Sa., 14.03.2020

An diesem Samstag vor 75 Jahren haben US-Kriegsflugzeuge weite Teile von Löhne bombardiert Zeitzeuge berichtet von der Bombardierung Löhnes vor 75 Jahren

Neben Wohnhäusern und der Kirche in Mahnen sind auch viele Industriebetriebe getroffen worden.

Neben Wohnhäusern und der Kirche in Mahnen sind auch viele Industriebetriebe getroffen worden. Foto: Stadtarchiv Löhne

Von Dominik Rose

Löhne (WB). Vor genau 75 Jahren, am 14. März 1945, sind große Teile der Stadt Löhne bombardiert worden. US-amerikanische Flugzeuge griffen vor allem den Bahnhof und das Umfeld an. 130 Menschen starben. Der Löhner Stadtarchivar Mathis Nolte hat uns Abschriften aus einem Aufsatz aus der Sammlung „Aus jenen Tagen – Berichte der 9. Klasse der Volksschule zu Löhne-Bahnhof 1948/1949/1950 aus der Zeit in und nach dem Kriege“ zur Verfügung gestellt. Nachfolgend finden Sie Auszüge daraus.

Wie das Projekt entstand

Hinweis zum Bericht

Die in der Abschrift festgehaltenen Berichte geben ausschließlich die Meinungen der Verfasser wieder. Der Originaltext wurde bei der Abschrift nicht geändert, Fehler (zum Beispiel hinsichtlich der Rechtschreibung) wurden übernommen. Alle Personennamen wurden aus Gründen des Datenschutzes entfernt.

In der Vorbemerkung zum Buch hat der Lehrer, der das Projekt damals initiierte, geschrieben, dass er seit 1939 bis zum März 1945 im Heeresdienst stand, bei Wesel in englische Gefangenschaft geriet und nach drei Jahren entlassen wurde. 1949 trat er seine Stelle in Löhne-Bahnhof an. Er schreibt: „Ostern 1949 konnte ich endlich wieder in den Schuldienst eintreten, in Löhne, unter recht guten Verhältnissen. Ich bekam gleich das sogenannte 9. Schuljahr.

Da diese Kinder, meist frühreif und allzuviel erfahren durch die Kriegsjahre, sehr unregelmäßig Unterricht hatten, unterbrochen vor allem durch ungezählte Fliegeralarme, entschloß sich das Ministerium, sie 8 ½ Jahre in der Schule zu behalten, um auch wieder in den alten Rhythmus Ostern-Ostern zu kommen. Die Schüler waren nur zum kleineren Teil aus dem alten Löhne. Dagegen gab es viele Flüchtlingskinder und (...) Evakuierte aus den Kampfzonen.

Gerade diese aber waren seelisch, auch oft körperlich stark belastet durch die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse.“ Der Klassenlehrer entwickelte den Plan, dass die Kinder sich durch das Niederschreiben ihrer Erlebnisse von manchem Komplex befreien sollten. So entstand das Buch „Mein schönstes Erlebnis – mein schwerstes Erlebnis“.

Der Aufsatz

Evakuierung aus Königsberg/Angriff auf Löhne – Schüleraufsatz, verfasst im November 1949:

„Mein Vater bekam als Ingenieur 1939 eine bessere Stellung bei der Schichau-Werft in Königsberg. Da nicht sofort eine Wohnung für uns da war, zogen wir später von Löhne nach. Mein Onkel begleitete uns. Unsere Möbel waren einige Tage vorher abgeschickt worden. Wir fuhren abends von hier ab. Am anderen Morgen waren wir in Berlin. Hier mußten wir umsteigen. Wie staunte ich, als ich den großen Verkehr auf den Bahnhöfen sah.“

Einen langen Aufenthalt in Berlin habe es aber nicht gegeben, berichtet der Autor. Dann ging die Fahrt weiter. „(...) Endlich kamen wir über eine Brücke. Ich sah, daß Posten bei dieser standen. Meine Mutter erzählte mir, daß es die Dirschauer Brücke sei und wir die Weichsel überfahren hätten. Wenn ich jetzt eine Brücke sähe, wären wir in Marienburg. Dort wären wir in Ostpreußen und dürften wieder die Fenster öffnen und bekämen deutsches Personal. Der Aufenthalt in Marienburg dauerte nicht lange. Ich freute mich, daß wir bald in Königsberg waren.“

Erlebnisse in Königsberg

Der Schüler erzählt in der Folge, dass er zum ersten Mal überhaupt Storchennester auf Telegraphenmasten gesehen habe. In Königsberg habe der Vater seine Familie vom Bahnhof abgeholt. „Unsere Wohnung lag am Rande der Stadt, und wir brauchten eine Stunde, um nach der Stadtmitte zu kommen. Am anderen Morgen (...) sah ich vom Fenster aus ein großes Schiff auf dem Pregel fahren. Mein Vater sagte mir, daß es nach Pillau und dann in die Ostsee fahren würde. Am Nachmittage machten wir einen Spaziergang nach dem Haff. Dieses lag ungefähr ¾ Stunde von unserer Wohnung entfernt. Hier sah ich viele Ruder- und Segelboote. (...)

