Diotima-Gesellschaft Bad Driburg begeht Hölderlin-Jahr mit einer bemerkenswerten Ausstellung
Hommage an eine verbotene Liebe

Bad Driburg (WB). Eine ausgesprochen reizvolle Ausstellung der aktuellen Marta-Preisträgerin Brigitte Waldach vergegenwärtigt entlang der 40-Meter-Glasfassade der Südveranda des Gräflichen Parks die verbotene Liebe zwischen Friedrich Hölderlin und der schönen Bankiersgattin Susette Gontard. Im Internet zitiert ein äußerst illustrer Kreis aus mehr als 30 Künstlern verschiedene, jeweils ganz persönliche Lieblingstexte aus dem Werk des schwäbischen Dichters. Verschobene Lesungen haben inzwischen stattfinden können: Die Diotima-Gesellschaft Bad Driburg lässt das Hölderlin-Jahr trotz der Corona-Einschränkungen nicht sang- und klanglos verstreichen, sondern setzt – im Rahmen der Möglichkeiten – viel beachtete Akzente.

Freitag, 25.09.2020, 23:00 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 23:20 Uhr
Die Glasfassade der Südveranda verbindet das historische Gebäudeensemble des Kurbades, in dem Friedrich Hölderlin und Susette Gontard ihre Liebe unbeschwert genießen konnten. Aus ihrem Briefwechsel schuf Brigitte Waldach ihre Textinstallation mit dem Titel „…aus heiligem Chaos gezeugt“. Foto: Gerhard Kassner
Die Glasfassade der Südveranda verbindet das historische Gebäudeensemble des Kurbades, in dem Friedrich Hölderlin und Susette Gontard ihre Liebe unbeschwert genießen konnten. Aus ihrem Briefwechsel schuf Brigitte Waldach ihre Textinstallation mit dem Titel „…aus heiligem Chaos gezeugt“. Foto: Gerhard Kassner

Videobotschaften

Als sich der Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) am 20. März zum 250. Mal jährte, lag die Welt im Lockdown. Leere Städte allenthalben, und auch im Gräflichen Park in Bad Driburg – jenem Ort, an dem der Dichter mit Susette im Sommer 1796 die sechs glücklichsten Wochen seines Lebens verbrachte, – herrschte die unwirkliche Stille der Corona-Zeit. Dabei wollte die Diotima-Gesellschaft das Hölderlin-Jahr gebührend feiern. Daraus schien nichts zu werden. Ein Virus legte das öffentliche Leben auf Eis. Die Menschen blieben zuhause. Um ihnen Hölderlins Werk trotzdem schmackhaft zu machen, setzte die Vorsitzende der Diotima-Gesellschaft, Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, eine zündende Idee in die Tat um. Sie bat Künstler, die sie kennt, zum 250. Geburtstag des großen Dichters ihre Lieblings-Textpassage aus seinem Werk zu zitieren.

Ausstellung zum Hölderlin-Jahr in Bad Driburg

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  • Foto: Sabine Robrecht
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  • Lesung auf den Spuren Hölderlins im August 2020: Rüdiger Safranski, Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff und Manfred Osten.

    Foto: Wolfgang Braum
  • Mit Susette Gontard, der Diotima seiner Dichtung, verlebte Hölderlin in Bad Driburg die glücklichste Zeit seines Lebens. „Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! - Und einen Herbst zu reifem Gesange mir“, heißt es in seiner Ode „An die Parzen“. Die Diotima-Büste im Gräflichen Park zeigt Susettes anmutige Schönheit.

    Foto: Sabine Robrecht
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  • Dieser Stahlschnitt im Gräflichen Park erinnert an Hölderlin. Der Dichter wohnte im Sommer 1796 im Sierstorpff-Haus, dem ältesten Gebäude des Ensembles, und schaute, so Gräfin Oeynhausen, aus dem Fenster auf die Baustelle des später nach ihm benannten Hölderlin-Hauses.

    Foto: Sabine Robrecht
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Schriftlich mit Foto oder auch per Videobotschaft reichten die Kulturschaffenden ihren Beitrag ein. Gräfin Oeynhausen postete die vielen Glückwünsche bei Facebook und Instagram – und schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Künstler waren froh, in Zeiten fehlender Auftrittsmöglichkeiten sichtbar zu sein, und die Menschen empfanden den virtuellen geistigen Input als beflügelnd.

