Do., 07.11.2019

Felix Benneckenstein berichtet in Löhne vor 120 Schülern über seinen Weg aus der Neonazi-Szene Ausstieg Rechts

Wenn Felix Benneckenstein redet, herrscht im Saal Stille. In der Werretalhalle hat der Ex-Neonazi über seinen Ausstieg berichtet.

Wenn Felix Benneckenstein redet, herrscht im Saal Stille. In der Werretalhalle hat der Ex-Neonazi über seinen Ausstieg berichtet. Foto: Louis Ruthe

Von Louis Ruthe

Löhne (WB). Vom Rechts­rocker in der Münchener Neonazi-Szene zum Aussteiger und inzwischen Aufklärer zum Thema Rechtsextremismus, der bundesweit unterwegs ist: Diesen Weg ist der 33-jährige Ex-Neonazi Felix Benneckenstein gegangen. Am Mittwoch hat er sich in der Werretalhalle in Löhne den Fragen von Schülern des Städtischen Gymnasiums (SGL) gestellt.

»Ich bin in einer weltoffenen Familie groß geworden. Mein kleiner Bruder hat das Down-Syndrom. Doch das hat mich als 14-Jährigen nicht davor bewahrt, die Neonazi-Szene interessant zu finden«, berichtete Felix Benneckenstein. Egal wie weltoffen die Erziehung der Eltern sei, in seinen Jahren in der Szene habe er gelernt, dass es für niemanden einen automatischen Schutz gegen die Radikalisierung am rechten Rand gebe. »Vor dem Hass auf andere Menschen ist niemand geschützt«, sagte er.

Bei der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen mangelnder Bildung und Radikalisierung gebe, musste der Gast schmunzeln. »In der Szene gibt es zwei Typen. Den Sadisten und den Idealisten«, berichtete er. Der Sadist sei jemand, der geschichtliche Fakten gut ausblenden könne und sie verleugne.

»Bei denen spielen vor allem Verschwörungstheorien eine große Rolle«, sagte Felix Benneckenstein. Der Idealist hingegen sei jemand, der das System, die Regierung in Frage stelle und sich gerne in der Opferrolle wäge. »Da sind dann auch Leute dabei, die durchaus eine beachtliche akademischen Laufbahn hinter sich haben«, führte er aus.

»Ich bereue, das ich Neonazi geworden bin. Vermissen tue ich nichts«

Sein eigener Ausstieg hat mehr als drei Jahre gedauert. »Als Musiker bin ich in der Szene ein kleiner Star gewesen. Mein Name ist in den Kreisen bekannt gewesen«, sagte Benneckenstein. So etwas würde einen Ausstieg enorm erschweren. »Bereuen Sie den Ausstieg, oder vermissen Sie vielleicht etwas?«, fragte der Löhner Gymnasiast Maximilian (16). Felix Benneckenstein senkte in diesem Moment den Kopf, hielt das Mikro an sein Kinn, überlegend.

»Ich bereue, das ich Neonazi geworden bin. Vermissen tue ich nichts. Ich bin froh, den Weg aus der Szene geschafft zu haben«, sagte er. Immer wenn er vor Schülern oder Bürgern stehe, schäme er sich für sein ehemaliges Ich. »Erst in den vergangenen Jahren ist mir so recht bewusst geworden, was für einen Mist ich gesungen, oder was für unfassbare Parolen ich voller Begeisterung gerufen habe«, berichtete er.

»Die Neonazis lieben es, wenn am Rand ihres Aufmarsches Vermummte stehen«

Die Frage, inwieweit der Aussteiger heute in Angst vor Vergeltungsaktionen aus der Szene leben müsse, stimmte ihn offenbar nachdenklich. »Solche Dinge muss ich immer abwägen«, meinte er. Klar gebe es Gegenden, wie den so genannten Dortmunder-Nazi-Kiez im Stadtteil Dorstfeld, wo er sich nicht unbedingt blicken lassen sollte. Jedoch in den meisten Großstädten fühle er sich sicher.

»Auch wenn in den Medien der sogenannte Rechtsruck in Deutschland umher geht. Die Neonazi-Gruppen werden kleiner. Der Aufschrei nur immer lauter«, berichtete er. Und auf Hass-Nachrichten auf der Mailbox oder in den Sozialen Medien reagiere er zunehmend gelassener.

Auch der Neonazi-Aufmarsch am Samstag in Bielefeld war Thema unter den Jugendlichen. »Wie verhält man sich als Bürger bei solch einem Aufmarsch«, fragte Schüler Louis (16). »Die Neonazis lieben es, wenn am Rand ihres Aufmarsches Vermummte stehen und sie versuchen, zu stören«, sagte Benneckenstein. Dann würden sich die »Idioten« erst recht in ihrer Weltanschauung bestätigt sehen.

Etwa 740 Ex-Neonazis haben den Ausstieg über »Exit-Deutschland« geschafft

»Bei solchen Aufmärschen ist es wichtig, dass die ganz normale Bürgerschaft sich erhebt, für Lärm sorgt und den Neonazis zeigt, dass die Mehrheit bunt ist«, sagte er. Auch wenn durch den Protest gegen solche Aufmärsche leider niemand der Maschierenden zur Besinnung kommen würde.

Das versucht er mit seiner Arbeite bei »Exit-Deutschland«. Seit dem Jahr 200o hat die Initiative etwa 740 Rechtsextreme bei ihrem Ausstieg unterstützt. »Wir polen die Leute ideologisch nicht um«, berichtete er. Er helfe den Aussteigern beispielsweise bei der Neugestaltung des persönlichen Umfeldes, da mit dem Ausstieg auch meistens alle Freundschaften verloren gingen. »Bei uns geht es um die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Überwindung der Weltanschauung«, sagte er.

In Kooperation zwischen Volkshochschule (VHS), dem Bündnis Vielfalt sowie der Stadt ist die Veranstaltung für die Schüler organisiert worden.

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