Nach spannender Wahl: Dorothea Goudefroy (50) wird neue Superintendentin des Kirchenkreises Vlotho
Zuhören, hinschauen, nachfragen

Bad Oeynhausen -

Dorothea Goudefroy (50) tritt im Februar die Nachfolge von Superintendent An­dreas Huneke an. Bei der Kreissynode vor gut einer Woche hat sie sich im siebten Wahlgang gegen Lars Kunkel durchgesetzt. Im Exklusiv-Interview blickt sie auf den Wahlgang, bezieht Position zu Fragen rund um das Gemeinde- und Kirchenleben und blickt auf die neue Aufgabe. Die Fragen stellte Claus Brand.

Donnerstag, 19.11.2020, 15:31 Uhr aktualisiert: 22.11.2020, 15:34 Uhr
Dorothea Goudefroy nach ihrer Wahl zur Superintendentin des Kirchenkreises Vlotho. Im Februar tritt sie die Nachfolge von Andreas Huneke an.
Dorothea Goudefroy nach ihrer Wahl zur Superintendentin des Kirchenkreises Vlotho. Im Februar tritt sie die Nachfolge von Andreas Huneke an. Foto: Kirchenkreis Vlotho

Bei der Aussprache Ihres Nachnamens habe ich schon verschiedenste Varianten gehört. Wie hört es sich richtig an?

Dorothea Goudefroy: (lacht) Diese Schwierigkeit kenne ich und höre auch auf alles, was so ähnlich wie mein Nachname klingt. Richtig ausgesprochen ist er etwa so: Gu-deh-froa. Eigentlich ganz einfach.

Welchen Ursprung hat Ihr Nachname?

Goudefroy: Das weiß ich leider nicht genau. Wahrscheinlich ist es ein französischer Name, der von Hugenotten oder napoleonischen Soldaten mitgebracht wurde. Der älteste Vorfahr, den wir ermitteln konnten, war Schumacher in der Notpfortengasse in Bielefeld.

Sie sind im siebten Wahlgang in einem digitalen Format gewählt worden. Wie hat sich das für Sie angefühlt? Wie ordnen Sie die hohe Zahl der Wahlgänge ein, gerade auch weil ihr Mitbewerber im ersten Wahlgang sogar mehr Stimmen erhielt?

Goudefroy: Sieben Wahlgänge sind eine Herausforderung. Für die, die wählen, aber auch für den Kandidaten und die Kandidatin. Zum Glück kam das Ergebnis wegen der digitalen Abstimmung immer sehr schnell.

Mein Eindruck in allen Wahlgängen war, dass die Synode sich sowohl Lars Kunkel als auch mich in dem Amt vorstellen konnte. Das empfinde ich als Anerkennung für beide. Bei zwei guten Bewerbungen fällt die Entscheidung nicht leicht.

Trotzdem hat sich hier ein Nachteil der digitalen Synode gezeigt. Die Synodalen haben normalerweise die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Im Austausch bekommt man neue Ideen und kann sich abstimmen – das ist diesmal weggefallen, weil jeder allein vor dem Bildschirm saß. Ich bin froh, dass es im siebten Wahlgang dann ein Ergebnis gab.

Für den Kirchenkreis Vlotho ist es wichtig, dass es nun Klarheit über die Nachfolge gibt. Für mich ist es eine große Freude, dass die Synodalen mir ihr Vertrauen ausgesprochen haben.

Welche Rolle hat der Faktor Frau bei der Wahl gespielt oder wird dies beim Thema Wahlchancen zu sehr in den Vordergrund gerückt?

Goudefroy: Ehrlich gesagt kann ich diese Frage nicht richtig beantworten. Durch das digitale Format konnte ich am Wahltag nicht mit den Synodalen sprechen und weiß darum nicht, welche Faktoren sie geleitet haben. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die Erwartungen an Männer und Frauen im Pfarramt und auch in Leitungsämtern unterschiedlich sind, aber bei den Gesprächen im Vorfeld der Wahl und bei der Vorstellungsveranstaltung im September hatte ich nicht den Eindruck, dass der Faktor Mann/Frau eine große Rolle gespielt hat.

