Vlothoer Klimaabend mit Friedensnobelpreisträger in der Aula der Sekundarschule
»Der Mensch ist ein Katastrophentier«

Vlotho (WB). »Der Mensch ist ein Katastrophentier. Er handelt erst, wenn es zu spät ist.« Friedensnobelpreisträger Professor Dr. Peter Lemke fand am Dienstag beim Klimaabend in der Aula der Weser-Sekundarschule deutliche Worte.

Donnerstag, 14.11.2019, 09:58 Uhr aktualisiert: 14.11.2019, 10:00 Uhr
Auf einen Hoffnungsschimmer warten (von links) Professor Dr. Peter Lemke, Bürgermeister Rocco Wilken, Klima-Netzwerker Uwe Hofer, Arne Dunker und Professor Dr. Carsten Fichter. Foto: Sonja Töbing
Auf einen Hoffnungsschimmer warten (von links) Professor Dr. Peter Lemke, Bürgermeister Rocco Wilken, Klima-Netzwerker Uwe Hofer, Arne Dunker und Professor Dr. Carsten Fichter. Foto: Sonja Töbing

Kurz vor der UN-Klimakonferenz im nächsten Monat diskutierten drei Experten und zwei Schüler über Ursachen und Folgen des Klimawandels.

Mit einem beeindruckenden Kurzfilm läutete Moderator Stefan Leiwen den Abend ein. Zu sehen ist darin der italienische Pianist Ludovico Einaudi, der auf einer künstlichen Eisscholle durch die Arktis treibt und dabei ein melancholisches Stück spielt. Im Hintergrund kalbt ein Gletscher, riesige Eisbrocken stürzen ins Nordpolarmeer. Dramatische und gleichzeitig majestätische Szenen, die deutlich machen sollen: Der Klimawandel hat längst begonnen, die Arktis könnte schon in wenigen Jahren komplett eisfrei sein.

»Respekt, aber keine Zukunftsangst«

Eine Zukunftsvision, die angsteinflößend sein könnte. Doch Bürgermeister Rocco Wilken betonte: »Ich habe keine Zukunftsangst, aber Respekt.« Er selbst leiste etwas für den Klimaschutz, indem er beispielsweise alte Obstsorten in seinem Garten anbaue. Die Stadt Vlotho habe bereits ein Klimaschutzteilkonzept für die städtischen Liegenschaften erarbeitet, weitere Aspekte seien CO2-Neutralität und Biodiversität. Die »Fridays for Future« hält das Vlothoer Stadtoberhaupt für eine große Chance: »Das ist die 68er-Bewegung im Bereich Ökologie.« Er warnte davor, die Menschen mit zu vielen Veränderungen zu konfrontieren. »Das überfordert die meisten«, betonte Wilken.

»Vieles aus dem Gleichgewicht gebracht«

Star-Gast war der Friedensnobelpreisträger Professor Dr. Peter Lemke, der den 250 Zuhörern den Klimawandel äußerst anschaulich erläuterte. »Der Mensch hat vieles aus dem Gleichgewicht gebracht. In Deutschland gibt es keinen Quadratmeter mehr, der natürlich ist«, betonte Lemke und wies auf die Veränderungen durch Landwirtschaft und Industrie hin. Dem faszinierten Publikum zeigte er, wie sich 860.000 Jahre alte Luft im Eiskuchen der Antarktis analysieren lässt, um Rückschlüsse auf die klimatischen Entwicklungen in den vergangenen Jahrtausenden ziehen zu können.

»Seit 1978 hat es kein normales Jahr mehr gegeben«, sagte Lemke und zeigte Grafiken mit Temperaturentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. »Wenn wir so weiter machen, wird das Eis am Nordpol im Jahr 2050 komplett verschwunden sein. Auch die schmelzenden Gletscher sorgen dafür, dass der Meeresspiegel weiter ansteigen wird.« Die Sommer würden in den kommenden Jahren trockener ausfallen, die Winter milder und nasser. »Wenn wir jetzt endlich handeln, können wir es eventuell noch schaffen, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Wenn nicht, ist eine Erwärmung um vier Grad realistisch«, sagte Lemke. Und das habe dramatische Konsequenzen. Der Mensch müsse lernen, sich anzupassen, beispielsweise indem er höhere Deiche baue und Schutzmaßnahmen gegen Überschwemmungen ergreife. »Es hapert immer noch an Problemlösungen«, kritisierte er.

»Klimawandel in Schule besser vermitteln«

Dann betraten zwei 17-Jährige die Bühne: Emily Kreft und Laurin John, Schüler der Q2 des Weser-Gymnasiums. »Das Thema Klimawandel müsste besser vermittelt werden, auch in der Schule«, betonte Emily Kreft. Die Politiker würden ihre Ziele immer weiter schieben anstatt zu handeln. »Es ist traurig, dass wir Jugendliche erst auf die Straße gehen mussten, um etwas zu verändern«, sagte Laurin John in Anspielung auf Greta Thunberg und »Fridays for Future«.

Zum Finale bat Stefan Leiwen die bereits zu Wort gekommenen Akteure sowie Uwe Hofer von der Energie-Agentur NRW, Arne Dunker, Geschäftsführer des Klimahauses Bremerhaven, und Professor Dr. Carsten Fichter, Experte für Windenergie, auf die Bühne. Da kaum Fragen aus dem Publikum kamen, interviewte Leiwen die Gäste und diskutierte mit ihnen. Mit vielen neuen Erkenntnissen verließen die Zuhörer schließlich nach mehr als zwei Stunden die Aula. Und Emily Kreft betonte: »Das war sicherlich nicht der letzte Klimaabend hier in Vlotho.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7063522?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514631%2F
Ein Stück aus dem Tollhaus
Symbolbild. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker