So., 19.01.2020

Landwirte werben vor Löhner Supermärkten um Verständnis für ihre Arbeit Nicht länger das Bauernopfer sein

Von Andrea Berning

Löhne (WB). „Unser Ziel ist es sicher nicht, hier Leute beim Einkaufen zu behindern oder zu stören. Wir sind da, damit man mit uns sprechen kann, und wir wollen einladen und über unsere Arbeit informieren“, sagt Landwirt Jens Müller.

Er ist der Motor hinter den Aktionen, die am Freitagnachmittag vor drei Löhner Supermärkten liefen: Auf den Parkplätzen des Markant-Marktes in Löhne-Ort sowie von Edeka Brinkmann an der Königstraße und in Mennighüffen standen insgesamt etwa 15 Landwirte aus Löhne an Stehtischen oder in Eingängen.

Sie luden die Kunden zum Gespräch über heimische Landwirtschaft ein. Und wer sich interessiert zeigte, erhielt als Dankeschön einen Flyer und eine Kartoffel zur Erinnerung an diesen Austausch.

Seit Herbst 2019 in einer Facebook-Gruppe organisiert

In Löhne-Ort waren es Tobias Hachmeister, Ralf Pahmeyer, Stefan Stuke und Eckhard Anker, die ihre Schlepper vor dem Markt parkten und über die Sorgen heimischer Landwirte informierten. Die Bewegung, die sich „Land schafft Verbindung“ nennt, ist noch jung, aber sehr aktiv. Sie entstand im Herbst 2019 aus einer Facebook-Gruppe heraus, wuchs immer mehr und organisierte zum Beispiel große Trecker-Demos in Bonn und Berlin. Auch am Freitag gab es überregionale Aktionen, etwa in Bremen.

Landwirte wie Jens Müller möchten aber gern vor Ort mit den Löhnern ins Gespräch kommen. Der Schweinezüchter und -mäster vom Wittel, einer von zwei verbliebenen Ausbildungsbetrieben im Stadtgebiet, steckt gerade viel Arbeitszeit in diese Form von Verbraucheraufklärung. Aber die Landwirte stehen unter Druck, sie wollen nicht länger das „Bauernopfer“ der Politik und der Sündenbock der Gesellschaft sein.

Im Winter Erdbeeren aus Spanien kaufen oder Spargel aus Peru, argentinisches Rindfleisch oder Mastgänse aus Polen, aber die Landwirte vor Ort wegen angeblicher Massentierhaltung oder Monokultur für Umweltbelastungen verantwortlich machen – diese Denkweise können Jens Müller und seine Berufskollegen nicht nachvollziehen.

„Wir arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie“

Auf laminierten Plakaten – gut gegen den nachmittäglichen Nieselregen – stellen sie dar, was sie aufregt: dass beispielsweise das Mercosur-Abkommen mit Südamerika die Einfuhr von ihrer Ansicht nach belastetem Fleisch ermöglichen wird, während die heimische Landwirtschaft immer strengeren Kontrollen unterliege.

Davon kann Tobias Hachmeister, Betreiber eines Hofladens, ein Lied singen, während Jens Müller die immer stärker werdende Bürokratie kritisiert: Zusammengerechnet verbringe er einen Arbeitstag pro Woche am Schreibtisch, um allen behördlichen Vorschriften gerecht zu werden.

„Wir arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie“, sagt Ralf Pahmeyer, der jüngste der Landwirte auf dem Markant-Parkplatz. Das täten die Bauern schon deswegen, um ihre Höfe für die nächsten Generationen zu erhalten. Doch das Unverständnis der Bürger gegenüber der Landwirtschaft wird nach Ansicht der Protestierenden auch deshalb größer, weil kaum jemand noch einen direkten Bezug habe: „Anfang des 20. Jahrhunderts war noch jeder Zweite in der Landwirtschaft tätig, heute weniger als zwei Prozent“, rechnet Tobias Hachmeister vor.

EU-Vorgaben stehen zur Debatte

Ralf Pahmeyer ärgert sich, dass den Landwirten nicht zugetraut wird, dass sie ihre Verantwortung ernst nehmen: „Wir arbeiten mit Lebewesen. Das ist anders, als wenn man Holzstücke bearbeitet.“ Jens Müller nerven die Vorgaben der EU, die „in Deutschland immer zu 120 Prozent“ umgesetzt würden. Und darüber, dass es nach 2017 schon wieder eine neue Düngemittelverordnung geben solle, obwohl die Ergebnisse der ersten sich erst noch auswirken müssten, informierten die Landwirte ebenfalls im Gespräch.

Jens Müller freut sich über die Aktion in Absprache mit den Betreibern des Markant-Marktes und der Edeka-Brinkmann-Märkte. Anderswo in Löhne seien die Landwirte nicht willkommen gewesen, bedauert er. Im übrigen Kreis Herford wurde noch vor drei weiteren Läden informiert. Weitere Aktionen sollen bald folgen.

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