Wie wichtig war es bei der Wahl, dass Sie von außen neu in den Kirchenkreis kommen, mit einer anderen Sicht auf die Dinge?

Goudefroy: Auch darüber kann ich nur spekulieren. Ich denke, dass es schon einen großen Einfluss auf die Leitung des Kirchenkreises hat, dass ich von außen mit neugierigem Blick komme. Dadurch bin ich unvoreingenommen, habe von manchem aber auch weniger Ahnung. Darum ist es mir sehr wichtig, eng mit Pfarrer Wolfgang Edler, als Assessor mein Stellvertreter, und dem Kreissynodalvorstand zusammen zu arbeiten. Diese Menschen kennen den Kirchenkreis von innen.

Ich empfinde es aber auch als Stärke, dass ich viel nachfragen muss. Wenn Menschen mir erklären, was für sie ganz gewohnt ist, eröffnet sich oft auch für sie selber eine neue Perspektive. Schauen wir mal!

Wie möchten Sie die überzeugen, die Sie nicht gewählt haben?

Goudefroy: Durch offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich möchte mit allen ins Gespräch kommen. Das heißt auch, kontroverse Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Kritische Anfragen weisen in der Regel auf etwas hin, das bisher zu kurz gekommen ist. Darum verstehe ich sie als Hinweise zur Weiterentwicklung.

Mir ist klar, dass wir auch nach intensiver Beratung nicht immer alle der gleichen Meinung sein werden. Aber ich hoffe, dass wir Entscheidungen mit großem Respekt vorein­ander treffen. Und im Vertrauen darauf, dass Gott die Wege des Kirchenkreises begleitet und seinen Segen dazu gibt.

Lars Kunkel hat den amtierenden Superintendenten während einer Krankheitsphase vertreten, war bislang auch sein Stellvertreter: Wollen Sie ihn einbinden?

Goudefroy: Er hat als Assessor gute Arbeit geleistet, davon bin ich überzeugt. Und er kennt sich im Kirchenkreis sehr gut aus. Es würde mich freuen, wenn er sich weiter auf Kirchenkreisebene engagieren würde. Ob und wie er sich einbinden lassen möchte, das liegt aber in seiner Entscheidung. Ich werde auf jeden Fall das Gespräch suchen.

Sie waren vor Ihrer Wahl schon im Kirchenkreis Vlotho unterwegs. Werden Sie 2021 auf eine Art Gemeindetournee gehen?

Goudefroy: Jetzt muss ich etwas schmunzeln: Den Kirchenkreis Vlotho habe ich lange nur beim Blick von der A2 wahrgenommen. Ich glaube, dabei sieht man die wichtigen Dinge nicht. Etwas näher herangekommen bin ich auf dem Fahrrad, auf verschiedenen Radwegen, allein und mit meinem Patenkind. In Vlotho gibt es gutes Eis direkt am Radweg!

Aber im Ernst: Ich werde am Anfang meiner Dienstzeit viele Gemeinden, Pfarrteams und Presbyterien und auch die synodalen Arbeitsbereiche besuchen. Zuhören, hinschauen, nachfragen – das möchte ich gerne intensiv tun, um die Vielfalt des Kirchenkreises kennenzulernen und die Gaben der Menschen, die hier Kirche gestalten, wahrzunehmen. Das Jugendreferat hat mich schon eingeladen.

Ob evangelische oder katholische Kirche: Der Mitgliederschwund hält an, auch im Kirchenkreis Vlotho. Wie kann und sollte Kirche darauf reagieren?

Goudefroy: Zuallererst, davon bin überzeugt, sollten wir das tun, was Jesus uns aufgetragen hat: Menschen taufen, ihnen die frohe Botschaft von Gottes Gnade bringen. Und für sie da sein in ihrem Alltag, in ihren Sorgen und Freuden und ganz sicher an den besonderen Wendepunkten. Also beim Erwachsenwerden, der Eheschließung, auch bei der Beerdigung. Für diese Schwellensituationen haben wir gute Rituale und Glaubenszusagen.

