Oktober 1918: Geschichtswerkstatt findet Hinweise im Kirchbuch
Als die „Spanische Grippe“ Exter erreichte

Vlotho (WB). Das heute alle Nachrichten bestimmende Thema, die Corona-Infektionswelle, hat Annegret Arnhölter von der Geschichtswerkstatt Exter veranlasst, im Kirchenbuch nachzuschauen, wie es vor gut 100 Jahren war, als die Spanische Grippe den Erdball umrundete und dabei zahlreiche Opfer fand.

Mittwoch, 29.04.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 30.04.2020, 06:12 Uhr
Annegret Arnhölter von der Geschichtswerkstatt hat im Exteraner Kirchenbuch Eintragungen zur „Spanischen Grippe“ gefunden. Auch Zeitungsartikel von 1918 dienten ihr als Quellen. Foto: Joachim Burek
Annegret Arnhölter von der Geschichtswerkstatt hat im Exteraner Kirchenbuch Eintragungen zur „Spanischen Grippe“ gefunden. Auch Zeitungsartikel von 1918 dienten ihr als Quellen. Foto: Joachim Burek

„In der mündlichen Überlieferung gibt es wenig Hinweise, dass auch unsere Region betroffen war. Wurden wir vielleicht verschont? Leider nein“, berichtet sie.

Pastor Heinrich Brünger verzeichnet am 26. Oktober 1918 den ersten Grippetoten in Exter, einen 40-jährigen Mann, der an der „sogenannten spanischen Krankheit“ verstorben ist. In der Folge starben innerhalb von dreieinhalb Monaten in der Gemeinde insgesamt 16 Personen an dieser Seuche, sechs männliche und zehn weibliche Gemeindegliede, musste er beerdigen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kann man von einer Einwohnerzahl von 1600 ausgehen. Seine Anteilnahme sei spürbar in dem Vermerk, dass er innerhalb von vier Wochen vier Beerdigungen aus einem Hause heraus leitete, so die Historikerin.

Rasende Ausbreitung

Zunächst starb ein sechs Monate altes Mädchen, am nächsten Tag ihre Mutter, nach vier Tagen die Schwägerin und nach weiteren sechs Tagen eine weitere Schwägerin. Besonders tragisch sieht der Pfarrer die Tatsache, dass der Vater und Ehemann zu der Zeit als Soldat in Osnabrück im Lazarett liegt.

Es ist möglich, dass hierin der Infektionsherd zu suchen ist. Während des Ersten Weltkrieges übersprang das Influenza-Virus die Barriere vom Schwein zum Menschen auf einer Farm in Kansas/USA. Durch den Eingriff Amerikas in die Kampfhandlungen in Westfrankreich, Verwundungen, Gefangennahme und anderer Kontakte übersprang das Virus die Fronten und breitete sich rasend schnell in Europa aus. Die Zeitungen der kriegsführenden Länder zitierten Presseberichte aus dem damals neutralen Spanien über die rasante Ausbreitung einer neuen Krankheit, so kam es in Deutschland zu der Bezeichnung „Spanische Grippe“. Die beurlaubten oder heimkehrenden Soldaten trugen das Virus mit sich in die Heimat und auch in Lazarette oder Gefangenenlager.

Möglicherweise hat die junge Frau ihren erkrankten und/oder verwundeten Mann im Lazarett in Osnabrück besucht und sich dort infiziert. In der Heimat starben mehr Frauen als Männer an der Krankheit und mehr im erwerbstätigen Alter als Kinder oder Alte. Dass weniger Männer davon betroffen waren, lag daran, dass sie als Soldaten eingezogen waren und nicht zu Hause erkrankten.

Seuche und Schrecken des Krieges

Zu den Schrecken des Krieges mit der Versorgungsnot an Lebensmitteln und Heizmaterial, den vielen gefallenen Söhnen und Vätern, der zerstörten Infrastruktur kam noch die Seuche.

In einem Wort zum Sonntag in der „Neuen Westfälische Volkszeitung – Konservatives Tageblatt für die Provinz Westfalen und angrenzende Länder“ vom 23. November 1918 schreibt ein nicht namentlich erwähnter Pfarrer: „Es heißt: das deutsche Volk hat fast zwei Millionen Tote auf den Schlachtfedern gelassen. Es heißt, die Grippe hat zwanzig von Hundert aller Schwangeren und Wöchnerinnen hingerafft…. Vieles ist in der Flut des Elends versunken, was sonst Menschen zum Teil zu trösten vermochte. Man sagte: ‚Aber ihr Sterben rettet das Vaterland!‘ Es hat das Vaterland nicht gerettet….“

Allgemeine Depression erfasst das Land

Seine Worte zum Totensonntag sind Ausdruck der Depression, die Deutschland nach dem verlorenen Krieg erfasst hatte. Er sucht Trost in den Worten „Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben.“ In Landgemeinden sei es leichter gewesen, Abstand zu halten, so die Chronistin. Die Influenza-Gefahr – das heißt: der Zwang das Virus einzuatmen – sei nicht ganz so groß gewesen wie in den dicht besiedelten Städten. Von Köln wird berichtet, dass die Bestattungsinstitute ihren Aufgaben nicht mehr ausreichend nachkommen konnten. Die Leichname wurden gesammelt und oft in Gemeinschaftsgräbern bestattet. Die dem Krieg nachfolgenden Unruhen, Kämpfe verschiedener politischer Gruppierungen und Reparationen an die Sieger ließen keinen Platz für geordnete Hygienemaßnahmen, ausreichende Ernährung oder umfassende Information. Die Seuche, vergleichbar mit den Pest-Epidemien des 14. Jahrhunderts, raste in drei Wellen um den Erdball und ist doch im kollektiven Gedächtnis rätselhafterweise in Vergessenheit geraten. „Eine besonnen handelnde Regierung, ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem, Zugang für jeden zu ärztlicher Versorgung und die Möglichkeit sich umfassend zu informieren, sind die Vorteile unserer Zeit und unseres Landes. Denken wir an die, denen diese Möglichkeiten nicht gegeben sind.“

Die Quellen

Als Quellen dienten das Kirchenbuch der Evangelischen Kirchengemeinde Exter, die Veröffentlichung der Gebrüder Gröne „Kirche in Exter 1666 – 1966“, die Dissertation von Victoria Lorenz, Köln vom 31. Oktober 2008 über die Spanische Grippe und ein historischer Zeitungsausschnitt

 

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