In Prozess um den Penny-Überfall in Kirchlengern geht es um mehrjährige Haftstrafen
Mit Axt und Hammer im Einkaufsmarkt

Kirchlengen/Lübbecke (WB). Das deutsche Strafrecht kennt Tatbestände, die manchmal etwas seltsam klingen. Zum Beispiel der besonders schwere Raub in einem minderschweren Fall. Ob der Überfall auf den Penny-Markt in Kirchlengern vom vergangenen Januar so einer ist, darüber muss sich die 20. Strafkammer des Landgerichts Bielefeld ihre Gedanken machen. Die Verteidiger der beiden Lübbecker, die die Tat begangen haben, glauben es. Der Staatsanwalt nicht.

Donnerstag, 25.06.2020, 08:28 Uhr aktualisiert: 25.06.2020, 10:08 Uhr
Am 21. Januar war der Penny-Markt an der Elsestraße in Südlengern überfallen worden. Foto: Daniel Salmon
Am 21. Januar war der Penny-Markt an der Elsestraße in Südlengern überfallen worden. Foto: Daniel Salmon

Wie berichtet, hatten die beiden Lübbecker (36 und 48) am 21. Januar kurz vor Ladenschluss den Einkaufsmarkt ausgeraubt. Der Jüngere wurde ein paar Stunden später in der Nähe des Tatortes in einem Gebüsch von der Polizei aufgespürt, der Ältere hatte es geschafft, das Gebäude unbemerkt zu verlassen. Er verschwand ins Ausland und wurde zwei Wochen später bei der Einreise festgenommen.

Spielschulden als Motiv

Die sozialen Medien sind schuld, die Spielautomaten, die Schulden vom Zocken, der Alkohol. Das könnten sie sagen, die beiden Angeklagten. Tun sie aber nicht: Sie nehmen die Schuld auf sich , bereuen, entschuldigen sich. Der Ältere nicht nur bei den Zeugen des Überfalls, die sie mit ihrer Vorgehensweise auch zu Opfern gemacht haben, sondern auch bei seiner Familie und sogar „dem deutschen Staat“, der ihm in der Not schon mal geholfen habe. Er weint, noch einmal, so wie zuvor beim Vortrag des psychiatrischen Gutachters zur Lebens- und Suchtgeschichte der beiden Männer. Sie haben ein Alkoholproblem, und sie zocken gerne. Das aber in durchaus unterschiedlichem Maße. Der 36-Jährige hat mittlerweile fast 200.000 Euro Schulden, er schätzt, dass er in seinem Leben bis zu einer halben Million Euro in Spielautomaten und Online-Wetten verballert hat – Höchstsumme an einem Tag 23.500 Euro.

Der 48-Jährige gibt sich im Vergleich dazu eher mit Kleckerbeträgen zufrieden und hatte eine Art Limit von 300 Euro pro Tag. Seine Schulden von etwa 60.000 Euro stammen aus Konsumkrediten. Beide trinken gerne mal einen, und so wird der Hinweis eines der Verteidiger von einem der vorhergehenden Verhandlungstage, die Angeklagten hätten sich vor dem Überfall Mut angetrunken, nicht weiter hinterfragt. Immerhin hat die Polizei in dem Auto, mit dem sie zu Penny-Markt fuhren, eine halb volle Flasche Whiskey im Fußraum gefunden und noch eine ungeöffnete als Reserve im Kofferraum – der 36-Jährige könnte zur Tatzeit bis zu 1,7 Promille im Blut gehabt haben.

Hohe Beute erwartet

50.000 Euro Beute, sagte der Jüngere, hätten sie erwartet. Das kommt davon, wenn man irgendwelches Geschreibsel in den sozialen Netzwerken für bare Münze nimmt. Tatsächlich waren es keine 4500 Euro, die sie einsackten. Dass der Ältere einen Vorschlaghammer dabei hatte und der Jüngere eine Axt, die so kunstvoll umwickelt war, dass sie für ein Gewehr hätte gehalten werden sollen, macht die ganze Sache zum schweren Raub. Dass der Vorschlaghammer, wenn auch „nicht so doll“, an den Kopf einer Verkäuferin gedrückt wurde, macht den Raub besonders schwer.

Für Staatsanwalt Dr. Leenert Klattenberg ist damit der Fall klar: Er beantragt für den 48-Jährigen sechs Jahre Haft, für den 36-Jährigen „nur“ viereinhalb, denn der hatte so genannte Aufklärungshilfe geleistet – sprich seinen entschwundenen Kumpan identifiziert, die Polizei zum Tatfahrzeug und zur Beute geführt.

Urteil am Freitag

Minderschwere Fälle hingegen sehen die beiden Verteidiger, wegen der nicht ausgeübten Gewalt, wegen der Bewaffnung, die ja schon einen erheblichen Abstand etwa zur scharfen Schusswaffe erkennen lasse. Und wegen des Alkohols. „Die haben sich doch im Auto richtig weggepichelt“, stellte Rechtsanwalt Martin Mauntel fest. Minderschwer auch, weil sein Mandant ganz freiwillig wieder nach Deutschland gekommen sei, trotz der Angst vor dem Knast. Drei Jahre und neun Monate Haft seien angemessen, dazu eine Unterbringung in einer Langzeittherapie. Sein Kollege Dr. Lutz Klose beantragte für den 36-Jährigen „eine milde Strafe“.

Das Gericht will sein Urteil am Freitag verkünden.

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