Nach wie vor halte ich eine verlässliche Präsenz vor Ort für wichtig. Und daneben „kirchliche Orte“, also Räume und Gelegenheiten außerhalb der Kirchenmauern, an denen Menschen Glaubensfragen stellen und Stärkung erfahren können. Das kann ein Tauffest im Freibad sein, eine spirituelle Wanderung oder ein Gespräch am Krankenbett. Oder auch eine Begegnung im Chat.

Wenn Sie selbst Kirchgängerin sind: Wann haben Sie Freude an einer Predigt?

Goudefroy: Ja, ich gehe auch gerne in Gottesdienste und bin Teil der Gemeinde. Allerdings muss ich gestehen, dass ich doch deutlich öfter selber predige als eine Predigt zu hören. Ich habe Freude an einer Predigt, wenn sie den Bibeltext mit meinem Leben in Verbindung bringt, wenn mich ein Gedanke anregt, selber weiterzudenken. Dann kriege ich manchmal das Ende der Predigt nicht mit, bin aber „satt“ geworden.

Stichwort Corona: Wie verändert die Pandemie das Leben in den Gemeinden?

Goudefroy: Oh, da fallen mir unterschiedliche Auswirkungen ein. Da ist weniger persönliche Begegnung, weil Gruppentreffen nicht stattfinden dürfen oder aus Vorsicht ausfallen. Das Singen fehlt ganz vielen aktiven Gemeindegliedern – mir auch. Aber es ist auch eine große Achtsamkeit und Fürsorge füreinander zu spüren. Das finde ich großartig.

Und dann haben wir alle miteinander einen Riesenschritt nach vorne gemacht, was die Digitalisierung angeht. Es gibt richtig gute kleine Andachten oder Gottesdienste auf Youtube. Presbyterien und sogar Kreissynoden tagen digital, und manches, was vor kurzem noch schwierig schien, geht auf einmal. Ein Gottesdienst mit der Partnergemeinde in Peru? Das ging früher nur bei Besuchen. Jetzt feiern wir Advent auf Zoom – barrierefrei.

Und noch etwas fällt mir auf. Die Menschen sind sehr glücklich über alles, was stattfindet. Wir haben alle miteinander unsere Ansprüche an Perfektion und große Events runtergeschraubt. Das tut uns und unserer Botschaft ganz gut.

Was macht die Präsenz von Kirche in der Pandemie aus?

Goudefroy: Ich glaube, ganz viel. Die Pandemie stellt radikale Fragen an das Warum und Wohin des Lebens, und wir sind als Kirche da mit dem festen Glauben, dass unser Leben in Gott aufgehoben ist. Am Sonntag haben wir die Sätze von Paulus gehört: „Ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.“ Das ist ein großer Halt in unsicherer Zeit.

Es ist wichtig, dass wir als Seelsorgende an Krankenbetten präsent sind und die Menschen begleiten, die sich furchtbar sorgen. Und ich finde, auch in Zeiten des Lockdowns sollten unsere Kirchen offen sein, damit Menschen in aller Freiheit zum Nachdenken und Beten herein kommen können.

Wird man nach der Pandemie zum Gemeindeleben zuvor zurückkehren?

Goudefroy: Hmm, jetzt soll ich in die Glaskugel gucken. Das habe ich nicht gelernt. Ja und nein, denke ich. Manche Gruppe wird froh sein, dass alles wieder so ist wie zuvor. Anderes erfährt vielleicht einen Abbruch, der sonst ein paar Jahre später gekommen wäre. Und wieder anderes wird verändert aus der Pandemie hervorgehen. Ich hoffe, dass wir Gottesdienste und Andachten sowohl als Präsenz- wie auch als Onlineangebot weiterführen. „Gemeinde“ wird die Menschen vor Ort bezeichnen, aber auch die, die sich in anderen Formaten unabhängig vom geografischen Ort treffen.

Was unterscheidet Ihre bisherige Gemeinde Menden im Kirchenkreis Iserlohn von den Strukturen hier?

Goudefroy: Es ist schwierig, eine Gemeinde mit einem Kirchenkreis zu vergleichen, aber ein Unterschied fällt sofort auf: Menden liegt im katholisch geprägten Sauerland, der Kirchenkreis Vlotho ist seit der Reformation durch und durch evangelisch. Daraus ergeben sich eine höhere Dichte evangelischer Gemeindeglieder und damit auch kürzere Wege. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen hier im Kirchenkreis diese kurzen Wege, auch im übertragenen Sinn, gut und gerne nutzen.

