Do., 12.09.2019

Gemeindearchiv Kirchlengern erhält die Feldpost eines Soldaten Briefe an die Mutter

Eine der beiden Schachteln, die die Feldpost des Soldaten Edwin Schoknecht junior enthalten. Die Zeitdokumente werden nun im Gemeindearchiv aufbewahrt.

Eine der beiden Schachteln, die die Feldpost des Soldaten Edwin Schoknecht junior enthalten. Die Zeitdokumente werden nun im Gemeindearchiv aufbewahrt. Foto: Hilko Raske

Von Hilko Raske

Kirchlengern  (WB). Ein Verbrechen, das fast 100 Jahre zurückliegt, hat jetzt dazu geführt, dass das Gemeindearchiv Kirchlengern um zahlreiche lokalgeschichtliche Dokumente reicher geworden ist.

Jörg Militzer, der in Bünde unter anderem die Geschichtswerkstatt ins Leben gerufen hat und sich seit vielen Jahren mit der regionalen Historie auseinandersetzt, hat nun Bürgermeister Rüdiger Meier die Feldpostbriefe des in Stift Quernheim geborenen Edwin Schoknecht junior überreicht. Schoknecht junior nahm als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil und hatte diesen unversehrt überstanden.

Vater erschossen

In den Besitz dieser Briefe aus den 1940er-Jahren gelangt ist Militzer durch seine Recherchen über das Schicksal des Vaters von Edwin Schoknecht junior. Der war in den 1920er-Jahren Landjäger, also Polizist, in der Ortschaft Stift Quernheim. In der Nacht des 20. Oktober 1923 ertappte Scho­knecht gemeinsam mit einem Kollegen, dem Oberlandjäger Wilhelm Jonat, in Rehmerloh drei Einbrecher auf frischer Tat. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem Scho­knecht so schwer verletzt wurde, dass er noch in der gleichen Nacht verstarb.

Gedenkstein in Rehmerloh

»Elf Jahre später wurde ihm in Rehmerloh ein Gedenkstein gesetzt. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich an die Geschichte herangewagt habe – denn keiner kennt heute noch etwas aus dem Leben dieses Landjägers«, sagt Militzer. Für das historische Jahrbuch des Kreises Herford, Ausgabe 2017, verfasste Militzer in der Folge den Artikel »Edwin Schoknecht und Wilhelm Pieper – zwei Kirchlengeraner Biografien im Zeichen des Hakenkreuzes«.

Bei seinen Recherchen über das Leben von Edwin Schoknecht setzte sich Militzer auch mit dem Schicksal der Witwe Auguste Schoknecht und des Sohnes Edwin Schoknecht junior auseinander. »Der hat seinen Vater nie kennengelernt«, so Militzer. In seiner Zeit als Soldat habe Schoknecht junior einen intensiven Briefwechsel mit seiner Mutter Auguste geführt. »Ein Zeichen dafür, dass sie eine sehr innige Beziehung hatten«, sagt der Ortshistoriker. Nach Kriegsende hat Schoknecht junior eine Laufbahn als Zollbeamter eingeschlagen. 1988 ist er dann in Sarstedt südlich von Hannover verstorben. Seine Mutter Auguste, die übrigens nie wieder heiratete, ist 93 Jahre alt geworden – sie starb 1992 im Bünder Altenheim Jacobi-Haus.

Für die Nachwelt erhalten

Militzer konnte die letzte Adresse des Sohnes ausmachen. Der war zu diesem Zeitpunkt zwar schon verstorben. »Ich hatte aber das Glück, mit seiner Lebensgefährtin Rosemarie Müller sprechen zu können.« Bei einem der Besuche habe sie ihm zwei Kartons mit Briefen überreicht – die waren im Keller deponiert gewesen. »Ich wurde gebeten, die Briefe für die Nachwelt zu erhalten.« Mit der Übergabe an das Gemeindearchiv komme er diesem Wunsch nach, so Militzer.

Als eine Bereicherung des Gemeindearchivs bezeichnete Bürgermeister Rüdiger Meier die Feldpostbriefe. »Sie liefern die Inneneinsicht eines Menschen, der in schwierigen Zeiten groß geworden ist.« Es sei wichtig, das dem Vergessen zu entreißen. Er könne sich vorstellen, dass die Briefe Gegenstand eines Schulprojektes würden – ähnlich der Dokumentation, die bereits in Zusammenarbeit mit der Erich-Kästner-Gesamtschule zum Thema »Holländische Zwangsarbeiter in Kirchlengern« verfasst worden sei.

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