Reinhard Lammering aus Spenge erinnert sich an das Osterfest 1945
Auch im Krieg wurde gehamstert

Spenge (WB). Hamstern. Dieser Begriff hat größtes Potential, zum Unwort des Jahres 2020 gekürt zu werden. Klopapier und haltbare Lebensmittel werden aufgrund der Corona-Krise von einem Teil der Bevölkerung in rauen Mengen gekauft und eingelagert, wodurch eine künstliche Knappheit entsteht.

Dienstag, 14.04.2020, 08:00 Uhr
Reinhard Lammering arbeitet an einem Buch, in dem er seine Erinnerungen an die Kriegsjahre im ländlichen Spenge festhält. Auch eine Geschichte über Ostern 1945 und die Ankunft der Amerikaner gehört dazu. Foto: Daniela Dembert
Reinhard Lammering arbeitet an einem Buch, in dem er seine Erinnerungen an die Kriegsjahre im ländlichen Spenge festhält. Auch eine Geschichte über Ostern 1945 und die Ankunft der Amerikaner gehört dazu. Foto: Daniela Dembert

Reinhard Lammering fühlt sich in dieser Situation an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnert. Damals wie heute bedrückte Zukunftsangst die Menschen, die Medien waren beherrscht von einem einzigen Thema und Lebensmittel waren knapp. Seine Erinnerungen dazu hat er jetzt aufgeschrieben.

Das Wenige wurde geteilt

„Vieles war vergleichbar, aber manches war auch ganz anders“, blickt der Spenger zurück. „Das Wort ‚hamstern‘ hatte damals eine andere Bedeutung. Die Menschen haben das wenige, das sie hatten, miteinander geteilt.“

An eine Episode aus der Osterzeit 1945, die er als damals Fünfjähriger erlebt hat, hat Lammering noch lebhafte Erinnerungen. „Mehlpfannkuchen und Frankfurter Kranz gehören, wie an Karfreitag der Fisch, bis heute zu unseren Oster-Speisen.“ Zucker, Butter und Haferflocken waren nach Aufsparen der Lebensmittelmarken beim Bäcker eingekauft. Aber das Wichtigste habe an jenem Gründonnerstag noch gefehlt: Eier, Mehl und Öl.

Mit dem Bollerwagen unterwegs

Was tun? „Hamstern! Mein Onkel, meine Tante, meine Mutter und ich waren ausgestattet mit unserem Bollerwagen, in dem zwei leere Säcke lagen. Darunter befanden sich zwei Dammasttücher und Zigarren, die immer zu zehn Stück in Zeitungspapier eingewickelt waren. Meine Mutter hatte genau wie meine Tante Zigarrenmachen gelernt“, erzählt Reinhard Lammering.

In den Kriegsjahren sei Tabak nur selten zu bekommen gewesen, aber im Laufe des Jahres hätten beide die eine oder andere Zigarre sparsam gefertigt und zum „Kungeln“ beiseite gelegt. „Kungeln war der Ausdruck für Tauschen von Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen“, erklärt der 80-Jährige. Weil Reinhard Lammerings Vater im August 1943 in Russland gefallen war, musste seine Mutter die Versorgerrolle einnehmen. Der herz- und lungenkranke Onkel war zeitweise bei einer Molkerei beschäftigt, weshalb Milch ausreichend im Haushalt vorhanden war.

„Wir zogen Richtung Hoyel und Riemsloh. Meine Mutter meinte, zehn Bauernhöfe müssten wir wohl ablaufen, bis wir unser Osteressen gehamstert hätten“, blickt Lammering zurück. Beim ersten Bauern nur knappe Worte: „Wir geben nichts“.

Tausch gegen Zigarre

„Nicht aufgeben, nur nicht aufgeben“, sagte die Mutter. Beim nächsten Bauern hatten sie mehr Glück. Auf die Frage der Bäuerin nach seinem Begehr antwortete der Onkel: „Wir brauchen Mehl, Eier und Raps.“ Mitgebracht hätten sie Tücher, Tischdecken und Zigarren, warf die Mutter schnell ein. Während die Bäuerin ihren Ehemann herbei rief, hatte Mutter Lammering schon eine Zigarre aus dem Papier gewickelt und gab sie dem Bauern zum Riechen. Dieser schnupperte und zeigte reges Interesse an der Tauschware, die ihm ein Stück Schinken wert war.

Sein Onkel habe dann noch einen Vorstoß gewagt, erzählt Reinhard Lammering: ‚Es ist doch Ostern. Habt ihr für den Jungen denn nicht ein paar Eier?‘, hat er gefragt“. Der Bauer habe sich großzügig gezeigt. Mit den Worten „Eier? Für den Magerlustig? Der soll mal erst ein Stück Speck essen, damit er was auf die Rippen kriegt!“ habe er noch ein Stück Speck für die Familie springen lassen. Die Erwachsenen seien glücklich über diesen unverhofften Fang gewesen. Er, als kleiner Pimpf, hätte allerdings die Ostereier vorgezogen, gesteht Reinhard Lammering.

„Betteln und Hausieren verboten“

Die Tour habe sie weiter von Hof zu Hof geführt. Nicht selten waren Schilder mit der Aufschrift „Betteln und Hausieren verboten“ zu lesen. „Am späten Nachmittag meinte meine Mutter, es werde langsam recht frisch. Aber Onkel sagte, wir müssten mit der Heimkehr warten, bis es etwas dunkler würde.“ Im Schutz der Dämmerung wollte er noch etwas Holz zum Feuern suchen. „Auf fremden Grundstücken war das bei Strafe verboten“, erinnert sich Reinhard Lammering. Trotzdem hätte das Quartett heimlich etwas zum Anheizen aufgeklaubt und unter den Säcken im Bollerwagen verstaut. „Mein Onkel sagte mir: ‚Wenn uns jemand fragt, du sagst nichts‘, erinnert sich der Spenger noch gut an diesen Tag.

Wieder in Spenge, sei ihnen direkt vor dem Schaufenster von Nottelmann der Gendarm Kleinebenne begegnet, der mit dem Onkel noch aus Schulzeiten bekannt war. Während sich die Erwachsenen um einen Eindruck der Unbedarftheit redlich bemühten, verkündete der Dreikäsehoch ungefragt lauthals auf Plattdeutsch: „Ich sage nichts, ich sage nichts!“

Eilig hätten es Mutter und Tante nun gehabt, mit dem Bollerwagen und dem Lausbub, der auf dem Holz und den gehamsterten Schätzen thronte, schnell von dannen zu ziehen. „Auch Jahre später wurde ich oft von meinen Verwandten geneckt, indem sie immer sagten: ‚Diu säggs nix!“, endet Lammering schmunzelnd.

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