Prozess gegen Clan nach Hausexplosion soll gegen Geldauflage eingestellt werden
Verteidiger: »Freispruch zweiter Klasse«

Rödinghausen (WB). Der Prozess vor dem Landgericht Bielefeld gegen Mitglieder eines Familienclans aus Rödinghausen, denen vorgeworfen wurde, Weihnachten 2011 ihr Haus in die Luft gesprengt zu haben , um die Versicherungssumme zu kassieren, wird vermutlich morgen gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Das bestätigte Verteidiger Dr. Detlev Binder auf Anfrage.

Mittwoch, 16.03.2016, 23:29 Uhr aktualisiert: 17.03.2016, 10:17 Uhr
Prozess gegen Clan nach Hausexplosion soll gegen Geldauflage eingestellt werden : Verteidiger: »Freispruch zweiter Klasse«
Weihnachten 2011 wurde das Wohn- und Geschäftshaus der Familie in Rödinghausen durch eine Explosion zerstört. Dem Clan wurde vorgeworfen, das Gebäude selbst in die Luft gesprengt zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren. Foto: Annika Tismer

30.000 Euro soll einer der ursprünglich sechs Angeklagten zahlen, damit das Gericht das Verfahren gegen den 41-Jährigen einstellt. Eine Zahlung in Höhe von 15.000 Euro wurde einem 46-Jährigen auferlegt, während zwei weitere Clan-Mitglieder (37 und 43 Jahre) mit vergleichsweise geringen Geldauflagen im Bereich von 1000 bis 3000 Euro davonkommen.  Gegen zwei weibliche Clan-Mitglieder (36 und 46) ist das Verfahren ohne Auflagen eingestellt worden .

Die Angeklagten gelten nach der Geldzahlung als nicht vorbestraft

Verteidiger Dr. Detlev Binder bestätigte, dass am morgigen Freitag die Einstellungsbeschlüsse verkündet werden soll, wenn die Angeklagten bis dahin das Geld überwiesen haben. Das alles sei mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft aus »prozessökonomischen Gründen« erfolgt. »Der Prozess lief seit einem halben Jahr. Die Idee ist es, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen. Das Gericht ist mit seiner Beweisaufnahme fertig. Jetzt wären Staatsanwaltschaft und Verteidigung an der Reihe, Zeugen zu hören. Jeder neue Zeuge kann theoretisch wieder neue Ansätze erforderlich machen, so dass der Prozess sich unendlich in die Länge ziehen würde«, sagte Binder. Um dies zu verhindern, sei die Einstellung des Verfahrens unter Zahlung von Geldauflagen vorgeschlagen worden. Gegen einen der Angeklagten war das Verfahren zuvor abgetrennt worden, weil er aus Krankheitsgründen einen Verhandlungstermin nicht wahrnehmen konnte und ein  Platzen des Prozesses unter allen Umständen verhindert werden sollte.

»Die Angeklagten sind auch nach der Zahlung der Geldauflage nicht vorbestraft. Es handelt sich daher nicht um eine Strafe, sondern um eine Art Freikaufen von der Strafverfolgung«, sagte Binder.

Er sei als Verteidiger nicht ganz zufrieden mit dem Ausgang des Verfahrens. »Natürlich hofft man nach einer solch langen Verhandlung auf einen astreinen Freispruch, statt auf einen Freispruch zweiter Klasse.« Aber die Familie habe während der Dauer des Prozesses ihr Geschäft nicht weiter betreiben können. »Alles liegt brach, es können keine neuen Bauaufträge angenommen werden. Da reiben sich schon die Konkurrenten die Hände. Deswegen verstehe ich es, wenn die Angeklagten nicht die Kraft haben, weitere Verhandlungstage auf sich zu nehmen.«

Ein Clanmitglied dürfte bald erneut auf der Anklagebank sitzen

Rechtsanwalt Torsten Giesecke, Verteidiger einer weiblichen Angeklagten (46), die ohne Zahlung einer Geldauflage davonkam, erklärte, dass die Kosten des Verfahrens von der Landeskasse übernommen würden. Die Versicherung könne ihr ausgezahltes Geld allenfalls auf dem zivilrechtlichen Weg zurückfordern. Er bezweifle jedoch, dass es dazu komme. Im Falle der Clan-Mitglieder, gegen die das Verfahren ohne Zahlung einer Geldauflage eingestellt wird, würden auch die Anwaltskosten übernommen.

Auf einen der Angeklagten, der bereits wegen anderer Sachen vorbestraft ist, könnte in Kürze bereits ein weiteres Verfahren zukommen.  Wie berichtet, soll der Autohändler in Muckum die Tachos von Gebrauchtwagen manipuliert haben .

Kommentare

Zeitungsleser  schrieb: 17.03.2016 10:13
Na bravo! Was lernen wir daraus? Man braucht einen Prozess hier in Deutschland nur lange genug hinzuziehen, um am Ende die Einstellung - wenn auch gegen Geldzahlung - zu Erreichen. Auffällig dabei ist, daß es sich dabei mal wieder um einen nicht-deutschen Familienclan handelt. Mich würde sehr interessieren, ob man bei einem rein deutschen Unternehmen auch so verfahren wäre...
1 Kommentare
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