Versorgungsgrad ist in Vlotho besonders schlecht
Hausärzte dringend gesucht

Vlotho (WB). In Vlotho (etwa 18.500 Einwohner) dürften nach den Richtwerten der Kassenärztlichen Vereinigung 13 Hausärzte praktizieren. Tatsächlich sind es aber nur 8. Der Versorgungsgrad beträgt damit gerade einmal 63,6 Prozent. Im gesamten Bereich Westfalen-Lippe ist keine andere Gemeinde schlechter als Vlotho aufgestellt. Das geht aus den aktuellen Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung hervor (Stand 29. Mai 2020).

Samstag, 15.08.2020, 04:01 Uhr aktualisiert: 15.08.2020, 05:01 Uhr
Wollen sich für mehr Hausärzte einsetzen (von links): Dorothee Schuster, Dr. Wolfgang Windhorst, Dr. Henrich Malz, Clarissa Graul, Anke Richter-Scheer. Foto: Jürgen Gebhard
Wollen sich für mehr Hausärzte einsetzen (von links): Dorothee Schuster, Dr. Wolfgang Windhorst, Dr. Henrich Malz, Clarissa Graul, Anke Richter-Scheer. Foto: Jürgen Gebhard

Wenn nicht ganz schnell gegengesteuert wird, könnte die hausärztliche Versorgung in Vlotho bald noch schlechter werden. Davon ist Dr. Wolfgang Windhorst überzeugt, der gemeinsam mit seiner Ehefrau eine Hausarztpraxis in Uffeln betreibt. Im Rahmen ihrer Famulaturen (Praktika) betreut er regelmäßig Medizinstudenten, um ihnen die Vielseitigkeit seines Berufes näherzubringen – auch in der vagen Hoffnung, neue Hausärzte für ländliche Regionen gewinnen zu können.

Kandidatur für Kreistag

Das allein reicht ihm jetzt nicht mehr aus. Dr. Windhorst möchte die Rahmenbedingungen verbessern, um ländliche Regionen für junge Mediziner attraktiver zu machen. Deshalb kandidiert er nun als CDU-Mitglied für den Kreistag. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, sagt der 60-Jährige.

Gemeinsam mit Anke Richter-Scheer (Hausärztin aus Bad Oeynhausen und Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe), Hausarzt Dr. Henrich Malz (Leiter des Qualitätszirkels der Vlothoer Ärzteschaft), Dorothee Schuster (CDU-Landratskandidatin für den Kreis Herford) und mit Clarissa Graul, die als Studentin der Ruhr-Universität Bochum zur Zeit eine Famulatur in der Praxis Windhorst absolviert, hat er die Thematik in einem Pressegespräch dargestellt.

Suche nach Lösungen

Welche Lösungsansätze gibt es? Für den Hausärzteverband nennt Anke Richter-Scheer das oberste Ziel: „Wir müssen den Nachwuchs für die wohnortnahe Versorgung als Hausärzte gewinnen und wir müssen zeigen, wie attraktiv und vielfältig diese Arbeit ist.“ Ihr Verband habe früh erkannt, dass sich ein Ärztemangel auf dem Land abzeichnet und umwerbe den Medizinernachwuchs unter anderem bereits früh beim Hausärztetag in Münster.

Für eine Entlastung des Hausarztes könne die vor einiger Zeit etablierte „Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“ (VERAH) sorgen: Diese speziell ausgebildete medizinische Fachangestellte übernehme bestimmte hausärztliche Tätigkeiten und mache auch Hausbesuche. Der bürokratische Aufwand in den Praxen müsse geringer werden. Die Festanstellung in einer etablierten Praxis könnte mit Blick auf die Life-Work-Balance eine Perspektive für junge Hausärzte sein. Mit Schulen, Kindergärten, Kultur- und Freizeiteinrichtungen müsse eine Region für Familien attraktiv sein.

Videosprechstunden

Videosprechstunden und Telemedizin würden ein effektiveres Arbeiten ermöglichen: Patientengespräche könnten vielfach auch per Videokontakt geführt werden, berichtet Anke Richter-Scheer. Bei Bedarf könnte sogar ein Facharzt hinzugeschaltet werden. Und die Telemedizin mache es möglich, diagnostische Geräte in der Wohnung des Patienten einzusetzen und sie mit der Hausarztpraxis zu vernetzen. „Dafür benötigen wir dringend die schnellen Internetleitungen, die es auch in Vlotho leider immer noch nicht flächendeckend gibt“, sagt Dr. Windhorst.

Im Falle eines Wahlsieges hätte die hausärztliche Versorgung für sie eine besondere Priorität, stellt Dorothee Schuster fest. Dazu gehöre neben der Digitalisierung auch eine Unterstützung der Medizinstudenten zum Beispiel in Fragen der Mobilität. Aufgrund der Nähe zum dortigen Klinikum als Ausbildungsstätte würden die Studenten oftmals in Minden wohnen. Wer dann ohne eigenes Auto auf die unzureichenden ÖPNV-Verbindungen angewiesen sei, sei kaum dafür zu begeistern, Praktikums-Erfahrungen in einer Landarztpraxis in Vlotho zu sammeln.

„Der Beruf macht Spaß“

Medizinstudentin Clarissa Graul hat das Problem der Mobilität mit einem von ihrer Familie geliehenen Fahrzeug gelöst. Die junge Frau, die einen Monat lang den Alltag in der Hausarztpraxis Windhorst in Vlotho-Uffeln kennenlernt, hat ihre Entscheidung bisher noch nicht bereut: „Ich habe es früher nicht auf dem Schirm gehabt, einmal als Hausärztin zu arbeiten. Jetzt kann ich mir das vorstellen.“ Das findet auch Dr. Henrich Malz gut, der in dritter Generation die Hausarztpraxis in der Vlothoer Innenstadt führt. Und stellvertretend für die anderen anwesenden Ärzte stellt fest: „Der Beruf macht Spaß. Ich gehe abends zufrieden nach Hause.“

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