Corona, iPads, Bahnhof und Wiederwahl: Sommerinterview mit Vlothos Bürgermeister
Vorbildliches Vlothoer Chancenmodell

Vlotho (WB). Die von ihm zu Beginn der Corona-Krise angestoßene Anschaffung von 1800 iPads für alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte aller Vlothoer Schulen hat bundesweit einige Beachtung gefunden: Dieses so genannte Vlothoer Chancenmodell sei ein Vorbild für andere Kommunen. Das stellt Bürgermeister Rocco Wilken im Sommerinterview dem WESTFALEN-BLATT fest. Und er sagt auch, dass er noch Hoffnung für die Bahnhofssanierung und – sollte er am 13. September nicht wiedergewählt werden – einen Plan B für sich habe. Das Interview hat Jürgen Gebhard geführt.

Montag, 03.08.2020, 04:06 Uhr aktualisiert: 03.08.2020, 05:01 Uhr
Rocco Wilken ist im Jahr 2015 als Bürgermeister ins Vlothoer Rathaus eingezogen. Foto: Jürgen Gebhard
Rocco Wilken ist im Jahr 2015 als Bürgermeister ins Vlothoer Rathaus eingezogen. Foto: Jürgen Gebhard

 

Die Sommerferien sind in wenigen Tagen vorbei. Ist der Urlaub mit der Familie wegen Corona ausgefallen?

Rocco Wilken: Ich habe mit meiner Familie eine kleine Rundreise Richtung Hamburg, Ostsee und Harz mit unserem Camper gemacht. Reisen ist für uns sehr wichtig.

Im vorigen Jahr hatten Sie sich zu dieser Zeit auf den Exter-Triathlon vorbereitet. Der ist schon Monaten abgesagt worden. Trainieren Sie trotzdem?

Wilken: Nicht nur im Sport fallen wegen der Corona-Pandemie die meisten Veranstaltungen aus. Die Veranstaltungen fehlen nicht nur den aktiven Sportlern und den Besuchern, sondern auch den Veranstaltern, die oftmals davon leben. Wir alle stellen uns beispielsweise mit virtuellen Veranstaltungen oder extrem reduzierten Teilnehmerzahlen auf die Veränderungen ein. Alle hoffen auf das kommende Jahr. Ich halte mich zurzeit durch Laufen fit und habe damit meinen Ausgleich.

Bundesweit Vorreiter

Um den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, hatten Sie gleich zu Beginn der Corona-Krise die Idee, iPads für alle Schüler und Lehrer aller Vlothoer Schulen anzuschaffen. Hat es Sie überrascht, dass Sie für diese 1,6-Millionen-Euro-Ausgabe keinerlei Widerstand aus der Kommunalpolitik bekommen haben?

Wilken: Es ist eine rational sinnvolle Entscheidung gewesen, die vom Bedarf derer ausgeht, für die wir gemeinsam Politik machen. Es geht hier um unsere Kinder und um deren Bildung. Die Finanzen sind wichtig, sie stehen aber nicht über dem Menschen. Ich freue mich, dass alle Fraktionen das genauso sehen und mein Vorhaben unterstützen.

Mit dieser Beschaffungsaktion ist Vlotho bundesweit Vorreiter. Hat es auch eine bundesweite Resonanz gegeben?

Wilken: Zuerst haben die Medien in der Region darüber berichtet, dann haben auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und WDR 5 das Thema aufgegriffen. Daraufhin gab es einige Nachfragen aus dem Bundesgebiet und eine breite Zustimmung.  Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass auch Elternverbände und Kommunalvertreter sich nach unserem Vlothoer Chancenmodell erkundigt haben. Ich glaube, das ist ein wichtiges Zeichen und ein Vorbild für andere Kommunen. Wichtiger ist aber auch, dass wir es erreicht haben, dass Fördermittel rückwirkend gewährt werden. So etwas ist absolut ungewöhnlich.

Nach den Sommerferien soll der Schulbetrieb möglichst normal wieder aufgenommen werden. Sind die iPads also eine Fehlinvestition?

Wilken: Wie der Schulbetrieb nach den Ferien oder in einem halben Jahr aussieht, weiß niemand. Ich weiß aber, dass unsere Schülerinnen und Schüler und unsere Lehrkräfte gut und zeitgemäß fürs Homeschooling und für den digitalen Unterricht ausgestattet sind. Und das ist wichtig – auch für eine Zeit nach Corona.

Corona und der Haushalt

Hat Corona ein riesiges Loch in den städtischen Haushalt gerissen?

