Mo., 19.08.2019

Joachim Schubert hat Chronik der Neuenheerser Schule aufgearbeitet Das Erbe der Stiftsdamen

Am 4. Mai 1950 wurde das neue Schulgebäude eingeweiht. Es gab vier große Klassenzimmer, in jedem Stockwerk zwei, dazu je ein Lehrmittelzimmer sowie zwei Lehrerwohnungen mit je vier Räumen im Obergeschoss.

Am 4. Mai 1950 wurde das neue Schulgebäude eingeweiht. Es gab vier große Klassenzimmer, in jedem Stockwerk zwei, dazu je ein Lehrmittelzimmer sowie zwei Lehrerwohnungen mit je vier Räumen im Obergeschoss. Foto: Schubert

Von Jürgen Köster

Neuenheerse (WB). Sie lagen ganz unten in einem Regal des Kellers: Zwei unscheinbare Pappkartons, verstaubt und mit Kugelschreiber blass beschriftet: Bei den Renovierungsarbeiten an der neuen Grundschule in Neuenheerse ist die Schulchronik entdeckt worden. Joachim Schubert (69) hat sie aufgearbeitet.

Nun liegt die Chronik in digitaler Form vor. Der pensionierte Mathematiklehrer des Gymnasiums St. Kaspar hat sich an die Arbeit gemacht, als er von dem Fund erfahren hat. Bei zahlreichen Nachforschungen zur Pfarrchronik im Landesarchiv Detmold hatte Schubert mehrfach die Unterstützung von Dieter Hibbeln, der seit vielen Jahren unter anderem den Spuren von Wildschütz Hermann Klostermann nachgeht. »Er kennt sich bestens aus im Landesarchiv und vermutete, das es auch eine Neuenheerser Schulchronik geben müsse«, berichtet Schubert.

Ins Landesarchiv

Diese Vermutung hat sich bei den Aufräumarbeiten bestätigt. Das Original der Schulchronik besteht aus zwei Bänden: 1900 bis 1948 und 1948 bis 1970. Diese hat Schubert bereits wieder ins Landesarchiv nach Detmold gebracht. Zuvor jedoch hat er die Schulgeschichte seines Heimatortes in digitaler Form festgehalten. »Wer sich mit der Geschichte der Schule befasst, versteht, warum es soviele Menschen gibt, die unbedingt möchten, das sie erhalten bleibt«, stellt Schubert fest.

Die erste Schule sei in Neuenheerse bereits in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) gegründet worden. Neuenheerse habe in geistiger und kultureller Hinsicht schon früh vom Damenstift profitiert, zu dessen Gemeinschaft nicht nur hochgebildete adelige Damen, sondern immer auch eine Reihe von Geistlichen gehört hätten, denen neben der Wahrnehmung recht begrenzter Amtspflichten Muße genug verblieben sei, sich der Erziehung und Schulung der Dorfjugend zu widmen.

Dass die Heerser Äbtissinnen bestrebt gewesen seien, für die geistige Entwicklung der Einwohnerschaft des Ortes Sorge zu tragen, beweise die Tatsache, dass Äbtissin Helene Korf, genannt Schmising (1621-1648), zu dem Entschluss gekommen sei, noch vor Beendigung »der traurigen und trostlosen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges« in Neuenheerse die erste Schule einzurichten. Die Gründungsurkunde datiert vom 5. Februar 1641. Zunächst habe es nur eine Schule für Knaben, später auch eine für Mädchen gegeben.

Flüchtlingsstrom

Viele Jahrzehnte hatten die beiden Schulen den Anforderungen entsprochen. Wesentlich für den Entschluss, eine neue Schule zu errichten, war »der einflutende Flüchtlingsstrom« nach dem Zweiten Weltkrieg, wie aus der Chronik hervorgeht.

Die Situation beschreibt der damalige Schulleiter Joseph Hilker: »Die Schülerzahl der bisherigen Volksschule war in den letzten Kriegsjahren und vor allem nach 1945 durch Evakuierte und Ostvertriebene derart gestiegen, dass die beiden Klassenräume völlig unzureichend waren. Zwei Klassen erhielten vormittags bis 12 Uhr Unterricht, die beiden anderen nachmittags. Als der britische Schuloffizier im Sommer 1946 die hiesige Schule besuchte, war seine erste Frage an mich: ›Sagen Sie, warum sind so viele Kinder auf der Straße und nicht in der Schule?‹ Ich antwortete ihm: ›Wir haben 200 Schulkinder und zwei Klassenräume. Am Vormittag besuchen 100 Kinder die Schule und die anderen 100 am Nachmittag.‹« Die Geldentwertung beziehungsweise der Tauschhandel hätten den Neubau einer Schule illusorisch gemacht. Bürgermeister Wilhelm Knorrenschild sei aber »trotz der Ungunst der Zeit« bald an die Planung eines Neubaus gegangen.

Gemeinde ohne Mittel

Es folgten zahlreiche Versammlungen, Verhandlungen, Gespräche und ein umfangreicher schriftlicher Austausch mit diversen Behörden. Durch die Währungsreform stand die Gemeinde ohne Mittel da, sie sei aber gewillt, »durch sparsamste Wirtschaft in den nächsten Jahren den Anteil am Schulneubau aufzubringen und bittet die Regierung um einen Zuschuss zu den Kosten«, hieß es in einer Niederschrift. Die Regierung zu Detmold sagte einen Zuschuss von etwa 60.000 Mark zu. Die zu bauende Schule sollte als Musterschule des Kreises gelten und »mit neuzeitlichem Gestühl, mit Tischen und Stühlen, ausgerüstet werden.«

Die Grundsteinlegung erfolgte am 4. Mai 1949. Am 4. August wurde Richtfest gefeiert. Am 4. Mai 1950 war das Werk beendet.

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