Mi., 20.11.2019

Pfarrer verweist auf Anfeindungen und Ablehnung wegen seiner Homosexualität Pfarrer Pehle verlässt St. Stephan

Fast 200 Menschen nehmen an der Versammlung teil, in der Pfarrer Jörg Uwe Pehle seinen Abschied ankündigt.

Fast 200 Menschen nehmen an der Versammlung teil, in der Pfarrer Jörg Uwe Pehle seinen Abschied ankündigt. Foto: Jürgen Gebhard

Von Jürgen Gebhard

Vlotho (WB). Pfarrer Jörg Uwe Pehle wird die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Stephan Vlotho wieder verlassen. Grund seien andauernde Anfeindungen wegen seiner Homosexualität, denen er und auch sein Mann in Vlotho ausgesetzt seien. Das ist am Dienstagabend in der Gemeindeversammlung öffentlich gemacht worden.

In den evangelischen Kirchengemeinden Westfalens finden derzeit Gemeindeversammlungen statt. Hauptthema soll die am 1. März nächsten Jahres anstehende Presbyterwahl sein. In der Einladung von St. Stephan Vlotho waren auch »weitere Veränderungen in der Kirchengemeinde« angekündigt. Fast 200 Personen hatten sich im großen Saal versammelt – Gerüchte über einen möglichen Weggang des bei vielen sehr beliebten Pfarrers hatte es seit einigen Tagen gegeben.

Zunächst informierte Pehle darüber, dass St. Stephan keinen Küster mehr habe. Dann sagte er: »Ich werde die Gemeinde in Kürze verlassen.« Er sei im Bewerbungsverfahren und wisse noch nicht, wohin es ihn verschlagen werde. Und er fügte hinzu: »Die drei Jahre hier waren eine Nummer und jetzt ist es gut. Mein Mann und ich möchten wieder gerne in Frieden leben.«

Anfeindungen von Anfang an

Pehle berichtete von Anfeindungen, denen er und sein Mann von Anfang an ausgesetzt gewesen seien. Einzelne Menschen in Vlotho würden ihn sehr offen ablehnen. Einer habe ihm gesagt, Homosexuelle seien des Todes würdig. Andere redeten hinter seinem Rücken über ihn, gingen grußlos vorbei oder starrten ihn an. Kritik habe es auch an seinen Ständen auf dem Abendmarkt oder an der neuen Gemeindekneipe »St. Stephan’s« gegeben: Der Pfarrer verkaufe Wein und kümmere sich nicht ausreichend um die Gemeinde.

Seit drei Jahren habe er das Gefühl, permanent beobachtet und kontrolliert zu werden. Er und sein Mann wünschten sich, wieder in Ruhe leben und arbeiten zu können: »So kann es nicht weitergehen. Vlotho macht uns krank.«

Und auch körperlich. Die Schimmelbelastung des Pfarrhauses habe bei beiden Bewohnern zu erheblichen Atemwegsproblemen geführt. Der Schimmel sei nachweislich schon bei seinem Amtsvorgänger im Haus gewesen. Einzelne Vlothoer würden ihm und seinem Mann allerdings die Schuld am Schimmel geben. Richtig sei: In das Haus sei jahrzehntelang nichts investiert worden, und das Presbyterium habe das Haus wieder auf Vordermann gebracht.

Rückhalt aus der Gemeindeversammlung

In der Gemeindeversammlung gab es keinerlei Kritik an der Person des Pfarrers, höchstens Enttäuschung darüber, an diesem Abend vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. Zahlreiche Gemeindemitglieder, darunter Vertreter der kirchlichen Jugend oder des Kindergartens, lobten Pehles sehr großes Engagement.

Sie sprachen unter Applaus von einem »verdammt guten Job«, den er gemacht habe, bedauerten, dass er eine große Lücke hinterlassen werde, sagten »Sie sind ein toller Pfarrer« oder auch »Ich schäme mich für die Leute, die Ihnen das angetan haben«.

Pehle ließ sich nicht umstimmen: »Meine Kräfte sind durch.«

Rückblick

Jörg Uwe Pehle ist mit seinem Mann seit 2013 mit kirchlichem Segen verheiratet. Im November 2016 übernahm er die zuvor lange vakante Pfarrstelle. Gemeinsam mit seinem Ehemann zog er in das gerade von außen komplett renovierte Pfarrhaus ein. In der reformierten Nachbargemeinde regte sich grundsätzliche Kritik an seiner Homosexualität. So sehr, dass sich das dortige Presbyterium veranlasst sah, sich im Gemeindebrief für den neuen Pfarrer zu positionieren. Das wiederum veranlasste 13 Gemeindemitglieder, das Presbyterium im Gemeindebrief zu kritisieren: Es sei gewagt, in Frage zu stellen, dass Homosexualität eine Sünde sei. Die Bibel lehne Homosexualität ab, sie entspreche nicht der Absicht Gottes. – Das war im Frühjahr 2017. Dass das Thema damit bei einigen Vlothoern längst nicht erledigt war, drang kaum in die Öffentlichkeit.

