Eilshauser Bluttat: Staatsanwältin spricht von „geplantem Racheakt“
Anklage fordert zehn Jahre Haft

Bielefeld/Hiddenhausen (WB). Als Claudia Bosse zum Ende ihres eineinhalbstündigen Plädoyers das für die Anklage angemessene Strafmaß verkündete, entglitten Ismet A. (32) und seinem Bruder Ferhan (34) kurzzeitig die Gesichtszüge: Zehn Jahre Haft für den mutmaßlichen Haupttäter und neuneinhalb Jahre für den älteren Komplizen forderte die Staatsanwältin.

Donnerstag, 29.10.2020, 19:04 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 19:08 Uhr
Seit Dezember müssen sich Ismet A. (32, vorne) und sein Bruder Ferhan (34) vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Bielefeld verantworten. Die Staatsanwaltschaft will sie für zehn beziehungsweise neuneinhalb Jahre hinter Gittern sehen. Foto: David Inderlied
Seit Dezember müssen sich Ismet A. (32, vorne) und sein Bruder Ferhan (34) vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Bielefeld verantworten. Die Staatsanwaltschaft will sie für zehn beziehungsweise neuneinhalb Jahre hinter Gittern sehen. Foto: David Inderlied

Sie sieht es als erwiesen an, dass die Sprösslinge einer türkischen Familie am 30. Mai 2019 gegen 23 Uhr auf der Bünder Straße in Eilshausen den Deutsch-Libanesen Raschad A. (30) niedergestochen haben – mit 20 Stichen, von denen jeweils zwei in die rechte und linke Seite des Oberkörpers tödlich waren. Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge lautet der Tatvorwurf.

Raschad A. war kurz nach dem „Exzess“, wie Bosse es beschrieb, vor der Bäckerei Hensel verblutet. „Es war ein geplanter Racheakt.“ 36 Stunden, nachdem das spätere Opfer dem Herforder Ismet A. im Streit um Schulden die Nase gebrochen und aufs Übelste beschimpft hatte, hätten die Brüder Vergeltung verübt. Der Hiddenhauser Ferhan A. habe den Deutsch-Libanesen per Telefon von dessen Wohnung an der Kampstraße zunächst vor die Sauna Foerdermann gelockt, dann zur Bäckerei Hensel. „Neben der Leiche wurden zwei Feuerzeuge gefunden, eines mit dem Aufdruck der Firma, bei der Ferhan A. arbeitete und das seine Fingerabdrücke trug, ein anderes mit DNA-Spuren von Ismet A.“, nannte Bosse zwei der wichtigsten Indizien. Zunächst hätten die Brüder mit einem Baseballschläger auf ihr Opfer eingeschlagen, dann mit einer mindestens 23 Zentimeter langen Klinge zugestochen – selbst als Raschad A. schon am Boden lag.

5000 Euro „Blutgeld“ gefordert

Dann seien sie mit Ismet A.s Auto, einer Mercedes A-Klasse, die später für 25 Euro nach Bulgarien verkauft worden war, Richtung Herford geflüchtet. Eine Anwohnerin, die als Zeugin angehört worden war, habe das von ihrem Fenster aus beobachtet. Sinngemäß will sie zuvor den Satz „Jetzt kriegst Du, was Du verdienst“ gehört haben. Wer von beiden zugestochen hat oder ob es beide waren, ist unklar. Die Brüder haben sich gegenüber der Polizei geäußert, von einer Auseinandersetzung gesprochen, vor Gericht jedoch nicht mehr. Noch zwei Stunden vor der Tat, so Bosse, habe Ismet A. Kontakt zu einem Bruder des späteren Opfers aufgenommen und 5000 Euro „Blutgeld“ als Wiedergutmachung gefordert.

Bereits seit Dezember müssen sich die mehrfach vorbestraften Brüder vor dem Landgericht Bielefeld verantworten. Ein Streit um etwa 1200 Euro, die das Opfer an Ismet A. nicht zurückzahlen wollte, soll der Auslöser der Bluttat gewesen sein. Der Prozess war nach 22 Verhandlungstagen Mitte Juli unterbrochen worden, da ein beisitzender Richter in Elternzeit gegangen war. Erst seit Anfang des Monates wird weiterverhandelt. Die Brüder waren anfangs wegen Mordes angeklagt, der Tatvorwurf wurde aber auf gemeinschaftliche Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Möglicherweise war auch noch ein dritter Täter beteiligt. Von ihm wie auch von der Tatwaffe fehlt jedoch jede Spur.

Urteil am Donnerstag

Seit Juni 2019 sitzen die Brüder in Untersuchungshaft. Aufsehen erregte der Prozess durch eine Anordnung des NRW-Innenministeriums , das einem Zeugen eine Aussage vor Gericht untersagt hatte. Zu groß sei die Gefahr für dessen Leib und Leben.

Am Montag folgen die Plädoyers der Verteidigung sowie der Nebenklage, der Familie des Opfers. Am Donnerstag will Richter Georg Zimmermann das Urteil verkünden.

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