standen. Deshalb sei bei einer Enttarnung „mit Vergeltungsmaßnahmen zu rechnen“. Zeuge „Nuri“ sei kein klassischer V-Mann, habe sich aber auch in anderen Fällen bereits bewährt, erläutert eine Kriminaloberrätin aus dem Ministerium in dem mehrseitigen Schreiben.

Lediglich die Polizisten, die ihn vernommen hatten, erhielten eine „eingeschränkte Aussagegenehmigung“ für den Prozess. Zimmermann will das so nicht hinnehmen. Er hält die Sperrerklärung für „defizitär“ und will sich noch einmal mit einer Gegenvorstellung an das Ministerium wenden. Die Staatsanwaltschaft unterstützt ihn, „obwohl ich nicht glaube, dass das erfolgversprechend ist“, sagt Staatsanwalt Christoper York. Letztlich ist sogar eine Klage vor dem Verwaltungsgericht möglich.

Vernehmung nicht verwertbar

Zuvor hatten zwei Polizisten ausgesagt, die Ferhan A. nach seiner Festnahme am 6. Juni verhört hatten. Ihnen gegenüber gab der Berufskraftfahrer an, am 30. Mai, dem Tattag, morgens um 3 Uhr von einer Tour nach Hause gekommen zu sein. Den Lkw habe er vor seiner Wohnung in Eilshausen abgestellt. Am frühen Abend sei er zu seinen Eltern nach Herford gefahren und habe dort, wie sein mitangeklagter Bruder, die Nacht verbracht – sei also zum Tatzeitpunkt gegen 23 Uhr nicht in Eilshausen gewesen. Diese Aussage hatte er ohne anwaltlichen Beistand gemacht. Die GPS-Daten des Lkw belegten allerdings, dass das Fahrzeug nach 22 Uhr, also kurz vor der Tat, in Eilshausen bewegt worden sei, erklärte ein Polizist im Zeugenstand.

Eine zweite Vernehmung am Folgetag will das Gericht nicht verwerten. Die habe ohne Ferhan A.s Anwalt stattgefunden. Der hatte am Abend zuvor erklärt, dass sein Mandant keine Angaben zur Sache machen werde. Hintergrund der tödlichen Auseinandersetzung ist ein Streit um Geld: Raschad A. soll Ismet A. 1200 Euro geschuldet haben. Der Prozess wird am 12. Februar fortgesetzt.

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