Sa., 16.03.2019

Jubiläum beschert Kragstuhlmuseum in Lauenförde großes Besucherinteresse Hommage an das Bauhaus

»Nehmen Sie Platz«: Museumsleiterin Daniela Drescher, hier im Gropius-Sessel, freut sich auf viele Besucher.

»Nehmen Sie Platz«: Museumsleiterin Daniela Drescher, hier im Gropius-Sessel, freut sich auf viele Besucher. Foto: Sabine Robrecht

Von Sabine Robrecht

Lauenförde (WB). 100 Jahre Bauhaus: Zu diesem Jubiläum wartet das Kragstuhlmuseum in Lauenförde mit neuen Medienstationen auf. Auch können die Besucher in Kürze mit Ipad-Guides auf Entdeckungstour durch die drei Hallen gehen. Vom Bauhaus und seinen großen Gestaltern wie Walter Gropius, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe erzählen Zeugnisse ihres Schaffens.

»Die Schwerkraft der Erde in Wirkung und Erscheinung schwebend überwinden«: Diese von Bauhaus-Gründer Walter Gropius formulierte Vision der architektonischen Moderne entfaltet sich in dem Museum, dessen Glaswände die umgebende Landschaft in sein Innerstes hineinlassen, auf Schritt und Tritt.

Der Star der Ausstellung lädt gleich in Eingangsnähe zum Philosophieren und auch zum Platznehmen ein: Der Walter-Gropius-Sessel F51. Neu an diesem Sitzmöbel war die hinterbeinlose Konstruktion. Gropius entwarf den Sessel für sein Direktorenzimmer in Weimar, wo er mit Gleichgesinnten 1919 das Bauhaus aus der Taufe hob. In den nur 14 Jahren ihres Bestehens prägte diese berühmteste moderne Schule für Kunst-Design und Architektur in Weimar und später in Dessau und Berlin eine Moderne, deren Zeitlosigkeit geradezu betört und deren progressiver Dynamik die von den Nazis erzwungene Auflösung keinen Abbruch tat. Die Einflüsse des Bauhauses, die schmucklose Formensprache und die Klarheit des Objekts eroberten die Welt und inspirieren nachhaltig Architektur und Design.

Kragstuhlmuseum

Warum das hinterbeinlose Sitzmöbelstück, das Geschichte schrieb, den Namen Kragstuhl trägt, veranschaulicht einer der Ideengeber, Heinz Rasch. Er assoziiert den bahnbrechenden gestalterischen Grundgedanken mit den architektonischen Konstruktionen von Fachwerkhäusern, die im Obergeschoss überkragen, um einen Erker zu tragen. »So entstand der Name für ein Möbel, das mit zwei statt vier Beinen auskommt und völlig schwerelos wirkt«, erfährt der Besucher im Kragstuhlmuseum.

Präsentiert wird auf 3000 Quadratmetern Fläche die größte Designsammlung zum Thema Kragstuhl. Geöffnet ist das Museum, Sohnreystraße 8 in Lauenförde, bis November donnerstags und freitags jeweils von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr. Kontakt: Daniela Drescher, Telefon 0151/65 47 74 92, E-Mail drescher@kragstuhlmuseum.de

Mit der Möbelmanufaktur Tecta in Lauenförde, deren langjähriger Geschäftsführer Axel Bruchhäuser das Kragstuhlmuseum begründet hat, haben Größen wie Walter Gropius, Jean Prouvé und Marcel Breuer zusammengearbeitet. Die 40 Mitarbeiter starke Fabrik fertigt mehr als 30 lizensierte Re-Editionen von Bauhaus-Möbeln. »Kein anderer Hersteller hält so viele Lizenzen«, betont Daniela Drescher, Leiterin des Kragstuhlmuseums. Und so wie das Bauhaus einst nach dem Vorbild der mittelalterlichen Bauhütten Kunst und Handwerke vereinte, arbeiten in den Tecta-Werkshallen gleich neben dem Museum Tischlerei, Polsterei und Schlosserei unter einem Dach an den hochwertigen Möbelstücken. Getreu dem Grundgedanken von Axel Bruchhäuser, »Keiner schafft etwas allein«, bringen Fachleute vom Gestalter bis zum Schlosser ihr Know How ein.

»Wir haben sogar eine Flechterei«, erzählt Daniela Drescher von einer Besonderheit. Flechtmeister Hansgert Butterweck stattet in Handarbeit den Weißenhofstuhl von Mies van der Rohe mit dem Originalgeflecht von Lilly Reich aus. An einer der Medienstationen können die Museumsbesucher ihm dabei zusehen. Bewegte Bilder nehmen die Gäste auch mit in die weiteren Werkstätten des heute von Christian Drescher, Neffe des langjährigen Chefs und Museumsgründers Axel Bruchhäuser, geführten Familienbetriebs.

»BauhausNowhaus«

In der letzten der drei durch einen Schienenstrang verbundenen Museumshallen präsentiert die renommierte Möbelfabrik ihre aktuelle Kollektion. Das Unternehmen arbeitet mit progressiven Gestaltern zusammen, von denen einer, Wolfgang Hartauer, in Holzminden lebt. »Kennengelernt haben wir ihn in Berlin«, erzählt Daniela Drescher. So klein ist die Welt. Zum Team der aufstrebenden Jung-Designer, die anlässlich des Jubiläums für Tecta unter dem Leitwort »BauhausNowhaus« jeweils einen Klassiker neu interpretieren, gehören starke Frauen.

