Ehrenamtliche des Weißen Rings stehen Kriminalitätsopfern mit Rat und Tat zur Seite
Lotse auf dem Weg zurück ins „normale“ Leben

Höxter (WB). Zuhören, Tipps geben, schnelle Hilfen vermitteln, Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht anbieten: Die Ehrenamtlichen des Weißen Rings stehen Opfern von Straftaten als Lotsen zur Seite. Auch im Kreis Höxter leisten Bürgerinnen und Bürger diesen segensreichen Dienst.

Mittwoch, 18.12.2019, 11:13 Uhr aktualisiert: 18.12.2019, 12:04 Uhr
Der Weiße Ring gibt Opfern eine Lobby: Sabine Gröppel (links) und Andrea von Wolff-Metternich stehen ihnen gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen zur Seite. Foto: Sabine Robrecht
Der Weiße Ring gibt Opfern eine Lobby: Sabine Gröppel (links) und Andrea von Wolff-Metternich stehen ihnen gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen zur Seite. Foto: Sabine Robrecht
Online-Angebote

Sabine Gröppel leitet die Außenstelle des Weißen Rings im Kreis Höxter. Sie ist erste Ansprechpartnerin und unter Telefon 0151/55164762 oder E-Mail groeppel.weisser-ring@gmx.de zu erreichen. Sabine Gröppel macht auf verschiedene Online-Angebote aufmerksam: Unter www.hilfetelefon.de wird Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Beratung in 17 Sprachen sowie Gebärdensprache angeboten. Das Opfertelefon des Weißen Rings hat die Rufnummer: 116 006. www.trau-dich.de ist ein Kinderportal zur Prävention des sexuellen Missbrauchs. Das Hilfeportal des Bundes zu sexuellem Missbrauch hat die Internetadresse www.hilfeportal-missbrauch.de. Unter www.juuuport.de finden Jugendliche Rat und Hilfe bei Cyber-Mobbing und Stress in sozialen Medien.

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Nach einer Straftat schaut die Öffentlichkeit meist nur auf das Geschehen und die Persönlichkeit der Täter. „Sie werden besser abgeholt als die Betroffenen“, sagt Andrea von Wolff-Metternich aus Godelheim. Gegen diese Schieflage tritt die 48-Jährige aktiv ein. Seit drei Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich beim Weißen Ring und betreut Opfer von Straftaten. Die Betroffenen empfinden die Hilfe als wohltuend. „Diese Dankbarkeit zu erfahren, ist der schönste Lohn“, bilanziert Andrea von Wolff-Metternich. „Wenn man helfen kann und der andere bestärkt ist, dann ist das mit Geld nicht zu bezahlen.“ Außenstellenleiterin Sabine Gröppel aus Peckelsheim unterstreicht diese Einschätzung. „Es ist schön, im Schulterschluss mit anderen etwas bewirken zu können.“

Sabine Gröppel leitet Außenstelle

Bei der 67-Jährigen laufen die Fäden zusammen. Seit 2015 leitet sie – ebenfalls ehrenamtlich – die Außenstelle Kreis Höxter mit ihren zehn Helfern. Sieben sind derzeit aktiv. Im vergangenen Jahr betreuten sie 40 Fälle. Jeder ist anders. Die Bandbreite der Delikte ist groß: Diebstahl, Einbruch, Enkeltrick, häusliche Gewalt, Missbrauch, Stalking. „Wir besuchen die Betroffenen zu Hause, um einen Eindruck von ihren Lebensverhältnissen zu bekommen. Das ist hilfreich, um sie da abzuholen, wo sie sich befinden“, erläutern Sabine Gröppel und Andrea von Wolff-Metternich. „Möglich ist aber auch ein Treffen an einem neutralen Ort. Wir sind flexibel entsprechend den Bedürfnissen.“ Ziel ist es, den Betroffenen aus ihrem Ohnmachtsempfinden herauszuhelfen und sie zu ermutigen, aktiv zu werden und ein neues Selbstbewusstsein aufzubauen. „Wir möchten sie stärken, damit sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen.“

Mit Kooperationspartnern vernetzt

Der Polizei sind die Aktiven dankbar dafür, dass sie viele Fälle an sie weiterleitet. Das macht es auch möglich, dass der Weiße Ring schnelle Hilfen vermitteln kann. Diese Lotsenfunktion ist ein weiteres zentrales Anliegen. Zu den Kooperationspartnern gehören die Frauenberatungsstelle der AWO im Kreis Höxter und die LWL-Traumaambulanz mit ihrer stationären Einrichtung in Marsberg und der Tagesklinik neben dem St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter. „Hier finden traumatisierte Betroffene sofort Hilfsmöglichkeiten.“ So lassen sich die langen Wartezeiten auf einen Psychotherapie-Platz überbrücken.

Auf diese Möglichkeiten machen die Ehrenamtlichen die Opfer in den vertraulichen Gesprächen ebenso aufmerksam wie auf das kaum bekannte Opferentschädigungsgesetz: Wer durch eine vorsätzliche Gewalttat gesundheitliche Schäden erleidet, kann Anspruch auf Opferentschädigung geltend machen. Und: In überprüfter Notlage sind materielle Soforthilfen möglich. Die Aktiven helfen jeweils bei der Antragstellung.

Das Fortbildungsprogramm rüstet uns für unsere Arbeit.

