Do., 07.11.2019

Fachklinik in Bad Hermannsborn bietet besondere Therapieform an »Jeder Garten ein Fest für die Sinne«

Dr. Heike Schulze ist Chefärztin der Fachklinik für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie in der Park-Klinik Bad Hermannsborn.

Dr. Heike Schulze ist Chefärztin der Fachklinik für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie in der Park-Klinik Bad Hermannsborn. Foto: Jürgen Köster

Bad Driburg-Bad Hermannsborn (WB). Der traurige Trend, dass immer mehr Menschen aufgrund psychischer Beschwerden krankgeschrieben und berentet werden, hält weiter an. Davon geht auch die Chefärztin der Fachklinik für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie in der Park-Klinik Bad Hermannsborn, Dr. Heike Schulze aus. Über die Gartentherapie als ein Baustein der Medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation sprach sie mit WESTFALEN-BLATT-Redakteur Jürgen Köster.

Welche Idee steckt hinter dem Angebot der Gartentherapie?

Dr. Schulze: Die Psycho-Somatik verbindet Seele-Geist-Körper-Leib, daher verbinden auch unsere Therapieangebote in der Park- Klinik Bad Hermannsborn alle Elemente im Rahmen der Psycho- und Physio-Sport-Bewegungs-Ergo-Ernährungs- und Soziotherapien. Das Ziel ist, dass jeder Rehabilitand mit ärztlich-therapeutischer Hilfe in die Lage versetzt wird, sich geistig-mental-emotional und kreativ mit sich selbst, seiner Seele und seinem Körper und seiner Umwelt auseinanderzusetzen und daraus folgend aktiv und mit eigener Verantwortlichkeit zu einer Verbesserung seiner Gesundheit beizutragen. Die deutsche Rentenversicherung als Auftraggeber für die psychosomatische Rehabilitation ist per Gesetz verpflichtet, die Förderung der Teilhabe am Berufsleben aktiv zu unterstützen und hat seit etwa zehn Jahren das Konzept der Medizinisch-beruflich-orientierten Rehabilitation auf den Weg gebracht. Die Gartentherapie ist ein spezielles Angebot der Ergotherapie – im Sinne einer arbeitsbezogenen Therapie.

Ernte der Früchte

Wie setzen die Patienten dieses Angebot konkret um?

Dr. Schulze: Etwa zehn Patienten bereiten gemeinsam mit Spaß, Freude und Kreativität die acht Hochbeete im Frühling vor. Sie pflanzen und säen Kräuter, Gemüse und Blumen, um diese dann im Laufe des Jahres von nachfolgenden Patientengruppen pflegen und schließlich im Herbst ernten zu lassen.

 

Was lernen die Patienten dabei?

Dr. Schulze: Neben der aktiven Wissensvermittlung durch unsere erfahrenen Ergotherapeutinnen lernen die Patienten zu experimentieren, sich selbst nach ihren Bedürfnissen zu entfalten und sich als Lohn an ihrer selbstbestimmten Arbeit zu erfreuen und diese beim Ernten der Früchte mit Vermittlung von Achtsamkeit auf alle Sinne auch aktiv zu genießen. Spielerisch wird dabei die soziale Kompetenz gefördert und ein ›Wir schaffen das besser gemeinsam‹ erlebnisorientiert vermittelt.

 

Für welche Menschen ist die Gartentherapie besonders geeignet?

Dr. Schulze: In der Park-Klinik wird sie für alle Rehabilitanden der Abteilung Psychosomatik angeboten, die Spaß am Gärtnern und an der freien Natur haben. Insbesondere werden auch depressive und ängstliche Patienten aktiv angesprochen, damit diese Erfolgserlebnisse und Zugang zu verschütteten Ressourcen wieder erleben und damit ihren Selbstwert steigern und ihre Lebensfreude wieder aktiv wecken.

 

In welchem Umfang wird die Therapie angewandt?

Dr. Schulze: Zwei Mal in der Woche haben Patienten die Gartentherapie auf dem Plan, gehen gemeinsam mit der Ergotherapeutin durch den schönen Klinikpark zu den Hochbeeten und sprechen sich dann gemeinsam über die anliegenden Tätigkeiten ab, die sie dann untereinander in der Gruppe aufteilen. Entsprechende Gerätschaften finden sie in den alten Gewächshäusern im Park.

Freude am Wachstum

Könnte ich eine solche therapeutische Wirkung auch in meinem eigenen Garten erzielen?

Dr. Schulze: Selbstverständlich ist jeder Garten ein Fest für die Sinne, der Achtsamkeit, der Schulung für unsere Sinne und der Freude am Wachstum und der Vielfalt der Natur.

 

Welche Bedingungen müsste mein Garten erfüllen?

Dr. Schulze: Keine. Gerätschaften und Wasser für die Pflege der Pflanzen sind aber natürlich sinnvoll.

 

Gibt es Kontraindikationen, die gegen eine solche Therapieform sprechen?

Dr. Schulze: Nicht geeignet ist die Therapie für Patienten mit starken Rückenbeschwerden und orthopädischen Leiden, die ein 60 bis 90 Minuten langes Stehen und Gehen und zeitweises Bücken aus körperlicher Sicht nicht zulassen. Allerdings hatten wir einige Patienten, die allein durch das Zusehen und Mitgestaltung der Beete aktiv dabei waren, die vorübergehend deutlich von ihren Beschwerden abgelenkt waren und denen auch rückengerechtes Heben und Tragen praktisch gezeigt werden konnte.

 

Welche beruflichen Voraussetzungen benötigt ein Gartentherapeut?

Dr. Schulze: Im Beruf der Ergotherapie vereint sich die Kombination aus handwerklichem Können und pädagogisch-therapeutischem Know How im Umgang mit psychisch kranken Menschen.

 

Wie unterscheidet sich diese Therapieform zum Beispiel von Ansätzen wie Waldbaden oder Ähnlichem, was heute sehr aktuell ist?

Dr. Schulze: Waldbaden dient meines Wissens primär der Entspannung und Erholung im Wald. Gartentherapie ist viel aktiver – im sozialen Miteinander und erlebnisorientierter.

 

Aber die Patienten bekommen bei der Gartentherapie wenig bis gar nichts von dem mit, was sie auf den Weg gebracht haben?

Dr. Schulze: Manche Patienten können etwas aus dem Garten mit nach Hause nehmen. Viele kommen aber sogar wieder, um zu sehen, was aus den Pflanzen geworden ist, die sie gepflegt haben oder treffen sich beim Wiedersehensfest, das immer im September veranstaltet wird.

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