Container-Ausstellung in Spenge zeigt Besitztümer ehemaliger Konzentrationslager-Häftlinge
Gestohlene Erinnerungen

Spenge (WB). Ein Passepartout-Mäppchen mit zwei Schwarzweißfotografien zeigt sechs Jungen, aufgereiht wie die Orgelpfeifen. Die Fotos aus glücklichen Tagen der Familie Will gehören zu der Sammlung von sogenannten Effekten, von persönlichen Gegenständen ehemaliger Konzentrationslager-Häftlinge der Arolsen Archives. Auf dem Parkplatz neben dem DRK-Gebäude in der Immanuel-Kant-Straße gastiert bis zum 4. November die Wanderausstellung „Stolen Memory“, die auf die Rückgabekampagne dieser Effekten aufmerksam macht.

Dienstag, 27.10.2020, 05:15 Uhr aktualisiert: 27.10.2020, 05:20 Uhr
Diese Familienfotos aus der Brieftasche des Widerstandskämpfers Peter Will konnten nach mehr als sieben Jahrzehnten an dessen Nachkommen überreicht werden. Foto:
Diese Familienfotos aus der Brieftasche des Widerstandskämpfers Peter Will konnten nach mehr als sieben Jahrzehnten an dessen Nachkommen überreicht werden.

Die zweigeteilte Ausstellung zeigt zum einen exemplarisch Besitztümer und die Namen von Menschen, zu denen noch keine Angehörigen gefunden, zum anderen Dinge, die bereits an die Familien der Opfer zurückgegeben werden konnten. Dazu gehören die Fotografien des niederländischen Widerstandskämpfers Peter Will, die zusammen mit einem von ihm geschriebenen Abschiedsbrief an seine Söhne überreicht werden konnten. Anhand von QR-Codes können Details zu den Personen abgerufen werden, kurze, via Android-Smartphone abrufbare Filmsequenzen dokumentieren die Bedeutung dieser „Stolen Memories“ für deren Hinterbliebene.

450 Familien gefunden

 

„Die Arolsen Archives verwalten Informationen über 17 Millionen Menschen. Der Effekten-Bestand ist eine Besonderheit der Sammlung, denn diese Erinnerungsstücke sind für Angehörige von ganz erheblichem emotionalen Wert“, erklärt Anke Münster, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Arolsen Archives bei der Eröffnung der Container-Ausstellung in Spenge.

Das Projekt zur Rückgabe der Gegenstände ist 2016 erneut angelaufen. Seitdem konnten 450 Familien gefunden werden.

Er freue sich, dass die Ausstellung in Spenge präsentiert werde, sagte Bürgermeister Bernd Dumcke. „Ich habe selbst von dem, was hier in Deutschland vor 75 Jahren passiert ist, nichts miterlebt. Mit der wachsenden zeitlichen Distanz schwindet die Erinnerung“, so das Stadtoberhaupt. Der Ausstellungscontainer stehe in direkter Nähe zu Schulen und er hoffe, die Schüler interessierten sich.

Schüler könnten mithelfen

Das hofft auch Anke Münster. „Vielleicht lassen sich Schüler zur Teilnahme am Projekt begeistern. Das wäre in Deutschland bisher einzigartig. In Polen haben Schülergruppen bereits vier Familien ausfindig gemacht.“

Nach Spenge geholt wurde die Ausstellung von den vier Wohlfahrtsverbänden Deutsches Rotes Kreuz, Caritas, Diakonisches Werk und Arbeiterwohlfahrt. „Wir beschäftigen uns unter anderem mit Rechtspopulismus und Erinnerungskultur. Als wir zufällig auf die Ausstellung gestoßen sind, dachten wir: das ist etwas für uns“, berichtet Regina Hibbeln von der Caritas. „Die Verbindung ist gegeben, denn wir arbeiten alle in Migrationsfachdiensten“, ergänzt Mariyam Naggar vom DRK. „Es fehlt oft der Bezug zur Gegenwart. Daher freut es uns sehr, dass der Verein Asyl Spenge, dem diese Thematik nicht fremd ist, den Schließdienst für den Container übernimmt.“

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