Autor Wladimir Kaminer unterhält bestens im Gräflichen Park
Ein Bier mit Jesus in Corona-Zeiten

Bad Driburg (WB). Woran erkennt man, dass die eigenen Kinder erwachsen geworden sind? Wie geht man mit einer Oma um, die nicht weiß, wie sie ihr Smartphone bedienen soll? Wer ist eigentlich Hölderlin und was denken die Russen über ihn?

Mittwoch, 16.09.2020, 03:51 Uhr aktualisiert: 16.09.2020, 04:00 Uhr
Der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer gestaltet seine Lesung durch Mimik und Gestik besonders lebhaft. Am Nachmittag und am Abend hat er im Theatersaal des Gräflichen Parks aus seinen Büchern gelesen. Foto: Ellen Waldeyer
Der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer gestaltet seine Lesung durch Mimik und Gestik besonders lebhaft. Am Nachmittag und am Abend hat er im Theatersaal des Gräflichen Parks aus seinen Büchern gelesen. Foto: Ellen Waldeyer

All diese Fragen beantwortet Wladimir Kaminer in seinen Lesungen im Theatersaal des Gräflichen Parks und bringt die Zuhörer herzlich zum Lachen.

Er darf gleich zwei Mal auf die Bühne in Bad Driburg: Aufgrund der hohen Nachfrage und der geltenden Teilnehmerbegrenzungen organisiert die Diotima-Gesellschaft zwei Lesungen des Bestseller-Autors für den Nachmittag und Abend.

Zwei Lesungen

120 Tickets sind für den Abend vorbestellt worden, am Nachmittag kommen zusätzlich 90 Besucher.

„Die Corona-Zeit hat uns großen Kulturhunger gezeigt“, erklärt Wladimir Kaminer zu Beginn und freut sich über das rege Interesse an seiner Lesung. Er ist der festen Überzeugung, dass Kultur die beste Medizin gegen die psychischen Schäden, die die Pandemie verursache, sei. „Somit leisten wir heute gewissermaßen einen Beitrag im Gesundheitswesen“, witzelt der 53-Jährige.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Sein bekanntestes Werk „Russendisko“ mit einer Auflage von mehr als 1,3 Millionen Exemplaren bereitete ihm auch einen Bekanntheitsgrad außerhalb Deutschlands und wurde mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle verfilmt. Der gebürtige Moskauer kam 1990 nach Ost-Berlin, worüber er ebenfalls einige Geschichten verfasst hat, die schmunzeln lassen.

Im März erschien sein neues Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ aus dem er an diesem Tag lesen möchte. Die Familiengeschichten, die er dort niedergeschrieben hat, haben sich alle vor der Corona-Zeit abgespielt, weswegen es viel um Reisen und Kulturveranstaltungen geht.

„Frag deine Eltern“

Kaminer möchte in dem Buch auf die Diskrepanz zwischen Menschen hinweisen, die zwar alles können, aber nichts wollen (die eigenen Kinder) und denen, die alles wollen, aber nichts mehr können (die eigenen Eltern).

In den Geschichten spricht er vom Erwachsenwerden der Kinder, und er erzählt viele humorvolle Anekdoten von seinem Sohn und seiner Tochter.

Außerdem liest er das Kapitel „Frag deine Eltern“, in dem es um die technisch weniger begabte Großmutter geht, die nun mit ihrem eigenen Smartphone, das zuerst den Enkeln gehörte, versucht, Spiele zu spielen, allerdings den Kindersicherungscode nicht knacken kann.

Darüber hinaus versucht sich Kaminer in seinem letzten Kapitel mit einem wissenschaftlichen Aufsatz: Er findet vier Merkmale, an denen man erkennt, dass die Kinder bereits erwachsen geworden sind. Dabei nennt er das Essen schwarzer Oliven mit Kernen und einige weitere erheiternde Eigenheiten.

Wladimir Kaminer beschränkt seine Lesung aber nicht bloß auf sein neues Buch. Er liest auch aus einem seiner alten Werke vor, um die Frage zu beantworten, was Russen denn eigentlich von Hölderlin denken – oder besser gesagt, ob sie überhaupt über diesen nachdenken oder um von seiner Anfangszeit in Deutschland zu berichten.

Schließlich krönt er die letzten Minuten der Lesung mit Geschichten aus einem noch unveröffentlichten Werk. Seit dem Corona-Ausbruch im März arbeitet der Schriftsteller an einem neuen Buch mit Geschichten aus dieser Zeit. Er ist beispielsweise überall dorthin gereist, wo eigentlich Großveranstaltungen gewesen wären und berichtet stattdessen über das „Nichts“.

So bringen seine Erlebnisse aus Oberammergau, wo die berühmten Passionsspiele (Kreuzweg Jesu zu Ostern) abgesagt werden mussten und wo ein gesamtes Dorf dieser Veranstaltung hinterhertrauert, die Zuhörer besonders zum Lachen. Nur durch Kaminers bemerkenswerte, humorvolle Erzählweise wirkt es durchaus nachvollziehbar, dass er mit Jesus zusammen in der Kneipe sitzt, Weißwürste isst und Bier trinkt.

Mimik und Gestik

Der Bestseller-Autor gestaltet seine Lesung durch Mimik und Gestik besonders lebhaft. Sympathisch wirkt auch sein russischer Akzent, den er gekonnt und spielerisch einsetzt.

„Wenn Wladimir Kaminer liest, geht man voller Energie aus solch einer Lesung“, sagt Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff und hofft, eine Russendisko im Anschluss an eine seiner Lesungen knüpfen zu können, sobald öffentliche Tanzveranstaltungen wieder erlaubt sind.

Vor dem Theatersaal haben die Besucher abschließend die Möglichkeit, das Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ von der Buchhandlung Saabel zu erwerben und es sich von Wladimir Kaminer signieren zu lassen.

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