Di., 20.08.2019

So funktioniert das »Einstapeln« von Salzabwässern in eine Grube unter Tage Das ist die Alternative zur Pipeline

Ein K+S-Mitarbeiter steht vor dem Schachtbecken mit der Tauchpumpe in rund 700 Meter Tiefe. Der Kasseler Kali- und Salzproduzent K+S ist durch einen neuen Speicher unter Tage besser gegen Produktionsausfälle durch Trockenheit gerüstet.

Ein K+S-Mitarbeiter steht vor dem Schachtbecken mit der Tauchpumpe in rund 700 Meter Tiefe. Der Kasseler Kali- und Salzproduzent K+S ist durch einen neuen Speicher unter Tage besser gegen Produktionsausfälle durch Trockenheit gerüstet. Foto: dpa

Beverungen (dpa). »Einstapeln« heißt das neue Zauberwort bei der Entsorgung von salzigen Produktionsabwässern aus dem Kalibergbau. Dieser neuen Technologie ist es zu verdanken, dass der Kaliproduzent K+S eine umstrittene Pipeline bis zur Oberweser bei Würgassen zur Entsorgung der Abwässer nicht bauen muss. Doch wie funktioniert das »Einstapeln« eigentlich? Ein Blick hinter die Kulissen.

Für Bergleute sind Rettungsringe ungewöhnlich. Doch in der osthessischen Grube Wintershall des Kasseler Salz- und Kalikonzerns K+S gehören sie bald zur Sicherheitsausstattung. Das Unternehmen hat in 700 Metern Tiefe einen riesigen Speicher für Salzabwässer angelegt. 400 000 Kubikmeter Flüssigkeit passen in einen nicht mehr genutzten Teil der Grube. Nun hat das Land Hessen grünes Licht gegeben für die so genannte temporäre Einstapelung – einen Entsorgungsweg, mit dem K+S langfristig die Zukunft des hessisch-thüringischen Kalireviers sichern will.

Zwölf Kilometer Rohre

Bei der Einstapelung wird eigentlich nichts gestapelt. Stattdessen wird eine hoch konzentrierte Salzlösung unter Tage gepumpt. Zwölf Kilometer Rohre hat K+S im Untergrund verlegt. Mehrere Becken sollen den ungeheuren Druck aus den Leitungen nehmen, der durch die Tiefe erzeugt wird. Am Grund eines solchen Beckens steht Johannes Zapp. Er ist Leiter der Grubenbetriebe. Hinter ihm ragt eine Pumpe empor, die auf einer schwimmenden Plattform montiert ist. Sie wird zum Einsatz kommen, wenn die Abwässer wieder an die Oberfläche gebracht werden müssen. Denn die nun erteilte Genehmigung bezieht sich nur auf eine befristete Einlagerung unter Tage.

Sicherheit ist wichtig

Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch – Messstellen erfassen Flüssigkeitsverluste der Leitung und ein Absinken der Decke. »Auf die Zwischeneinstapelung schauen viele Augen, nicht nur deshalb haben wir viel investiert, damit da nichts schief läuft«, sagt Zapp. 13,6 Millionen Euro hat der Speicher gekostet.

Er sichert bei K+S die Produktion, die im Wesentlichen von der Entsorgung abhängt. Denn Hauptentsorgungsweg ist die Einleitung von Salzabwässern in die Werra. Führt der Fluss zu wenig Wasser, stehen schlimmstenfalls Standorte still. Durch den neuen Zwischenspeicher und oberirdische Becken steigt das Speichervolumen im Werra-Revier auf eine Million Kubikmeter. »Dass wir bei anhaltender Trockenheit einen längeren Stillstand haben werden, der uns im letzten Jahr 110 Millionen Euro gekostet hat, können wir mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen«, sagt K+S-Vorstand Burkhard Lohr.

13,6 Millionen Euro Kosten

Die Einstapelung sei ein »Meilenstein für K+S«. Denn es geht um viel mehr. Die Einstapelung soll als Dauerlösung die Versenkung ersetzen. Bei dieser umstrittenen Methode werden Salzabwässer in höhere Bodenschichten entsorgt, was dem Konzern seit Jahren Ärger mit Kommunen und Umweltschützern einbringt. Ab Ende 2021 will K+S darauf verzichten.

»Die Zukunft des Standortes Werra hängt im Wesentlichen an dem Erfolg der Einstapelung«, erklärt Lohr. Das jetzt genehmigte Verfahren sei ein Praxistest für eine dauerhafte Einstapelung, die dann im thüringischen Teil des Kalireviers erfolgen soll. 5300 direkte Arbeitsplätze hängen an der Werra an K+S. Die Zitterpartie um die Jobs könnte mit der dauerhaften Einstapelung enden.

Kein Grundwasserproblem

Laut Lohr ist die Einstapelung ökologisch und ökonomisch die beste Lösung. Probleme durch eine Versalzung des Grundwasser seien ausgeschlossen – die Gruben liegen zu tief. »Eine Grundwasserthematik haben wir da nicht, es geht ausschließlich um die Frage: Werden die Sicherheitspfeiler angegriffen und könnte es oberirdisch Setzungen geben?« Theoretisch können Flüssigkeiten Salz aus den tragenden Pfeiler lösen, die Decken absenken, was sich bis zur Oberfläche fortsetzt. Verwende man aber eine hochgesättigte Salzlösung, sei das ausgeschlossen. Auch das Regierungspräsidium Kassel sieht keine Risiken. Technisch sei der Schritt zur dauerhaften Einstapelung kein Problem, sagt Lohr. Allerdings müsse K+S langfristig eine zweite Eindampfanlage bauen, die die Salzabwässer dafür aufkonzentriert. Erst dann können größere Mengen eingestapelt werden.

Bis es soweit ist, würden noch Jahren vergehen – K+S brauche so lange die Werra als wichtigsten Entsorgungsweg. Eine für 2021 vereinbarte Absenkung der Salz-Grenzwerte ist laut Lohr nicht haltbar. Für eine Übergangsphase müsse man mit den Weseranrainerländern – der Flussgebietsgemeinschaft Weser (FGG) – »über die Gestaltung der Zielwerte sprechen«, sagt Lohr: »Diese Zielwerte, die Süßwasserqualität bedeuten, wollen wir ab 2028 dann einhalten.«

Ausstieg aus Pipeline

Selbst der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht den Weg zur Einstapelung positiv: »Der BUND ist froh, wenn die Entscheidung den Ausstieg aus der unseligen Oberweser-Pipeline bedeutet«, sagt Naturschutzreferent Thomas Norgall. Jede Genehmigung zur Einstapelung salzhaltiger Abwässer in alte Kaligruben müsse aber auch ein Risikomanagement umfassen, um die Absenkung des Untergrunds auszuschließen, sagte der Verbandsvertreter weiter.

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