Vlothoer Kita-Leitungen ziehen Corona-Bilanz – mehr Wertschätzung gewünscht
„Wir kommen zu kurz“

Vlotho (WB). „Wir haben Angst, alleingelassen zu werden“, sagt Alexander Flechtner. Das sieht nicht nur der Leiter der Kindertagesstätte Vlohzirkus so: Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Ulla Stemmer (Evangelische Kindertagesstätte St. Stephan), Kirsten Rinne (Kita Villa Kunterbunt), Nadine Finne (Kita Sommerwiese) und Michaela Strathe (Evangelische Kindertagesstätte Uffeln) zieht er eine sehr durchwachsene, vorläufige Corona-Bilanz.

Montag, 19.10.2020, 04:43 Uhr aktualisiert: 19.10.2020, 05:01 Uhr
Wünschen sich mehr Wertschätzung: Ulla Stemmer (Evangelische Kindertagesstätte St. Stephan, von links), Kirsten Rinne (Kita Villa Kunterbunt), Alexander Flechtner (Kita Vlohzirkus), Nadine Finne (Kita Sommerwiese) und Michaela Strathe (Evangelische Kindertagesstätte Uffeln) Foto: Sonja Töbing
Wünschen sich mehr Wertschätzung: Ulla Stemmer (Evangelische Kindertagesstätte St. Stephan, von links), Kirsten Rinne (Kita Villa Kunterbunt), Alexander Flechtner (Kita Vlohzirkus), Nadine Finne (Kita Sommerwiese) und Michaela Strathe (Evangelische Kindertagesstätte Uffeln) Foto: Sonja Töbing

„Es wird immer nur über die Situation in den Schulen berichtet, aber kaum über die Kitas. Wir kommen zu kurz, erfahren nicht dieselbe Wertschätzung“, zeigt sich Ulla Stemmer enttäuscht und erntet von den anderen Erzieherinnen und Erziehern Zustimmung. „Unsere Konzepte geraten mehr und mehr in den Hintergrund, die gewünschte und geforderte Partizipation der Kinder fehlt“, sagt Nadine Finne.

Unlogische Maßnahmen

So dürften sich die Kinder derzeit ihr Essen nicht mehr selber auf den Teller laden. „Das macht doch keinen Sinn. In der Gruppe fassen alle dieselben Bauklötze an, aber beim Essen dürfen nicht alle das gleiche Besteck benutzen.“

Und solche „unausgegorenen“ Maßnahmen gebe es seit Beginn der Corona-Pandemie häufiger, als es den Pädagogen lieb ist. „Seitens des Ministeriums gibt es keine klaren Ansagen, jeder soll nach eigenem Gusto entscheiden. Wir diskutieren ständig miteinander, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen sollen“, ärgert sich Kirsten Rinne über die mangelhafte Kommunikation mit den zuständigen Behörden. Sie und ihre Kollegen sind wütend und enttäuscht, dass wichtige Beschlüsse und Maßnahmenpakete immer zuerst an die Presse weitergegeben worden seien und das meistens zu denkbar ungünstigen Zeiten.

„Oft wussten die Eltern Freitag nachmittags nach einer Pressekonferenz der Landesregierung mehr als wir. Bis bei uns die zu treffenden Maßnahmen eingingen, vergingen häufig mehrere Tage“, sagt Alexander Flechtner. In dieser Zeit seien er und sein Team von verunsicherten Eltern mit Fragen gelöchert worden. „Was ja nur verständlich ist. Aber wir wussten oft selber nicht mehr als sie“, sagt der Vlohzirkus-Leiter.

Es fehlt an Personal

Ein großes Problem sei das fehlende Personal. „Das ist an sich nichts Neues, wird aber jetzt durch die Pandemie viel deutlicher sichtbar, wie unter einem Brennglas“, erklärt Flechtner. In allen Kindergärten mussten die Frühschichten personell aufgestockt werden, denn die morgendliche Annahme der Kinder nehme viel Zeit in Anspruch. Das bestätigt auch Kirsten Rinne: „Von 7.30 bis 9 Uhr ist pro Gruppe eine Erzieherin nur mit dieser Aufgabe beschäftigt. Und mittags bei der Übergabe an die Eltern ist es genauso.“ Nachmittags fehlten dann jedoch Kräfte für die professionelle Betreuung der Kinder.

Die Erkältungszeit hat gerade erst begonnen. „Uns fehlen jetzt schon 25 bis 30 Prozent des Personals. Was sollen wir tun, wenn die Grippewelle anrollt?“, fragt sich nicht nur Alexander Flechtner. Nadine Finne ergänzt: „Es gibt einfach Notfälle, für die gibt es keinen Notfallplan.“ Auf den Schultern der Erzieherinnen und Erzieher liege eine enorme Last: „Wir müssen für uns, für unsere Mitarbeiter, für die Kinder und Eltern wichtige Entscheidungen treffen, das alles kostet enorm viel Kraft.“ Corona stelle für viele eine große psychische Belastung dar.

Kinder und Eltern machen gut mit

Umso dankbarer sind die Vlothoer Kita-Leitungen über das Verhalten ihrer kleinen Schützlinge. „Die Kinder machen das alles wirklich toll mit und gehen mit einer wunderbaren Leichtigkeit an die Sache heran“, sagt Michaela Strathe. Auch ein Großteil der Eltern zeige sich verständnisvoll. „Wir hätten uns trotzdem ein wenig mehr positives Feedback gewünscht“, gibt Alexander Flechtner zu. Er sei seinen Kolleginnen aus den anderen Vlothoer Kitas sehr dankbar: „Die gute Zusammenarbeit hat sich bewährt und weiter intensiviert. Ich persönlich habe auch die emotionalen Gespräche als große Bereicherung empfunden.“

Angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen machen sich die Kita-Teams natürlich Gedanken. „Machen wir uns nichts vor: Wir befinden uns im Grunde immer noch im eingeschränkten Regelbetrieb, nur mit normalen Betreuungszeiten“, sagt Michaela Strathe. Von der Prä-Corona-Normalität sei man noch weit entfernt. „Wir brauchen mehr Personal, sonst sind die von uns verlangten Maßnahmen nicht umsetzbar“, gibt Ulla Stemmer zu bedenken.

Sie und ihre Mitstreiter wünschen sich mehr Wertschätzung für den Berufsstand der Erzieher. „Und eine bessere Kommunikation zwischen Landesregierung und unseren Trägern und Trägervereinen“, betont Stemmer.

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