An Sonntagen sind wir nach Königsberg gegangen und haben uns die Sehenswürdigkeiten angesehen (...). Oft sind wir mit dem Dampfer ein Stück den Pregel abwärts und nach einer Wirtschaft gegangen, wo ein Gartenhaus stand, in dem der große Denker Kant an seinen Werken gearbeitet hatte. (...) Im Sommer sind wir nach dem Ostseestrande gefahren. Öfters habe ich am Strande Bernstein gefunden. Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, hätte ich noch mehr von Ostpreußen gesehen.“

Heimatbesuch

Es folgt ein zeitlicher Sprung ins Jahr 1941, als der Junge in Löhne zu Besuch war. „Bald darauf brach der Krieg mit Rußland aus. Meine Großmutter, die schon lange bei uns war, wollte gerne wieder nach Osnabrück zurück. Daher sind wir alle sofort abgereist, nur mein Vater mußte zurückbleiben. Er wollte uns abends zur Bahn bringen. Aber er kam zur festgesetzten Zeit nicht. Endlich sah ich ihn in den Wiesen. Ich lief ihm entgegen und erzählte freudig, daß wir nach Heimat nach Löhne wollten.“

Anschließend berichtet der Schüler, dass er im September 1941 zunächst nach Königsberg zurückkehrte und erzählt von seinem Vater: „Zu Ostern 1943 kam er als Obertruppenführer von Cherson aus Südrußland auf Urlaub. (...) Während seines Urlaubes habe ich den ersten Fliegerangriff erlebt. Es waren die Russen, die Königsberg angriffen. Im Spätherbst kam mein Vater nochmals von Cherson aus in Urlaub. (...) Es sollte dieses das letzte Mal sein, daß ich mit meinem Vater in Königsberg zusammen war. Meine Mutter sollte mit uns Kindern aus Königsberg evakuiert werden.“

Der Tag des Angriffs

Daher zog sie es vor, wieder nach Löhne zurückzukehren, wo Frau und Kinder bei einem Verwandten unterkamen. Der Junge schildert seine Erlebnisse aus dem Jahr 1945: „In diesem Jahr fiel wegen Fliegeralarm oft der Unterricht aus. Ich werde den 14. März 1945 in meinem Leben nie vergessen, wo Bomben auf Löhne herabgeworfen wurden. Es war ein klarer, sonniger Tag. Man konnte sich garnicht richtig freuen, weil viel Fliegeralarm gegeben wurde. Am Nachmittag spielte ich mit meinen Kameraden draußen. Auf einmal ertönten die Sirenen wieder. Ehe ich zu Hause war, sah ich von der Straße aus, daß feindliche Verbände über Vlotho und Bad Oeynhausen flogen. Ich sah das Angriffszeichen über Vlotho und hörte, daß Bomben fielen. (...) Wir liefen in unseren Keller und sahen noch, wie Soldaten auseinander liefen. Mehrere Soldaten waren bei uns im Keller.“

Flucht in den Keller

Kurz darauf seien die Bomben detoniert, schreibt der Junge. „Als die Soldaten den Keller verließen, ging ich mit meinem Vetter hinterher. Ich sah, daß die Schaufensterscheiben des Hauses meiner Tante vom Luftdruck einer Bombe, die 50 Meter von unserem Hause niedergegangen war, zertrümmert war. Ich lief in unsere Wohnung und sah, daß bei uns eine Fensterscheibe entzwei war. Auch konnte ich sehen, daß es an einigen Stellen nach dem Bahnhofe zu brannte.“

Doch der Schrecken war noch nicht vorüber. Die Verbände attackierten Löhne ein zweites Mal. „Schon hörte ich wieder Motorengeräusch der anfliegenden Flugzeuge und lief, so schnell ich konnte, die Treppe hinunter. Die Soldaten waren wieder bei uns. Schon hörte ich wieder das Krachen der Bomben. Uns wurde es unheimlich zu Mute. Bei diesem Anfluge hatte das Haus, so wie die Soldaten sagten, keinen weiteren Schaden erlitten. (...) Kurz darauf trat Ruhe ein, und die Soldaten sagten uns, daß die feindlichen Flugzeuge abgeflogen wären (...).“

Der Kirchturm brannte

Der Löhner erinnert sich wie folgt an den weiteren Verlauf des Bombentages: „Von der Hauptstraße aus sah ich, daß es am Bahnhof an sehr vielen Stellen brannte. Ich konnte den brennenden Kirchturm sehen. Meine Spielkameraden kamen auch wieder, und wir gingen zu den Bombentrichtern. Es dauerte nicht lange, da kamen die Feuerwehren und Rettungsmannschaften aus Bielefeld und Herford bei uns vorbei. Einige Leute stiegen aus dem Polizeiwagen heraus. Sie hatten Fahnen und Schilder bei sich. Neugierig gingen wir hinzu. Ein Polizist sagte uns, daß wir zurückbleiben sollten, da sie Blindgänger, die in unsere Nähe lagen, entschärfen müßten.“

Wenig später seien seine Mutter und sein kleiner Bruder, die den Angriff aus der Ferne beobachtet hatten, zurückgekehrt. „Wir freuten uns, uns alle gesund wieder zu sehen. Später hörte ich, daß doch manche Familien sehr hart davon betroffen war. Im April rückten dann die Amerikaner ein. Viel Post hatten wir von meinem Vater nicht mehr bekommen, und wir wußten nicht, wo er war. Anfang Juni kam er glücklich zurück. Er war nach der Kapitulation von den Amerikanern gefangen genommen worden.“

Der Vater kehrt zurück

Den Weg von Bad Hall in Niederösterreich bis nach Löhne hatte er größtenteils zu Fuß zurückgelegt. „Ein Spielkamerad kam (...) gelaufen und erzählte mir, daß mein Vater zu Hause sei. Ich glaubte es nicht. Ich lief trotzdem nach Hause und traf meinen Vater gesund an. Wie freuten wir uns, daß wir alle wieder zusammen waren!“

  • Die in der Abschrift festgehaltenen Berichte geben ausschließlich die Meinungen der Verfasser wieder. Der Originaltext wurde bei der Abschrift nicht geändert, Fehler (zum Beispiel hinsichtlich der Rechtschreibung) wurden übernommen. Alle Personennamen wurden aus Gründen des Datenschutzes entfernt.

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