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Di., 03.05.2016

Zwei Schwestern erinnern sich an ihre Jugendzeit Kindheit auf dem Rittergut

Brigitte Scheibler (links) und Schwester Elsbeth Griese mit einem Gemälde des Guts.

Brigitte Scheibler (links) und Schwester Elsbeth Griese mit einem Gemälde des Guts. Foto: Kathrin Brinkmann

Von Kathrin Brinkmann

Kirchlengern (WB). Sie haben Mägde und Knechte bei heimlichen Treffen beobachtet, in der Küche Hühner gerupft und Kartoffeln von den Feldern geerntet. Noch heute erinnern sich die Schwestern Elsbeth Griese und Brigitte Scheibler mit Begeisterung an ihre Kindheit auf dem ehemaligen Rittergut Steinlacke.

»Schon unser Großvater Friedrich Wehmeier auf dem Gut gearbeitet. Er kümmerte sich um den landwirtschaftlichen Betrieb und um die Pferde. Unser Vater fuhr den alten Hanomag-Trecker – der hatte im Herbst oft Eisenräder, damit er nicht im Schlamm versank«, sagt Brigitte Scheibler. Die 69-Jährige und ihre Schwester (68) kamen im alten Ziegeleihaus auf dem Gutsgelände zur Welt, in dem sechs Arbeiterfamilien lebten.

»Spielzeug hatten wir nicht. Zum Geburtstag bekamen wir Taschentücher, Schokolade und Buntstifte. Gespielt haben wir draußen, Buden gebaut und bei der Feldarbeit geholfen«, sagt Elsbeth Griese.

Jeden Herbst habe es auf dem Gut eine Treibjagd gegeben. »Die Arbeiter mussten das Wild für die Jagdgesellschaft zusammentreiben. Wir Kinder blieben im Haus«, sagt Brigitte Scheibler. Danach sei das Wild ins Haus gebracht worden und im Festsaal habe »das große Fressen« begonnen. »Das Essen wurde aus der Küche im Keller per Aufzug in den Festsaal geschickt. Wir haben danach das Geschirr in einem kleinen Waschbecken gespült. Bis zu fünf Frauen haben in der Küche geholfen. Maschinen gab es ja kaum. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.« Das Gut habe über eine eigene Schmiede, eine Imkerei, Gärtnerei, Stellmacherei und ein Waschhaus verfügt.

Mutter Adele Wehmeier sei als Kriegerwitwe auf das Gut gekommen. »Ihre Cousine absolvierte dort ein Pflichtjahr im Haushalt. Sie traf auf unseren Vater, der noch Junggeselle war und erzählte ihm von unserer Mutter. Die besuchte ihn und blieb gleich dort«, sagt Brigitte Scheibler. Sie erinnert sich daran, wie sie von den Besitzern des Guts, der Familie von Borries, zum Kindergeburtstag im Kaminsaal eingeladen wurde. »Das war schon ein Ereignis, an so einer Tafel zu speisen.« Bis heute habe sie den Geschmack der Buttercremetorten nicht vergessen. Auch Krippenspiele und Schlittenfahrten habe Edle von Borries für die Kinder organisiert. Im Herbst wurde das Erntedankfest mit allen Mitarbeitern gefeiert.

Das Leben war weit weniger luxuriös als heute: »Jede Magd hatte einen Schrank, ein Bett, einen Stuhl und einen Topf mit Wasser. Viel mehr brauchte man nicht. Und die Arbeit auf dem Feld war hart«, sagt Elsbeth Griese. Ihre Großmutter Wilhelmine Wehmeier haben die Schwestern nur im Trauerkleid in Erinnerung. »Sie hatte drei Söhne im Krieg verloren. Die schwarze Tracht hat sie zeitlebens getragen.« Zudem überschattete ein tragischer Unfall das Familien-Glück: »Unsere Cousine Erika kürzte mit unserer Tante jeden Tag den Weg zur Schule ab über die Bahnbrücke. Einen Tag kam der Zug wohl später als sonst, da wurde sie vom Zug erfasst und getötet – sie war erst zehn.«

Trotz dieses Unglücks blickt Brigitte Scheibler überwiegend positiv auf ihre Kindheit auf dem Gut zurück: »Dort habe ich meine erste Liebe kennen gelernt. Er hieß Gerd und war etwa zehn Jahre älter. Ich war vielleicht zwölf und habe ihn heimlich angeschwärmt. Als er ein Techtelmechtel mit einer Magd hatte, wäre ich zu gerne an ihrer Stelle gewesen. Später ist er nach Kanada ausgewandert.«

Auf dem Gut zu bleiben, war für die Schwestern keine Option. »Als die Maschinen kamen, brauchte man kaum noch Arbeiter. Trotzdem wünschen wir uns oft, unsere Kinder hätten so etwas auch erlebt.«

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