Sa., 23.05.2020

Heimarbeit statt Home-Office – Ursel und Udo Kohlmeier erinnern sich „Der Küchentisch war Arbeitsplatz“

Udo Kohlmeier führt im Heimatmuseum bei Führungen das Fertigen der Zigarren-Wickel vor. Als Kind hat er diese Art der Heimarbeit in seinem Elternhaus noch selbst miterlebt.

Udo Kohlmeier führt im Heimatmuseum bei Führungen das Fertigen der Zigarren-Wickel vor. Als Kind hat er diese Art der Heimarbeit in seinem Elternhaus noch selbst miterlebt. Foto: Joachim Burek

Von Joachim Burek

Vlotho (WB). Das „Home-Office“ ist in Corona-Zeiten in aller Munde. Doch auch schon im vordigitalen Zeitalter war die „Heimarbeit“ – wie es damals hieß – von der Industrie sehr geschätzt. In Vlotho beispielsweise waren die örtlichen Zigarrenfabriken stets auf die zuverlässigen Zulieferdienste der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter angewiesen. Im Vlothoer Heimatmuseum, das von Udo und Ursel Kohlmeier vom Heimatverein betreut wird, zeugt eine eigene Abteilung von dieser Blütezeit der Zigarrenfertigung in der Weserstadt.

„Bei Führungen von Gruppen durch das Museum zeige ich oftmals noch an den dort ausgestellten Zigarren-Arbeitstischen, wie die Fertigung der Zigarren-Wickel in Heimarbeit in den Stuben der Vlothoer funktionierte“, berichtet Udo Kohlmeier im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn Kohlmeier ist gleichsam noch Zeitzeuge. „Als kleiner Junge von sechs Jahren habe ich immer meiner Großmutter Lina und meiner Mutter Lotte zugeschaut, wie sie Zigarren-Wickel am Küchentisch rollten. Den angenehmen Duft des frischen Zigarrentabaks, der in der ganzen Wohnung in der Luft lag, habe ich heute noch in der Nase, wenn ich an jene Zeit Anfang der 50er Jahre zurückdenke oder im Museum durch die Zigarrenabteilung gehe“, erinnert er sich.

Heimarbeit für die Zigarrenfabriken

Damals hätten sich die beiden Frauen nach dem Tod ihrer Männer durch die Heimarbeit für die Zigarrenfabrik ihren Lebensunterhalt verdient, so Kohlmeier. „Die Tabakeinlagen wurden bei uns in der Kaiserstraße am Küchentisch in die Umblätter gelegt, die dann gerollt in die Zigarrenformen kamen. Etwa 400 Stück wurden da am Tag produziert und am Wochenende wurden die Formen mit den Wickeln zur Endfertigung per Bollerwagen in die Fabrik transportiert. Dann war Lohntag. Pro 1000 Stück gab es etwa 40 Mark“, berichtet er.

Seine Großmutter und Mutter hätten damals für die Zigarrenfabrik Beenss in der Winterbergstraße gearbeitet. Das Unternehmen sei eines der letzten vier Zigarrenfabriken einer großen Vlothoer Branche gewesen, weiß Udo Kohlmeier. Eine Auflistung im Heimatmuseum zeigt die eindrucksvollen Zahlen: 1895 gab es 26 dieser Fabriken in Vlotho, 1914 waren es schon 40, 1926 dann sogar 66 Zigarrenfabriken. „Damals hat wohl jeder zweite bis dritte Haushalt in der Stadt Heimarbeit für die Zigarren-Industrie geleistet“, schätzt Kohlmeier. 1968 seien dann nur noch vier Fabriken in der Weserstadt übrig gewesen: Beenss, Klinksiek, Schöning und Tintelnot, die 1983 als letzte geschlossen habe.

Museum hält Erinnerung wach

Heute dient bekanntermaßen der ehemalige Sortiersaal der früheren Zigarrenfabrik Schöning als Heimatmuseum. Kohlmeier: „Kurioserweise stammen aber die meisten Geräte aus der Zigarrenproduktion, die wir im Museum zeigen, aus dem Bestand der früheren Fabrik Klinksiek.“

Auch nach den ersten Kindheitserfahrungen im elterlichen Haushalt hat die Heimarbeit Udo Kohlmeier noch einige Zeit begleitet. „Später hat meine Mutter bei der Firma Schleef Papierblumen gefertigt oder für die Firma Schlüter aus der Mendel-Grundmann-Straße Kugelschreiber zusammengesteckt. Als Zwölfjähriger habe ich bei den Kugelschreibern oft geholfen“, erinnert sich der heute 74-Jährige. Noch nachdem er 1968 seine Frau Ursel geheiratet hatte, habe das junge Ehepaar Kohlmeier mit Heimarbeit für einen Zuverdienst gesorgt. „Damals habe ich Sohlen für Damenschuhe daheim eingetütet. Fünf Paar kamen jeweils in einen Beutel, die dann an die Schuster weitergeliefert wurden“, ergänzt Ursel Kohlmeier. Nach Feierabend habe ihr Mann damals ebenfalls häufig geholfen, erinnert sie sich an jene Jahre.

Mit den eigenen Museums-Abteilungen zur Zigarren-Industrie und auch zum Schuhmacher-Handwerk will das Museums-Team die Erinnerung an jene Zeit der Heimarbeit-Blüte wachhalten. „Inzwischen haben wir auch Kontakt mit einer Frau, die die Nachfolge der verstorbenen Hanna Schürmann antreten und künftig bei Tagen der offenen Tür dieses Zigarren-Heimarbeitshandwerk vorführen kann“, berichtet Udo Kohlmeier.

 

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