Sa., 10.11.2018

Schüler gestalten Rundgang zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus Die Erinnerung sichtbar machen

Fabia Quiroga (rechts) und Iman Chem legen symbolisch Steine auf die Grabsteine des jüdischen Friedhofs.

Fabia Quiroga (rechts) und Iman Chem legen symbolisch Steine auf die Grabsteine des jüdischen Friedhofs. Foto: Jürgen Köster

Von Jürgen Köster

Bad Driburg (WB). »Brecht auf und gewinnt Erkenntnisse!«: Mit dieser Aufforderung hat Stadtheimatpfleger Hermann Großevollmer am Freitag neun Klassen der Gesamtschule und des Gymnasiums St. Xaver auf einen lehrreichen Rundgang durch die Stadt geschickt. Dieser stand ganz im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

An sechs Stationen erinnerten Schüler der Gesamtschule und des Gymnasiums St. Xaver an die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht vor 80 Jahren und nahmen dabei besonders die Situation der Stadt Bad Driburg in den Blick.

Unfassbares Schicksal

»Deutschlandweit brennen Synagogen, Horden von Nationalsozialisten ziehen durch die Straßen unserer Städte und Dörfer, verwüsten jüdische Geschäfte und Wohnungen, stecken Häuser in Brand, misshandeln ihre Bewohner – unmenschliche Szenen spielen sich ab«, zeichnete stellvertretende Bürgermeisterin Christa Heinemann bei der Eröffnung der Gedenkveranstaltung ein Bild der Ereignisse. »Es begann ein unfassbares wie grausames Schicksal unserer jüdischen Mitbürger – Deportation und Tod in den Vernichtungslagern.«

in Bad Driburg wurden 28 Frauen, Kinder und Männer im Alter von 13 bis 80 Jahren umgebracht. 15 Mitbürgern gelang es auszuwandern, drei haben die Deportation überlebt. Heinemann dankte den Schülern, die die Gedenkfeier gestalteten und sprach ihnen ihre Anerkennung aus: »Trotz eures jugendlichen Alters gelingt es euch, die Erinnerung sichtbar zu machen, indem ihr euch mit dem dunkelsten deutschen Geschichtskapitel auseinandersetzt.«

Monatelange Vorbereitung

Seit den Sommerferien hatten sich die Schüler im Geschichtsunterricht mit der Thematik befasst und ihr Hauptaugenmerk dann auf die Ereignisse in Bad Driburg gerichtet. Viel Energie steckten sie zudem in die Ausarbeitung des Rundgangs, der an sechs Stationen den Terror der damaligen Zeit verdeutlichte.

Drei Stationen waren an Orten, die einen Bezug zu den Bad Driburger Mitbürgern hatten, die jüdischen Glaubens waren: die ehemalige Synagoge in der Schulstraße, die in der Pogromnacht geplündert und zerstört wurde, der jüdische Friedhof am Schirmannweg, neben dem Iburgstadion, der in der Nazizeit geschändet wurde und die Stele vor dem ehemaligen Haus Schiff. An der früheren Synagoge demonstrierten Schüler an einem Modell des Gebäudes praktisch, wie schnell jemand zum unüberlegten Handeln angestiftet werden kann.

Die drei weiteren Stationen rückte Dr. Udo Stroop in seiner Abschlussrede in den Mittelpunkt. Die Schüler hatten sich mit dem Schicksal von Bad Driburgern befasst, die Opfer des Naziterrors wurden, aber keine Juden waren. Alle drei waren katholische Priester: Pater Franz Riepe, Eduard Müller und Dechant Wilhelm Becker. Nach ihnen hat die Stadt drei ihrer Straßen benannt.

Wie Dr. Stroop berichtete, wurde Pater Franz Riepe, Rektor des Missionshauses, im Februar 1941 von der Gestapo verhaftet, weil er ein Hirtenwort niederländischer Bischöfe hatte verlesen lassen, in dem der Nationalsozialismus scharf kritisiert worden sei. 1942 sei Riepe im Konzentrationslager an den Folgen seines monatelangen Martyriums gestorben.

Predigten verteilt

Der Altklementiner Eduard Müller habe als Vikar in Lübeck mit priesterlichen Mitbrüdern zusammen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen vervielfältigt und verteilt. Er sei vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 10. November 1943 hingerichtet worden. Dechant Wilhelm Becker habe Riepe angeblich zum Verlesen des Hirtenwortes aufgefordert. Er habe ein Aufenthaltsverbot für die heimische Region bekommen. Eine Anstellung im Bistum Fulda sei ihm verweigert worden. Nach Ende des Krieges sei er wieder nach Bad Driburg zurückgekehrt und habe seine alte Pfarrstelle wieder übernommen.

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