Der Kirchenkreis Iserlohn, in dem ich stellvertretende Assessorin bin und im Kreissynodalvorstand mitarbeite, hat etwa doppelt so viele Gemeindeglieder wie Vlotho, mehr Pfarrstellen und größere Entfernungen. Auch die Konzeption und die Finanzsatzung unterscheiden sich sehr. Sie merken, ich lasse mich hier im Kirchenkreis auf etwas Neues ein.

Wo wollen Sie neue Akzente setzen?

Goudefroy: Ich möchte wahrnehmen und kennenlernen. Das ist kein Selbstzweck, sondern daraus ergibt sich, was Gemeinden und kreiskirchliche Dienste brauchen und wünschen. Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf das Gleichgewicht von synodalen und übergemeindlichen Diensten und den Ortsgemeinden legen. Da stehen in manchen Bereichen zeitnah Entscheidungen an. Dann will ich bewusst die gute Gemeinschaft im Kirchenkreis fördern. Im Pfarrkonvent zwischen den Pfarrerinnen und Pfarrern, in den Gemeinden zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen und auf allen Ebenen zwischen Mitarbeitenden verschiedener Berufsgruppen. Da kann ich an gute Traditionen anknüpfen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Pfarrer Manfred Pollmeier, Leiter des Pastoralen Raumes Werre-Weser, ist einer Ihrer Gesprächspartner mit Blick auf die Gläubigen in den katholischen Gemeinden. Was heißt für Sie Ökumene in der Praxis?

Goudefroy: Mein Ideal dazu ist: Wir tun alles zusammen, was wir nicht getrennt tun müssen. So ist es im Ökumenischen Aufruf 2017 formuliert. Im echten Leben klappt das nicht immer. Aber als Ziel möchte ich es vor Augen behalten. Ich glaube, dass wir als Christen in dieser Welt nur glaubwürdig sind, wenn man das Verbindende des Glaubens an unserem Umgang mitein­ander erfahren kann.

Aus meiner bisherigen Gemeindearbeit kenne ich es, die kleinere Konfession zu sein und manchmal einfach vergessen zu werden. Darum möchte ich im ökumenischen Miteinander bewusst drauf achten, den Kontakt zur römisch-katholischen, zur neuapostolischen und zu den Freikirchen zu pflegen.

2021 wäre der 3. Ökumenische Kirchentag in Frankfurt eine gute Gelegenheit gewesen, gemeinsam dorthin zu fahren und thematische Veranstaltungen hier vor Ort zu machen. Corona behindert uns da sehr.

Angenommen: Sie haben eine Audienz bei Papst Franziskus. Worüber sprechen Sie mit ihm?

Goudefroy: Eine Audienz beim Papst, das wäre mal was! Zuerst würde ich Papst Franziskus meinen Respekt für seine persönliche Bescheidenheit und seinen Mut zu unkonventionellem Denken aussprechen. Ich finde das sehr evangelisch, sich selber nicht so wichtig zu nehmen, das Amt aber für Veränderung zu nutzen.

Leider haben sich meine Hoffnungen, dass mit diesem Papst auch große Schritte in der Ökumene möglich wären, nicht erfüllt. Dass die gegenseitige Gastfreundschaft beim Abendmahl jetzt wieder so schroff abgelehnt wurde, verstehe ich nicht. In den Gemeinden in Deutschland wird sie längst praktiziert und ich finde, mit gutem Recht. Darüber würde ich mit Franziskus wohl streiten.

Derzeit ist noch unklar, wie Ihre Amtseinführung erfolgt. Was erhoffen Sie sich für den Tag?

Goudefroy: Dass es ein guter Auftakt wird. Nicht unbedingt großer Bahnhof, sondern eine Beauftragung zum Amt der Superintendentin und eine geistliche Stärkung. Und ich wünsche mir, dass sie, egal ob groß oder klein, einen freudigen Grundton hat.

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