Rüdiger Safranski hat sein neues Buch vorgestellt
Hölderlins glückvollste Jahrein Bad Driburg

Bad Driburg (WB). Glücklicherweise konnte die Vorstellung seines Hölderlin-Buches durch Rüdiger Safranski im Gräflichen Park trotz Corona nun doch noch veranstaltet werden. Begeisternd der Kenntnisreichtum das Autors, der mit viel beachtete Werken unter anderem über die Romantik, über Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche, Schiller, Goethe und die Freundschaft von Goethe und Schiller zu einem der renommiertesten Geister unserer Zeit wurde.

Donnerstag, 13.08.2020, 23:00 Uhr
Auf den Spuren Hölderlins: Rüdiger Safranski (von links), Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff und Manfred Osten. Foto: W. Braun
Auf den Spuren Hölderlins: Rüdiger Safranski (von links), Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff und Manfred Osten. Foto: W. Braun

Die Vorsitzende der Diotima-Gesellschaft, Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, konnte neben Professor Safranski auch  Manfred Osten vorstellen. Der ehemalige Diplomat, Autor und Kulturhistoriker fungierte an dem Abend als Gesprächspartner, der mit seinen Fragen mithalf, noch tiefer etwa in das Verhältnis des Dichters zu Frauen, insbesondere aber auch in die Beziehung zur Hölderlin-Geliebten Susette Gontard, zur „Diotima“ des lyrischen „Hyperion“-Briefromans, und zum Verhältnis des Dichters zur Antike einzudringen.

Glückvolle Tage

Im ersten Teil des Abends las Safranski aus jüngst der jüngst erschienenen Biografie „Hölderlin: Komm! Ins Offene, Freund!“. Auszüge aus dem Kapitel mit Schilderungen der glückvollen Tage des Dichters mit Susette Gontard im Bad von Driburg. Er hatte die Reise mit der literaturbegeisterten Frankfurter Bankiersgattin, einer auffallenden Schönheit, in deren Haushalt er als Hauslehrer des kleinen Henry arbeitete, auf Geheiß des arglosen Ehemanns angetreten: Französische Revolutionsheere waren in die Stadt am Main eingedrungen.

Sittenstrenger Aufpasser

Begleitet wurden sie von dem in Kassel lebenden Dichter Wilhelm Heinse, einem ausgewiesenen Kenner antiker Kunst und Autor des Briefromans „Ardinghello und die glückseligen Inseln“. Heinse stellte darin die bürgerliche Sexualmoral seiner Zeit an den Pranger. Man munkelte, er sei auch Verfasser pornografischer Schriften. Auf jeden Fall sei er als sittenstrenger Aufpasser der beiden Verliebten vollkommen ungeeignet gewesen, meinte Safranski. Die Gontard und Hölderlin hätten viel Zeit unter anderem mit Plaudern und Spazierengehen alleine verbringen können. So waren sie zusammen auf dem Knochenberg, weil sie ihn für einen Schauplatz der Schlacht Hermanns des Cheruskers gegen Varus hielt. Für Hölderlin waren diese Wochen in der als paradiesisch empfundenen Umgebung Driburgs dem eigenen Eingeständnis nach die glücklichsten seines Lebens gewesen.

Nach Frankfurt zurückgekehrt währte das verheimlichte Glück nicht lange. Es kam zu einem heftigen Zerwürfnis mit dem Ehemann, der Hölderlin wie einen Dienstboten behandelte. Susette riet Hölderlin, das Haus nach einem Eklat womöglich auch mit Handgreiflichkeiten Gontards ganz schnell zu verlassen, vermutlich weil sie Angst davor hatte, ihre Liebe zu Hölderlin öffentlich zu gestehen.

Danach trafen sich beiden in großer Heimlichkeit oder tauschen konspirativ Botschaften aus. Hölderlin nahm Anfang 1802 eine Hauslehrerstelle in Bordeaux an, von wo er wenige Monate später zu Fuß und vollkommen verwahrlos und geistig verwirrt zurückkehrte. 1802 starb Susette an den Röteln. Die Zusammenbrüche und Tobsuchtsanfälle des Dichter häuften sich, so dass er 1806 als „Wahnsinniger“ in eine Klinik eingeliefert wurde. Bis 1843 verbrachte er in geistiger Umnachtung in einer Turmwohnung in Tübingen.

Hoffnung der Mutter

Als sehr problematisch beschrieben Safranski und auch Osten das Verhältnis des Dichters zu dessen Mutter. Sie wollte partout einen evangelischen Pfarrer aus ihm machen. Womöglich waren alle Beziehungen Hölderlins zu Frauen vor Susette daran gescheitert, dass der Dichter nicht die Hoffnung seiner Mutter hatte erfüllen wollen, endlich die richtige Pfarrersfrau gefunden zu haben. Seine Ausbildung im Tübinger Stift dienten diesem Zweck einer geistlichen Laufbahn. Er wohnte mit den später führenden Philosophen Hegel und Schelling auf einem Zimmer und sie entwickelten Gedanken, auf denen dann der europäische Idealismus beruht. Sie verfolgten mit viel Sympathie die Französische Revolution. Hölderlin hat auch später noch von einer schwäbischen Revolution geträumt und sein Dramenfragment „Tod des Empedokles“ für Siegesfestspiele zur Gründung einer Republik vorgesehen, die aber nie hatten stattfinden können.

Verhältnis zur Antike

Bemerkenswert war Hölderlins Verhältnis zur Antike, zu den Göttern Griechenlands, zur griechischen Religiosität. Anders als in der Klassik üblich, in der man Winckelmanns Formel „edle Einfalt und stille Größe“ als Inbegriff einer ästhetischen Auffassung von der Antike nahm, stellte Hölderlin Moment der Sinnlichkeit, des intensiven Erlebens, der extatischen Entgrenzung in den Mittelpunkt. Er habe gar Dionysos als ein Vorläufer von Christus gesehen, meinte Safranski: „Ein Mensch, der so denkt, kann ja nun kein evangelischer Pfarrer sein.“ Von der Position dieser lebensstrotzenden Antiken-Auffassung habe er zum Beispiel im Hyperion auch die deutschen Verhältnisse als einer Kulturnation unwürdig, als im Grunde nihilistisch, entfremdet, zweckrational gegeißelt. Von der „poetischen Religiosität“ der Antike, von der er beseelt war, sei sie weit entfernt,

Der Abend mit Rüdiger Safranski und Manfred Osten hat das Publikum mit einer Fülle neuer Erkenntnisse entlassen. Bleiben wird der Eindruck, mit welcher Begeisterung Safranski diese aus der Tiefe seiner Kenntnisse und Verstehensleistungen ans Licht und zur Sprache brachte.

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