Hiddenhauser Dieter Nolting erzählt seine Geschichte und berichtet von der Bedeutung des Blauen Kreuzes für Suchtkranke
Jeder kann sprechen, muss aber nicht

Hiddenhausen (WB) -

Treffen mit dem „Blauen Kreuz“ sind für abstinente und trockene Alkoholiker von immenser Bedeutung. Dieter Nolting aus Hiddenhausen erzählt, wie er vom Alkohol losgekommen ist.

Mittwoch, 10.02.2021, 12:43 Uhr
Dieter Nolting ist seit acht Jahren trocken. Das Blaue Kreuz hilft ihm, seine Suchterkrankung im Griff zu behalten.
Dieter Nolting ist seit acht Jahren trocken. Das Blaue Kreuz hilft ihm, seine Suchterkrankung im Griff zu behalten. Foto: Karin Koteras-Pietsch

„Wir könnten, wenn wir uns auf den Gesetzestext berufen, im Sinne der Daseinsvorsorge Treffen anbieten. Aber wir tun es nicht. Coronabedingt. Schließlich sind viele Menschen aus unserer Gruppe schon älter und zählen zur Risikogruppe“, sagt der Hiddenhauser Dieter Nolting. Aber er weiß auch: „Die Treffen der Blaukreuz-Gruppe sind so wichtig. Und wer Bedarf hat, sollte auf jeden Fall anrufen.“ Ein Gespräch helfe immer – auch am Telefon.

Dieter Nolting ist Mitte 40 als er feststellt, dass ohne Alkohol nichts mehr geht. „Wie das angefangen hat, ist heute schwer nachzuvollziehen.“ Er erlebt eine unauffällige Jugend, der Vater ging sonntags zum Frühschoppen, er selbst trank gern mit Freunden auf Dorffesten. Mehr nicht. Irgendwann, er war schon Ingenieur, griff er zum Feierabend-Bierchen. Immer öfter, dann jeden Abend. „Ich brauchte das um runterzukommen, den Druck zu verarbeiten“, erzählt der 63-Jährige heute. Der Konsum am Abend wurde stärker. Das Aufstehen am Morgen danach sei nicht schön gewesen. „So habe ich abends wieder aufgefüllt.“ Irgendwann habe er angefangen, auch tagsüber zu trinken. Der Kreislauf begann. Dieter Nolting hatte Sorge, Fehler zu machen, der Druck wurde größer. Privater Stress tat sein Übriges. Alles zu viel. Der Alkohol holte ihn wieder runter.

Über viele Jahre habe sich das hochgeschaukelt, „am Ende habe ich den Alkohol gebraucht“. Er sei abends ruhiger geworden, konnte gut schlafen. „Die letzten fünf bis zehn Jahre war ich ein so genannter Spiegeltrinker. Ich brauchte über den Tag einen gewissen Alkohol-Spiegel, um den Alltag bewältigen zu können,“ erinnert sich Nolting.

An das erste Mal, als er morgens zum Alkohol greifen musste, erinnert er sich noch gut. Er hatte ein heftiges Zittern, als er die Kaffeetasse hochnahm. Er stand auf, ging in den Keller, trank. Und eine halbe Stunde später „war alles gut“. Überall im Haus hatte er Alkohol versteckt „Und ich habe tatsächlich geglaubt, meine Frau merkt das nicht.“ Gesagt habe sie nie etwas.

Dieter Nolting hat ausschließlich Bier und Sherry getrunken. Alles andere sei ihm zu scharf gewesen. Betrunken habe er sich nie gefühlt. „Ich habe immer funktioniert.“

2012 machte sein Körper nicht mehr mit. Während eines Urlaubs brach er zusammen, musste ins Krankenhaus. „Ich begann eine ambulante Therapie bei der Diakonie und ging zum Blaukreuz. Aber das war nur ein Alibi“, gibt Nolting zu. Er sei einfach kopfmäßig noch nicht so weit gewesen. Während der Therapie trank er weiter, „es ging rapide bergab mit mir“. Ende 2012 brach er vollends zusammen. Am Ende musste er ja auch seinem Chef seine Situation beichten. Der reagierte damit, dass er Nolting unterstützte und ihn Anfang Januar 2013 zu seinem Gespräch zur Diakonie begleitete.

„Am 29. Januar 2013 habe ich meinen letzten Tropfen getrunken. An diesem Tag hat mich mein Sohn nach Georgsmarienhütte gebracht“, erzählt der Hiddenhauser. 1,6 Promille habe er am Morgen bei seiner Aufnahmeuntersuchung noch im Blut gehabt. Die Entgiftung begann an diesem Tag. „Die ersten drei Tage waren richtig hart“, erinnert er sich. Nach zehn Tagen folgte die sechswöchige stationäre Therapie. Anfangs begleitet von dem Gedanken: „Wie wollen die das schaffen, dass ich vom Alkohol wegkomme.“

Nach drei Wochen hatte sich der Schalter umgelegt. Und nach seinem Klinikaufenthalt durfte er gleich wieder arbeiten. „Der strukturierte Alltag hat mir sehr geholfen“, weiß Nolting. Was ihn doch überrascht hat: Alle Kollegen haben gewusst, dass er getrunken hat. Und nun unterstützten sie ihn.

Seit Dieter Nolting trocken ist, fühlt er sich frei. „Das Verstecken hat ein Ende.“ Sein Umfeld weiß Bescheid.

Wichtig für Nolting sind die regelmäßigen Treffen am Freitag beim Blaukreuz. Seit 2013 habe er, außer wenn er im Urlaub war, kein Treffen versäumt.

Inzwischen hat er seine Suchtproblematik aufgearbeitet, hat einen Lehrgang zum ehrenamtlichen Suchthelfer absolviert und agiert beim Blaukreuz als ehrenamtlicher Mitarbeiter . Er fühlt sich wohl in der Gruppe, Freundschaften seien hier schon entstanden. Wer ein Tief oder eine Krise habe, werde aufgefangen. Jeder könne sprechen, müsse aber nicht.

 

Das Blaue Kreuz

Menschen aus der Sucht helfen und sie auf dem Weg in einen Alltag ohne Suchtmittel begleiten – das ist das Ziel des Ortsvereins Eilshausen des Blauen Kreuzes Deutschland. 2019 kamen regelmäßig 40 bis 55 Teilnehmer zu den Freitagstreffen von 19.30 bis 21.30 Uhr in die Meierstraße 18. Coronabedingt durften im vergangenen Jahr zwischen erstem und zweitem Lockdown jeweils nur 30 Leute kommen. Allein 2020 hätten sich aber 24 neue Gruppenbesucher gemeldet. „Vor allem zu ihnen versuchen wir, den Kontakt aufrecht zu erhalten“, sagt Nolting. Der Bedarf ist enorm. Beim Blaukreuz treffen sich Mitglieder, Helfer, Hilfesuchende und Interessierte. Aktuell werden nur Online-Gruppenstunden angeboten. Ansprechpartner sind Dieter Nolting, Tel. 0172/5269332, und Hermann Hägerbäumer, Tel. 05223/1805306; Infos auch im Netz: www.blaues-kreuz-eilshausen.de

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