Fr., 27.03.2020

Die Wanderschaft der Erdkröten hat begonnen – In Löhne sammeln Bundesfreiwillige Was krabbelt da im Eimerchen?

So sieht es in den Eimern aus: Diese Kröten sind im Bereich der Ulenburger Buchenallee in die Behälter geplumpst.

So sieht es in den Eimern aus: Diese Kröten sind im Bereich der Ulenburger Buchenallee in die Behälter geplumpst. Foto: Gabriela Peschke

Von Gabriela Peschke

Löhne (WB). Es gibt ein „Krötensammeln“, das nichts mit Sparen zu tun hat: nämlich das der Bundesfreiwilligen im Auftrag des städtischen Umweltbereichs. Seit Anfang März stehen mehrere hundert Meter kleiner grüner Zäune an traditionellen „Krötenwanderstrecken“ im Stadtgebiet.

Entlang dieser Barrieren sind Sammeleimer eingegraben, in die die nachtaktiven Kröten hereinfallen, damit sie nicht selbst die Straße überqueren müssen. Jeweils morgens und abends in der Dämmerung werden die Eimer ausgeleert und die Kröten in die Teiche oder Wasseransammlungen auf der anderen Straßenseite umgesetzt.

Weibchen legen bis zu 6000 Eier ab

Morgens um kurz nach acht Uhr zieht Heike Nolte vom Umweltbereich in der Regel schon ihre Tagesbilanz. „Heute waren es allein 45 Tiere an der Ulenburger Buchenallee“, freut sie sich. Seit dieser Woche nimmt die Anzahl täglich zu. Insgesamt wurden an diesem Krötenzaun schon mehr als 100 Tiere umgesetzt, damit sie im gegenüberliegenden Wassergraben des Ulenburger Schlosses laichen können. „Ab acht Grad Bodentemperatur machen sich diese wechselwarmen Tiere auf den Weg“, weiß Heike Nolte.

Haben sie ihr Feucht-Biotop erreicht, legen die Weibchen ihre fadendünnen „Laichschnüre“ mit bis zu 6000 Eiern im Wasser ab. Dort quellen sie auf; aus all den winzigen Pünktchen können Kröten werden. „Leider haben sie aber viele natürliche Feinde. Die Anzahl der Tiere, die selbst wieder das fortpflanzungsfähige Alter erreicht, liegt im Promillebereich“, erläutert die Fachfrau vom Umweltbereich.

Die natürlichen Feinde Storch und Waschbär

Hauptfeind der erdbraunen Amphibie ist – neben dem Autoverkehr – tatsächlich der Waschbär. „Inzwischen ist er fast eine Plage“, klagt Heike Nolte. Denn nicht nur an der Buchenallee, auch im Schutzgebiet „In den Tannen“ geht der possierliche Räuber um und leert unerlaubterweise nachts die Eimer. „Deshalb stellen wir hier künftig auch keine Zäune mehr auf. Es hat leider keinen Zweck“, bedauert sie.

Ertragreich im Sinne der Tierschützer aber ist der abgezäunte Bereich an der Börstelstraße. Hier wurden seit Anfang März schon über 60 Erdkröten umgesetzt, die im abgeschnittenen Altarm der Werre am Blutwiesenweg laichen.

Doch auch dort lauert der Feind: Ein Storchenpaar nistet auf der Blutwiese und bedient sich am reich gedeckten Tisch. Ein weiteres Krötenschonrevier befindet sich an Bültestraße/Hahnenstraße. Im Zickzack führt der Zaun hier durch Wald, Wohngebiet und entlang der Felder. Insgesamt über 50 Tiere wurden an dieser Stelle schon eingesammelt.

Warnschilder sollen Amphibien retten

„Wir registrieren jede einzelne Kröte“, erläutert Heike Nolte. Deshalb sei es so wichtig, dass nicht eifrige Passanten in den Morgenstunden bereits „helfen“ wollen und voreilig Tiere umsetzen. „Das ist gut gemeint, aber leider kon­traproduktiv“, sagt Heike Nolte. Wer aber in der jetzigen Situation zum Beispiel seinen Kindern dieses Erlebnis vermitteln möchte, kann sich gern an die Stadt wenden. „Wir finden bestimmt eine Lösung“, ermuntert Heike Nolte.

Auch an die Autofahrer in den betroffenen Gegenden hat sie eine dringliche Bitte: „Beachten Sie Warnschilder und -lichter. Und fahren Sie langsam.“ Nicht nur das Überfahren von Erdkröten sei ein Problem. Auch bereits die Geschwindigkeit vorbeifahrender Autos von mehr als 30 Kilometern pro Stunde erzeuge eine solche Druckwelle für die Amphibien am Straßenrand, dass sie davon platzten, weiß Heike Nolte.

1992 steigen die ersten Naturschutzverbände ins Projekt ein

Ursprünglich seien die Zäune sogar zugunsten der Autofahrer errichtet worden. „Man hatte Sorge, dass durch zu viele überfahrene Tiere Rutschgefahr auf der Fahrbahn entsteht“, erinnert sie sich. Doch von 1992 an seien die Naturschutzverbände, später dann die Stadt in das Umweltschutzprojekt eingestiegen.

Und so gehen derzeit Tristan Stolte und Niclas Bornemann jeden Morgen und jeden Abend zum Krötensammeln. Auch am Wochenende, auch an Feiertagen. Denn in 35 Eimern warten die munteren Amphibien auf den wichtigsten Schritt in ihrem Leben: im heimischen Gewässer ablaichen.

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