Viele kleine Preziosen

„Das tolle Feedback war wohltuend. Es hat mich durch den Lockdown geführt und mich angespornt“, erinnert sich Gräfin Oeynhausen. Die mehr als 30 Beiträge der inspirierenden Glückwunsch-Serie sind auf der Homepage der Diotima-Gesellschaft in einer reizvollen Gesamtschau zu erleben. Promi-Schauspieler wie Ralf Bauer, Hanns Zischler oder August Wittgenstein, Schriftsteller wie Rüdiger Safranski, Albert Ostermaier, Feridun Zaimoglu, Ildikó von Kürthy oder Karen Duve, bildende Künstler, Musiker und Foto- und Videokünstler zitieren Friedrich Hölderlin. Und nicht nur die Textauswahl (vom Briefroman Hyperion bis hin zu einem der späten Scardanelli-Gedichte), sondern auch die Darstellungsformen unterscheiden sich – wiederum zur Freude der Initiatorin. Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff ist glücklich über die „vielen kleinen Preziosen“, von denen einige in ihrer Originalität bestechen. Der Videokünstler Marcel Odenbach hat sich das Gedicht „Die Stille“ ausgesucht und pustet, anstatt es vorzutragen, die Seiten des Buchs um. Humor blitzt bei Murray Gaylard auf: Der Künstler „schenkt“ dem Jubilar zum 250. Geburtstag ein Paar selbst entworfene Sneaker – für den Fußmarsch von Bordeaux in die württembergische Heimat, den der Dichter 1802 auf sich nahm.

Schönste Zeit seines Lebens

„Alles ist sehr schön erzählt“, resümiert die Ideengeberin. Erzählt in die gespenstische Stille des Lockdowns, für den diese großartige virtuelle Hölderlin-Hommage ein Zeitzeugnis ist.

Inzwischen ist, wenn auch mit Einschränkungen, das öffentliche Leben zurückgekehrt – auch an jenen Ort, an dem Hölderlin 1796 so glücklich war und der ihn seinerzeit aber auch deshalb interessierte, weil man damals den Schauplatz der Varus-Schlacht ganz in der Nähe vermutete. Seine Aufmerksamkeit galt jedoch in erster Linie Susette, für deren Ältesten, Henry, er bei der wohlhabenden Familie in Frankfurt als Hauslehrer angestellt war. Sie war verheiratet, also eigentlich unerreichbar. Einzig in Bad Driburg konnten die Liebenden ihr Beisammensein unbeschwert genießen. Ein Stahlschnitt und ein Gedenkstein erinnern im Hölderlin-Hain im wunderschönen Kurpark an den Dichter. Von einer eigens angelegten Insel aus schaut Susette, die Diotima seiner Dichtung, in Gestalt einer anmutigen Büste aus großer Entfernung zu ihm herüber.

Mit Susette Gontard, der Diotima seiner Dichtung, verlebte Hölderlin in Bad Driburg die glücklichste Zeit seines Lebens. „Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! - Und einen Herbst zu reifem Gesange mir“, heißt es in seiner Ode „An die Parzen“. Die Diotima-Büste im Gräflichen Park zeigt Susettes anmutige Schönheit.

Mit Susette Gontard, der Diotima seiner Dichtung, verlebte Hölderlin in Bad Driburg die glücklichste Zeit seines Lebens. „Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! - Und einen Herbst zu reifem Gesange mir“, heißt es in seiner Ode „An die Parzen“. Die Diotima-Büste im Gräflichen Park zeigt Susettes anmutige Schönheit. Foto: Sabine Robrecht