Kommentare

Kein moralischer Fortschritt in Sicht. Über „private Sittlichkeitsprozesse“ in Vlotho


Kaum zu glauben, dass im so beschaulichen Vlotho im Jahre 2019 derartige Vorurteile und moralischen Verurteilungen grassieren und Wirkung zeigen. Gerade hatte ich die Rede des Bundespräsidenten vom18. Nov. (vorgestern) auf der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz gelesen, fand ich den Beweis für seine Besorgnis in unserer Vlothoer Zeitung (von heute) geliefert.
Der Bundespräsident hatte sich in der Hamburger Uni über >sprachliche Gewalt im Alltag<, über >Diffamierungen<, über die> Diskriminierung von Minderheiten<, über >Absolutheitsansprüche< und >Tugendterror< geäußert, um es dann auf den Punkt zu bringen: „ Aber all dieses (…) ist kein Freibrief für die Verbreitung von rücksichtslosen Beleidigungen und für ungebremsten Hass auf alle, die anders leben, anders denken, anders aussehen, anders lieben. Es ist keine Legitimation für sprachliche Enthemmung, für Rassismus, für Frauenverachtung, für Schwulenfeindlichkeit, für Antisemitismus!“ (zitiert nach Bundespräsidialamt)
Dann höre und lese ich von den Anfeindungen des Pfarrers in Vlotho wegen seiner Homosexualität. Ich dachte eigentlich, dass Thema sei seit den 1970er Jahren gegessen. Ich frage mich, warum tauchen gerade jetzt diese alten scheinmoralischen, normativen Ordnungsmuster wieder auf? Worum mag es den Homophoben in unserem ‚Dorf‘ gehen? Geht es um die >gute alte Zeit<, um die scheinbar klaren Bilder von >Mann und Frau<? Geht es um die herkömmliche feste Rollen-, Macht- und Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern im Alltag? Welche Ordnung sieht man(n) in Frage gestellt? Ist es die Angst des Mannes vor dem Verlust von Macht, eine unbewusste Bedrohung der eigenen Männlichkeit? Und warum kommt die Homophobie so gerne als religiös verbrämte Diskriminierung daher? Schwer zu verstehen?
Zur Erinnerung: Homosexualität war in den antiken Kulturen Griechenlands und Roms weitgehend akzeptiert und an der Tagesordnung. Die Erhebung des Christentums als Staatsreligion brachte eine Wende: der Verkehr zwischen Männern sei mit dem Tode zu ahnden oder aber mit der >Verbannung< (sic!). Die „Verbrechen wider die Natur“ wurden damals auch für Hungernöte, Erdbeben und die Pest verantwortlich gemacht. Diese 1000jährige Praxis steckt (manchen von) uns wohl noch in den Knochen, sprich in den Genen und mann/frau sieht da immer noch die „widernatürliche Unzucht“ am Werke, nur weil es im 3. Buch Mose hieß: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau, es ist ein Greuel (…) Denn alle, die solche Greuel tun, sollen ausgerottet werden aus ihrem Volke“. Ausrotten! In der Bibel? Dann sind wir auch schon bei der Praxis der Nationalsozialisten. Die Nazis starteten ab 1934 ihre massive Verfolgungspolitik gegenüber den Homosexuellen. Der entsprechende Paragraph (bereits 1871 als § 175 in Strafrecht eingeführt) wurde erheblich verschärft. Auf „schwere Fälle von Unzucht“ drohten jetzt bis zu 10 Jahren Gefängnis. Entsprechend der immensen „Bedrohung“ vervielfältigten sich die Verurteilungen. Ein großer Teil wurde dann in Konzentrationslager verschleppt, die Todesrate der „Rosa-Winkel-Häftlinge“ lag bei ca. 60 %. Homosexuelle lebten in der NS-Zeit in Angst und Schrecken – aber so könnte es sich heute auch in Vlotho noch anfühlen. Die Geschichte des Homohasses, einer spezifischen Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hat also immer noch kein Ende? Homosexualität bezeichneten 15 % im Jahr 2007 als unmoralisch und ekelig.

1969 fand mit der verabschiedeten Reform des § 175 die Kriminalisierung homosexueller Handlungen ein Ende, nur ein kleiner „Volkskörper“ in OWL hatte diese Neubewertung nicht mitbekommen. Es ist auch in Vlotho nicht angekommen, dass bereits am 8.12.2011 der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon festgestellt hatte: >Homophobes Mobbing ist … unmoralisch, eine schwere Verletzung der Menschenrechte<.
Aber warum ist die Geschichte der Homosexuellen bei uns seit so langer Zeit eine Story von Verachtung und Verfolgung? Homophobie – so habe ich gelernt – muss irrational sein. Legt einerseits der Begriff der>Phobie< einen Zusammenhang mit >der Angst< nahe, suchen andererseits homophobe Menschen doch gerade die feindselige, aggressive Haltung gegenüber den sogenannten Schwulen und Lesben. Eigentlich wird aus Angst vor der Homosexualität dann der Hass gegenüber derselben und denselben. Oder sehe ich das falsch?
Was sollen wir nun tun - in Vlotho - nachdem der >Unerwünschte <aus dem >Vlothoer Volkskörper< offenbar erfolgreich entfernt wurde? Einen jährlichen Gedenktag (am 17. Mai) gegen Homophobie und Transphobie gibt es schon. Warten auf die nächste Vertreibung, immerhin sind fünf bis zehn Prozent der Weltbevölkerung homosexuell? Das hätte Potential. Oder nachdenken, warum gerade jetzt in unserer Gesellschaft die Hassattacken, Diskriminierungen und Ausgrenzungsrituale zunehmen, warum der Riss mitten durch die Gesellschaft größer wird und der >Kampf der Kulturen< Fahrt aufnimmt.
J. Schröder

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