Do., 21.03.2019

Gebürtige Löhnerin berichtet, wie sie die Brexit-Debatte in London erlebt und welche Sorgen sie hat Stürmische Zeiten auf der Insel

Jaiden (von links), Marley, Isaac und India fühlen sich in Großbritannien zuhause. Für ihre Mutter Simone Gould (Mitte) und Vater Colin kommt Auswandern daher trotz Brexits nicht infrage. Simone Gould hat deutsche Pässe für ihre vier Kinder beantragt, um weiterhin unkompliziert reisen zu können.

Jaiden (von links), Marley, Isaac und India fühlen sich in Großbritannien zuhause. Für ihre Mutter Simone Gould (Mitte) und Vater Colin kommt Auswandern daher trotz Brexits nicht infrage. Simone Gould hat deutsche Pässe für ihre vier Kinder beantragt, um weiterhin unkompliziert reisen zu können. Foto: Anna Pia Möller

Von Anna Pia Möller

Löhne/London (WB). Seit Tagen weht ein eisiger Wind über die Insel. Und auch im Innern der britischen Nation geht es stürmisch zu. Eine Abstimmung jagt die nächste im Unterhaus, aber eine Einigung zum Austrittsvertrag bleibt aus. »Das ist doch alles verrückt«, findet auch Simone Gould. Die Löhnerin lebt seit 18 Jahren im Vereinigten Königreich.

Angst mache ihr der Brexit nicht, aber einige Sorgen plagten sie schon, sagt Simone Gould. 2001 kommt sie für den Job nach London. Die gelernte Werbekauffrau will eigentlich nur ein Jahr bleiben, aber nach drei Monaten lernt sie ihren Mann Colin kennen, der als IT-Spezialist in der City, dem Londoner Bankenviertel, tätig ist. Die beiden heiraten und gründen eine Familie. Also bleibt Simone.

Simone Gould sorgt sich um die Zukunft Großbritanniens. Seit 18 Jahren lebt die gebürtige Löhnerin dort. Foto: Anna Pia Möller

So wie viele andere Deutsche. Mehr als 300.000 Bundesbürger leben schätzungsweise im Vereinigten Königreich, 50.000 davon im Großraum London. »Die deutsche Community hier ist riesig«, sagt Simone. Und so ist auch ein deutscher Plausch in ihrem Lieblingscafé nicht ungewöhnlich.

Ein »Hallo« dringt durch das Gewirr aus englischen Unterhaltungen. Es ist eine der Lehrerinnen, die in der deutschen Samstagsschule unterrichtet, die Simone seit mehr als vier Jahren mit einer Freundin leitet. Die beiden Frauen unterhalten sich kurz. Thema ist natürlich der Brexit. »Wir wissen ja überhaupt nicht, was auf uns zukommt. Jetzt müssen wir erstmal abwarten. Wenn es ganz schlimm wird, gehen wir halt zurück nach Deutschland«, sagt die Bekannte. Solche Aussagen hört Simone häufig aus ihrem Umfeld. In die Samstagsschule kommen 200 Kinder – »Halb-Deutsche«, die in Großbritannien aufwachsen. Ziel ist es ihnen die Sprache und Kultur ihres einen Elternteils näher zu bringen. Gemeinsam feiern sie Karneval und Sankt Martin und basteln Schultüten für den Schulanfang. »Das gibt es hier alles nicht, aber uns, als deutschen Eltern ist es wichtig, dass unsere Kinder das kennenlernen«, erklärt Simone.

Sorge um eigenes Business

Vier Tage pro Woche arbeitet sie weiterhin in einer PR-Agentur, aber die Samstagsschule nennt sie »ihr Baby«. Seit Simone sie vor vier Jahren übernommen hat, hat sie viele neue Plätze geschaffen um der großen Nachfrage gerecht zu werden. Direkt nach dem Referendum sei die Nachfrage angestiegen. »Da war es vielen Eltern plötzlich wichtiger, dass ihre Kinder Deutsch lernen.« Aber je näher der Brexit käme, desto weniger Anfragen gebe es, zumindest gefühlt. »Viele Familien überlegen nach Deutschland zu gehen und damit wird unsere Zielgruppe hier kleiner«, sagt Simone.

Neben dieser großen Angst, ihr selbstaufgebautes Business könnte unter dem Brexit leiden, sorgt sie sich um viele Kleinigkeiten. Roaminggebühren, Passkontrollen, internationaler Führerschein. »Unsere Besuche bei meiner Familie in OWL werden dann sicher komplizierter.« Doch auch das sind nur Vermutungen, denn Regelungen gibt es noch zu keinem dieser Punkte. Viel zu vage ist der Vertrag über den Premierministerin Theresa May dieser Tage wieder und wieder abstimmen lässt.

Am 23. März findet der »People´s Vote March« statt – eine Demo für ein neues Referendum. Der Veranstalter rechnet mit »Hunderttausenden« Teilnehmern. Die Samstagsschule kann Simone dafür nicht schließen, aber sie hofft, so viele Lehrende und Familien wie möglich auffordern zu können, nach dem Unterricht daran teilzunehmen. »Ich glaube, es könnte gerade jetzt noch einmal wichtig sein, ein Zeichen zu setzen.« Denn die Hoffnung auf ein zweites Referendum bleibt. Obwohl es dafür derzeit keine Mehrheit im Parlament gibt und die EU wegen der anstehenden Wahlen Druck macht. »Wir hoffen auf ein Wunder.«

Umzug ist kein Thema

Doch auch wenn es letztlich zum Brexit kommen sollte, steht für die Goulds fest: Sie wollen bleiben. »Mein Mann sagt zwar, er könne sich gut vorstellen zum Beispiel in Bad Oeynhausen zu leben, aber aus beruflichen Gründen käme für ihn eigentlich nur Frankfurt am Main infrage und dazu haben wir gar keinen Bezug«, sagt Simone. Dreimal im Jahr kommt die sechsköpfige Familie in die ostwestfälische Heimat der Mutter. Im Winter geht es auf den Bad Oeynhausener Weihnachtsmarkt – der Besuch am Schweinebrunnen am Morgen des Heiligabends hat auch für die deutsch-englische Familie Tradition – und im Sommer verbringen sie die meiste Zeit im Löhner Freibad. »Beides genießen wir sehr, weil es das in der Form hier nicht gibt.«

Dennoch: Die Heimat von Jaiden (15), India (13), Isaac (9) und Marley (8) ist Großbritannien. Zuhause bei den Goulds wird meistens Englisch gesprochen. Vater Colin versteht Deutsch zwar, spricht es aber nicht. Die Kinder können sich auch auf Deutsch verständigen, sprechen aber lieber Englisch. »Wenn wir vor dem Brexit fliehen würden, hätten wir in Deutschland andere Probleme: die Sprache, die Schule, der Job«, sagt Simone. Ihr Familienleben sei so gefestigt in Kingston, einem hübschen Vorort von London, dass ein Umzug nach Deutschland nie ernsthaft zur Debatte stand.

Deutsche Pässe beantragt

Für sich selbst hat Simone noch keine Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Sie habe keine Angst gehen zu müssen. Zu lange lebe sie bereits im Vereinigten Königreich und zu sehr sei sie durch ihre Familie an das Land gebunden. Deswegen wartet sie ab, bis alle Ungewissheiten geklärt sind und eine Regelung für in Großbritannien lebende EU-Bürger gefunden ist. Für die Kinder hat sie jedoch vor wenigen Wochen die deutschen Pässe in der Botschaft beantragt. Bislang war das nicht nötig gewesen. Auch in Zukunft dürfte das aber einen problemlosen Besuch bei der Familie in Deutschland garantieren – zumindest für Mutter und Kinder. »Als die Pässe in der Post waren, war ich schon sehr glücklich und auch etwas stolz«, sagt Simone.

Pässe beantragen und auf ein Wunder hoffen – mehr kann sie gerade nicht tun. Es sei dieses Gefühl der Ohnmacht, das einen fertig mache. In weniger als zwei Wochen sollte Großbritannien aus der EU ausgetreten sein. Sicher ist nur, dass der Stichtag des 29. Märzes nicht einzuhalten ist. Alles andere bleibt Ungewiss.

»Niemand wusste, wofür er stimmt«

Verständnis hat Simone Gould für die britische Regierungschefin nicht. »Sie sagt man müsse den Menschen liefern, wofür sie gestimmt haben. Dabei wusste doch damals niemand wofür er stimmt.« Das Ergebnis, damals, vor zwei Jahren, sei ein Schock gewesen. In und um London habe sich der Tag danach angefühlt wie ein Trauertag. In dieser Gegend hatte ein Großteil der Bürger gegen den Brexit gestimmt. »Ich war mir damals sicher, dass es dazu nicht kommen würde. Ich hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass die EU-Gegner diese Abstimmung für sich entscheiden«, sagt Simone. Daher hätte sie sich zu diesem Zeitpunkt nur wenig mit der Debatte beschäftigt – Abstimmen durfte sie als EU-Bürgerin ohne britische Staatsangehörigkeit sowieso nicht. Das hat sich nun geändert. Sie verfolge die politischen Ereignisse jetzt sehr intensiv, wie sie sagt. Die Hoffnung, noch etwas an dem großen Debakel ändern zu können, bleibt.

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