Eine von ihnen, Katrin Greiling aus Berlin, hat die Ikone, den Direktorensessel von Walter Gropius, überarbeitet. Die Besucher der IMM Cologne konnten sich ein Bild machen (Bericht vom 17. Januar). Kerstin Bruchhäuser und Esther Wilson überarbeiteten Marcel Breuers Clubsessel D4. Im Kragstuhlmuseum hat die »BauhausNowhaus«-Kampagne einen Platz – und steht in spannender Korrespondenz zu aktuellen Möbeln wie dem raffiniert bereiften Tecta-Servierwagen im Bauhaus-Stil oder der Vitrine von Hanne Willmann.

Vom Hocker zum Freischwinger

Bevor die Besucher diese in Augenschein nehmen, tauchen sie zunächst ein in die Entwicklungsgeschichte des »hinterbeinlosen Stuhls« vom Hocker (Marcel Breuer) über die starre Gasrohr-Konstruktion des Prototypen mit Muffen (Mart Stam) bis hin zum federnden Freischwinger mit einem Gerüst aus gebogenem Stahl (Mies van der Rohe). Die Muffen in Mart Stams Stuhl hatten Mies van der Rohe gestört. Er vervollkommnete den Entwurf mit einem Bogen. Die Stahlrohrmöbel standen den Postermöbeln in ihrer Bequemlichkeit in nichts nach. Stoffbespannt oder wie bei Mies van der Rohe mit Flechtwerk überzogen traten sie ihren Siegeszug an. Der Museumsbesucher vollzieht diesen Entwicklungsprozess nach.

Sitzgelegenheit auf drei Beinen

In der zweiten Museumshalle machen die Gäste dann Bekanntschaft mit namhaften Tecta-Kooperationspartnern wie Stefan Wewerka und Alison und Peter Smithson. Wewerkas Stuhl B1 mit seinen nur drei Beinen gehört zu den Hinguckern. Entstanden ist er nicht blitzartig, sondern in einem Erkenntnisprozess. Da wurden zwei Stühle zersägt und neu zusammengesetzt. Wewerka hat durch dieses Experimentieren eine extravagante und gleichsam praktische Sitzgelegenheit geschaffen.

Viele Voranfragen

Von ihr und noch viel mehr erzählt das von Peter Smithson entworfene Museum. Die Ipad-Guides machen es möglich, auch Dokumente und Originalskizzen aus Axel Bruchhäusers reichem Archiv zu zeigen. Das Bauhaus-Jubiläum beschert der Museumsleiterin schon jetzt so viele Voranfragen, dass weit mehr als die üblichen 1000 Besucher im Jahr erwartet werden. Daniela Drescher: »Wir freuen uns sehr, wenn die Menschen sich für das Bauhaus und seine Zeitlosigkeit begeistern.«

 

Kommentar: Diese Woche

Es ist ein Faszinosum: Wer das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld oder die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart auf sich wirken lässt, kann sich des Empfindens nicht erwehren, dass er es mit zeitgenössischer Architektur zu tun hat. Dabei stammt der Industriebau – Erstlingswerk des Bauhaus-Gründers Walter Gropius – von 1911. Und auch die Wohnsiedlung in Stuttgart, von der elf Häuser erhalten sind, geht bald auf die 100 zu. Sie entstand 1927 unter der Federführung von Ludwig Mies van der Rohe.

Die Bauten und auch die Möbel des Bauhauses wirken 100 Jahre nach Gründung dieser avantgardistischen Kunstschule noch zeitgemäß und modern. Und sie werden auch in weiteren 100 Jahren noch diesen Eindruck vermitteln.

Diese Prognose ewigwährender Zeitlosigkeit ist von einer Begeisterung getragen, mit der sich Architektur- und Designfreunde nicht nur an den Hotspots des Bauhauses, sondern auch vor Ort in der Region anstecken lassen können. Im Kragstuhlmuseum in Lauenförde entfaltet sich das Schaffen großer Gestalter dieser Bewegung.

Das Bauhaus lebt also auch in der (vermeintlichen) Provinz. Das hochattraktive Museum gibt der Moderne, ihrer inspirativen Strahlkraft und ihren bahnbrechenden Innovationen eine anregende Plattform. Dieses Juwel in der Museumslandschaft des Weserraums kann es zweifellos mit Großstädten aufnehmen. Axel Bruchhäuser, profunder Kenner und Bewunderer des Bauhauses und langjähriger Chef der Möbelmanufaktur Tecta, hat das dem Kragstuhl gewidmete Museum zunächst in der Burg Beverungen aufgebaut. Später holte er die bedeutende Sammlung nach Lauenförde und eröffnete das Museum 2003 in einem Neubau auf dem zu einem Landschaftspark umgestalteten Firmengelände des Familienunternehmens Tecta neu.

Das nach Entwürfen des britischen Architekten Peter Smithson gestaltete Museum mit seinen drei Hallen besitzt ein Alleinstellungsmerkmal, das der Region einen weiteren Pluspunkt verleiht: Es verzichtet auf Wände und ist rundum verglast. Jedes der mehr als 1000 Exponate tritt also in Beziehung mit dem Äußeren. Dem Museum wird jetzt – durch das wachsende Interesse angesichts des Bauhaus-Jubiläums – eine noch größere öffentliche Aufmerksamkeit zuteil.

Diese hat es auch verdient – genauso wie die Ideen des Bauhaus es verdient haben, etwa in stadtgestalterische Planungen einzufließen. Den Jubiläums-Hype wird der Geist des Bauhauses überdauern. Dazu tragen Tecta und seine Produktpalette ebenso wie das zeitlos attraktive Kragstuhlmuseum bei. Sabine Robrecht

 

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