Do., 26.07.2018

Galina Hendus wirft in ihrem neuesten Buch einen Blick in die Welt des Anderen »Jeder hat seine eigene Wahrheit«

Galina Hendus im Gräflichen Park in Bad Driburg vor dem Hölderlin-Denkmal. »Auch sein Leben hat mich inspiriert«, sagt die in der Kurstadt lebende Autorin.

Galina Hendus im Gräflichen Park in Bad Driburg vor dem Hölderlin-Denkmal. »Auch sein Leben hat mich inspiriert«, sagt die in der Kurstadt lebende Autorin. Foto: Timo Gemmeke

Von Timo Gemmeke

Bad Driburg (WB). In ihrem neuesten Buch »Beziehungen« wirft Galina Hendus einen Blick in die Welt des Anderen. Auf Geschichten nach dem Motto »Ende gut, alles gut« verzichtet die Autorin aus Bad Driburger dabei bewusst.

Die Karotten, die auf deutschen Äckern wachsen, sind meistens orange. Die Farbe ist hierzulande charakteristisch für das Gemüse, schon Kinder lernen es so: Karotten sind orange. In Galina Hendus Heimatstadt im Südural sind sie rot – aber es sind immer noch Karotten. »Mit uns ist es doch ähnlich«, sagt die Autorin. »Jeder hat seine eigene Wahrheit. Und trotzdem sind wir alle Menschen.«

21 Kurzgeschichten »ohne Grenzen«

Dass die »eigene Wahrheit« nur selten die einzige ist, wird spätestens im Alltag und Zusammenleben mit anderen deutlich. Es gibt immer eine andere Perspektive – auch das möchte Galina Hendus mit ihrem neuesten Buch zeigen. »Beziehungen: Geschichten ohne Grenzen« ist bereits vor fünf Jahren auf Russisch herausgegeben worden, die deutsche Fassung erscheint erst jetzt im Shaker Media Verlag. Und eigentlich sei das Buch noch mal fünf Jahre älter, sagt Hendus. »Vor zehn Jahren hatte ich die Geschichten schon im Kopf.«

In insgesamt 21 Kurzgeschichten erzählt Hendus von fremden Schicksalen, aber längst nicht nur – wie der Titel vielleicht anmuten lässt – von der Liebe. »Jeder von uns ist täglich in Beziehungen«, sagt Hendus. Arbeitskollegen, Freunde, Kinder, Nachbarn: Alle Arten von Beziehungen rücken auf knapp 270 Seiten – mal mehr, mal weniger – in den Mittelpunkt. Leichte Bettlektüre will Hendus aber nicht liefern: »Ich möchte, dass meine Leser über die beschriebenen Situationen nachdenken.«

Anstöße dazu liefern die Geschichten im Buch auf ganz unterschiedliche Weise. In »Frauenglück« geht es beispielsweise nur bedingt um Zwischenmenschliches, als vielmehr um die Beziehung zur Heimat – sei sie von Geburt bestimmt oder später selbst gewählt.

Auch biografische Einflüsse

Zwei Schwestern, deren Wege sich früh trennen, treffen darin nach langer Zeit wieder aufeinander. Beide Lebenswege gingen auf und ab; erst die große Hoffnung, dann die Enttäuschung. Tonja bleibt in Russland bei ihrem wohlhabenden Mann, muss ihn dann nach einem Unfall nicht nur pflegen sondern auch als Alkoholiker ertragen. Tanja geht nach Deutschland, sucht dort nicht nur vergebens einen Job als Lehrerin, sondern auch den Mann ihrer zukünftigen Kinder. Als sich beide nach Jahren wiedersehen und aussprechen, ist es trotz all der Misere Tonja, die sich nicht komplett verloren fühlt. »Wer von uns beiden ist glücklicher?«, fragt sie. »Wenn du in einem Land lebst, das du mehr als deine Heimat liebst, bedeutet das noch lange nicht, dass du glücklich bist. Um glücklich zu sein, muss ein Mensch jemanden haben, der ihn braucht und den er braucht.«

Bewusst ließ Hendus in ihr Buch biografische Anteile einfließen, besonders im Bezug auf die verschiedenen Herkunftsländer ihrer Protagonisten. »Ich will keine Stereotypen ausquetschen, wenn die russische Frau romantisch ist und der deutsche Mann eher der Pragmatiker.« Die Geschichten könnten überall auf der Welt spielen, sagt sie und geht aus eigener Erfahrung noch einen Schritt weiter: »Ich kenne keine Kulturen, die so eng miteinander verbunden sind wie die deutsche und die russische.«

Vorher Kinderbücher geschrieben

Hendus selbst kam vor 20 Jahren nach Deutschland, zog erst nach Dortmund und wohnt mittlerweile in Bad Driburg. Nach einer Ausbildung zur Bibliothekarin arbeitete sie als Technikerin in einem russischen Panzer-Konstrukteurbüro. Zur Zeit der Perestroika öffnete sie ein Designbüro, verkaufte dort selbstentworfene Kleidung. »Das war langweilig«, sagt sie rückblickend. In Deutschland begann sie vor knapp zehn Jahren zu schreiben. Seitdem hat sie mehrere Kinderbücher veröffentlicht. »Beziehungen« ist das neueste Buch für die erwachsene Leserschaft.

Ein Stück weit hat der Blick in die Welt des Anderen der Autorin auch selbst geholfen. »Als ich in Deutschland angekommen bin und diese ganzen Eindrücke hatte, dachte ich: Du musst dieses Buch einfach schreiben. Anders geht es nicht.« Weitere Informationen zum Buch gibt es im Internet unter www.shaker.de

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