Wilken: Wir haben einen robusten Haushalt. Die coronabedingten vorläufigen Gewerbesteuer-Ausfälle liegen bei zwei Millionen Euro. Durch den guten Gewerbemix haben wir jedoch eine recht stabile Gewerbesteuereinnahme. Aktuell liegen wir mit nur 700.000 Euro unter unserem Ansatz von 9,5 Millionen Euro. Die kommenden Jahre werden uns zeigen, wie wir steuern müssen. Wir machen uns aber keine Sorgen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und mit der Bilanzierungshilfe des Landes werden wir das hinbekommen. Wichtig ist aber das Signal, dass wir uns als Stadt die Aufgabe der Wirtschaftsförderung auf die Fahne geschrieben haben und, dass wir weiter investieren werden.

Die Digitalisierung war bereits vor fünf Jahren ein großes Thema Ihres Wahlkampfes. Städtische Dienstleistungen sind immer noch nicht online zu erledigen…

Wilken: Einiges ist schon online möglich. Einige Formulare sind bereits auf der Homepage eingestellt und können online genutzt werden. Wir arbeiten intensiv am Ausbau unserer digitalen Dienstleistungen. Hier ist das Kommunale Rechenzentrum federführend. Es erstellt Lösungen, die mit allen anderen Behörden kompatibel sind. Onlinebezahlung für bestimmte Dienstleistungen sollen Ende des Jahres auch über PayPal möglich sein.  Wir sind in diesem Bereich der Digitalisierung durch die Corona-Krise und das iPad-Großprojekt etwas in Zeitverzug gekommen. Hier ist vieles noch im Aufbau, zum Beispiel bei Steuern, Finanzen, Vollziehungsangelegenheiten, beim Einwohnermelde- und Standesamtswesen oder bei der Grundstücksakte. Die E-Akte wird es in immer mehr Bereichen unserer Verwaltung geben.  Uns ist wichtig, dass unsere Angebote einen messbaren Mehrwert für die Vlothoer Bürgerinnen und Bürger haben.

Hausärztliche Versorgung

Ein anderes Thema war damals die hausärztliche Versorgung. Auch hier ist noch Handlungsbedarf…

Wilken: Uns ist ein Meilenstein mit der Ansiedlung einer Allgemeinmedizinerin im ärztlich unterversorgten Exter gelungen. Ihre Praxis soll Ende des Jahres eröffnet werden. Und für den Standort im Gesundheitszentrum sind wir mit einem weiteren Allgemeinmediziner im Gespräch.

Der Bahnhof wird keine Tierklinik und auch kein Hotel: Haben Sie noch Hoffnung?

Wilken: Ich bin davon überzeugt, dass wir eine Nutzung für das Gebäude hinbekommen werden und in diesem Jahr noch mit Bauarbeiten rechnen können. Es gibt sehr enge Gespräche mit der Bezirksregierung und der Städtebauförderung des Landes.

Welche konkreten Projekte haben Sie sich für eine zweite Amtszeit vorgenommen?

Wilken: Neben den baulichen Maßnahmen zur Steigerung der touristischen Attraktivität im Hafen, auf der Burg, in der Innenstadt sowie den Wegebeziehungen zu den Ortsteilen werden wir ganz konkret die Schulen, den Offenen Ganztag, die Feuerwehrgerätehäuser und die Sportstätten modernisieren. Das Angebot des ÖPNV wird benutzerfreundlicher und durch ein Ein-Euro-Klimaticket gestärkt. Der Breitbandausbau wird einen großen Schritt in Vlotho machen. Alle Investitionen werden wir unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, Klimaneutralität und Barrierefreiheit umsetzen. Mit einem aktiven Umweltschutz werden wir die Lebensräume und die Artenvielfalt stärken. Die Kulturfabrik soll als städtisches Kultur- und Ehrenamtszentrum weiter gestärkt werden, in das alle Generationen gerne gehen. Dieses Ehrenamtszentrum wird die schon vorhandenen Angeboten ergänzen. Am wichtigsten ist für mich, dass der zwischenmenschliche, der gesellschaftliche Zusammenhalt erhalten bleibt. Denn das macht Vlotho so besonders und lebenswert.

Zwei Herausforderer

Bei der Bürgermeisterwahl haben Sie zwei Herausforderer: Die FDP unterstützt einen der Gegenkandidaten. Die CDU zeigt zumindest viel Sympathie für ihn und meint, dass der den Job besser macht. Hat Sie das überrascht?

Wilken: Ich freue mich über die Unterstützung von SPD und Grüner Liste. Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren mit allen Fraktionen viele wichtige Beschlüsse für unsere Stadt gefasst. Meine Ziele für die kommenden fünf Jahre sind klar und bauen auf dem Erreichten auf.

Haben Sie einen persönlichen Plan B, falls Sie nicht gewählt werden?

Wilken: Mein Ziel ist es, Bürgermeister zu bleiben. Anderenfalls würde ich nach einer kurzen Auszeit in meinen alten Beruf beim Zoll zurückkehren.

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