Nicht nur der Rauswurf Hölderlins durch Susettes Ehemann 1798, sondern auch ihr früher Tod 1802 mit nur 33 Jahren setzte der Liebe ein jähes Ende. Hölderlin verbrachte seine zweite Lebenshälfte der Welt entrückt in einem Tübinger Turm. Und hinterließ der Nachwelt neben seiner großen Dichtkunst auch einen Briefwechsel mit Susette, aus dem die renommierte Berliner Künstlerin Brigitte Waldach, Marta-Preisträgerin und ehemalige Meisterschülerin von Georg Baselitz, für Bad Driburg eine bemerkenswerte Ausstellung zum Hölderlin-Jahr schuf. „…aus heiligem Chaos gezeugt“: Unter diesem Titel verdichten sich Auszüge aus Briefen der Liebenden in der Handschrift Brigitte Waldachs zu Textwolken. „Die Glasfassade der Südveranda ist wie geschaffen für diesen Wortwechsel“, schwärmte die Künstlerin, als sie am Vorabend ihrer Marta-Preisverleihung im Gräflichen Park zu Gast war. Von innen und außen aufgebracht, entfalten die Textwolken eine geradezu magische Raumwirkung – vor allem auch dann, wenn die Sonne in die Südveranda scheint und die Texte durch Schattenwirkung an den Wänden entlang in den Innerraum fließen. Oder wenn sie von drinnen betrachtet mit dem Grün der Bäume des Platanenhofs oder mit den umschließenden Gebäudefassaden zu verschmelzen scheinen. Schlüsselbegriffe in Rot – Hyperion oder Diotima beispielsweise – stechen provokativ aus der schwarzen Schrift der Wolken heraus. Und auch die Fernwirkung fesselt.

Bestechend im Detail

Die Briefe Susettes und Hölderlins sind nicht Wort für Wort zu lesen. Durch bewusste Überlagerung „bleibt nicht alles sichtbar“, sagt Brigitte Waldach. Und wird unterschiedlich wahrgenommen. „Was die Menschen lesen, hat mit ihrer inneren Verfassung zu tun.“ Die aufwändige Installation besticht in ihren Details, denen nachzuspüren sich lohnt.

Brigitte Waldach lässt den Briefwechsel über Lautsprecher auch hörbar werden. Christoph Schmidt liest Hölderlin und Leena Fahje Susette. Sie hat eine junge und trotzdem lebenserfahrene Stimme. Das war Brigitte Waldach wichtig. Die Künstlerin hat die Briefe vor dem Einlesen gekürzt und entkontextualisiert – also alle sprachlichen Stilelemente ihrer Entstehungszeit herausgenommen. Die Schauspieler lesen sie ohne jegliches Pathos. „Das macht sie umso wirkungsvoller“, sagt Brigitte Waldach. Und zeigt, so die Künstlerin, dass Susette eine gebildete Frau war und ihre Briefe daher im intellektuellen Niveau nicht hinter denen des Literaten Hölderlin zurückstehen.

In der Orangerie des Grand Resorts richtet die Marta-Preisträgerin mit vier großformatigen Zeichnungen den Blick zusätzlich zu Susette auf Geistesgrößen, die des Dichters Weggefährten waren: Friedrich Schiller, auf dessen Urteil Hölderlin Wert legte, und Friedrich Hegel. Zitate aus Briefen umspülen die Figuren.

Die Ausstellung ist bis zum 17. Januar 2021 täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen.

Gedenkkonzert im November

Musikalisch feiert die Diotima-Gesellschaft das Hölderlin-Jahr am Sonntag, 8. November, zusammen mit der Bad Driburger Musikgesellschaft. Studierende der Hochschule für Musik in Detmold gestalten ein Gedenkkonzert. Zu den Highlights zählt – neben Liedern von bekannten Komponisten wie Hanns Eisler und Wolfgang Fortner – auch die Uraufführung eines Zyklus von fünf Hölderlin-Vertonungen des Komponisten Stefan Heucke. Vor dem Gedenkkonzert wird Hölderlin-Experte Dr. Rüdiger Krüger um 17 Uhr eine Einführung in die Vertonungen von Werken des Dichters geben.

Der mit Germanistik-Studenten der Universität Paderborn geplante Poetry-Slam kann, so die Vorsitzende der Diotima-Gesellschaft, Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, in diesem Jahr nicht stattfinden. Die geplante Veranstaltung im Rahmen des Festivals „Wege durch das Land“ ist auf den 4. Juli 2021 verschoben worden.

Gräfin Oeynhausen hofft, dass 2021 auch wieder der von ihr ins Leben gerufene „Ladies’ Lunch“ mit Modenschau im Gräflichen Park möglich sein wird. Die Besucherinnen unterstützen immer sehr großzügig die Diotima-Gesellschaft und ihr Kulturprogramm. Dafür ist die Gastgeberin ihnen sehr dankbar. „Denn so kommt dieses Event der Öffentlichkeit zugute.“

 

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