Andrea von Wolff-Metternich

Das Rüstzeug für diese und die vielen weiteren Hilfen erhalten sie in einer fundierten Grundausbildung. Nach zwei Jahren folgt ein Aufbauseminar mit Aufarbeitung erster Fallerfahrungen. Weitere Fortbildungen sind möglich. Andrea von Wolff-Metternich schätzt das umfassende Fortbildungsprogramm. „Es bringt uns weiter und rüstet uns für unsere Arbeit.“

Konkrete Tipps

Diese beinhaltet auch konkrete Tipps: Nach einem Wohnungseinbruch kann es helfen, die Wäsche auszutauschen. „Betroffene fühlen sich besser, wenn die durchwühlten Sachen weg sind.“ Zur Prävention empfehlen die Ehrenamtlichen Selbstbehauptungskurse. Und: „Lassen Sie Ihr Getränk unterwegs nicht unbeaufsichtigt.“ Die Gefahr der KO-Tropfen lauert. Diese sind nur 24 Stunden im Blut nachweisbar. Im Ernstfall sollten Opfer also schnell zur Blutentnahme gehen. Bei sexuellem Missbrauchs empfehlen die Ehrenamtlichen die anonyme Spurensicherung im St.-Ansgar-Krankenhaus. „Frauen sollten am besten direkt dorthin gehen, bevor sie duschen und die Kleidung wechseln.“ Die Spuren werden zehn Jahre aufbewahrt. „Die Opfer können sich also lange überlegen, ob sie Anzeige erstatten.“ Gesicherte Spuren erhöhen die Erfolgsaussichten.

 

Opfer haben lebenslänglich – ein Kommentar von Sabine Robrecht

Opfer einer Straftat zu werden, ist ein tiefer Einschnitt in das Leben eines Menschen. Das fängt schon beim Wohnungseinbruch an. Trotz der Ersetzbarkeit materieller Güter sind die Betroffenen bis ins Mark getroffen. An einigen Gegenständen hängen das Herz und viele Erinnerungen. Das macht den Verlust unwiederbringlich. Und – was noch schlimmer ist: Jemand Unbefugtes ist in die Intimsphäre, den persönlichen und vermeintlich sicheren Rückzugsort eines Menschen, eingedrungen. Das verletzt und schürt Angst. Senioren, die dem Enkeltrick zum Opfer gefallen sind, trauen niemandem mehr über den Weg und geraten zusätzlich noch oft in materielle Existenzangst. Besonders schwer wiegen natürlich Traumata nach Raubübefällen, Gewalt und Missbrauch.

Gefeit vor Straftaten ist niemand. Jeder von uns kann jederzeit unverschuldet in diese Not geraten. Die Bandbreite der Delikte ist auch im Kreis Höxter groß. Und die Betroffenen sind ratlos. Wie sollen sie auch in ihrer Extremsituation überblicken, was an welcher Stelle zu tun ist. Gut, dass es den Weißen Ring gibt. Die Ehrenamtlichen lotsen die Betroffenen durch das Verfahren. Und sie stehen ihnen in vertraulichen Gesprächen mit Verständnis und Empathie zur Seite. Das ist wohltuend. Die Betroffenen fühlen sich ernst genommen. Und wenn sie wissen, dass der Betreuer oder die Betreuerin sie begleitet, gehen sie gestärkt und mit viel weniger Unbehagen zu Terminen bei der Polizei oder bei Gericht. Denn auch das ist für Kriminalitätsopfer zumeist ein unbekanntes Terrain.

Die Verlässlichkeit des Weißen Rings entlastet sie an dieser Stelle. Denn da ist jemand, der mir zur Seite steht – den (oder die) ich jederzeit anrufen kann, wenn mir eine Frage auf der Seele liegt. Das kommt nämlich immer wieder vor. Ein Opfer durchdenkt seinen Fall wieder und wieder und kämpft gegen Angst oder Selbstzweifel. Für all diese Nöte haben die Ehrenamtlichen des Weißen Rings ein offenes Ohr. Daher kann man die Menschen nur ermutigen, sich an den Verein zu wenden. Auch wenn die Straftat, der sie zum Opfer gefallen sind, ihnen im Vergleich zu den großen Verbrechen als Bagatelle erscheint, sollten Betroffene nicht zögern. Auch ihnen hilft der Weiße Ring. Zum Glück vermittelt die Polizei Kontakte zu den Ehrenamtlichen.

In ihrer Lotsenfunktion zeigen die Aktiven den Menschen Hilfsmöglichkeiten auf. Sie sind eingebunden in ein tragfähiges Netzwerk. Beispiel: Gewalt an Frauen und Kindern. Im Kreis Höxter hat sich vor mehr als 20 Jahren unter dem Dach des Arbeitskreises gegen Gewalt an Frauen und Kindern ein multiprofessionelles Hilfenetzwerk zusammengeschlossen. Ihm gehört der Weiße Ring an. Entsprechend kurz sind die Drähte zu Beratungsstellen oder Einrichtungen, an die sich viele Opfer wahrscheinlich nicht direkt wenden würden.

Dass die Ehrenamtlichen sich auch noch in der Kriminalitätsvorbeugung engagieren, verdient ebenfalls große Anerkennung. Der Weiße Ring leistet der Gesellschaft, dem Gemeinwesen und vor allem den Betroffenen von Straftaten einen nicht hoch genug zu schätzenden Dienst. Denn die Opfer haben keine Lobby. Und sie haben, wie Außenstellenleiterin Sabine Gröppel so treffend sagt, „lebenslänglich“.

Die bitteren Erfahrungen lassen sich nicht von ihrer Seele löschen. Umso segensreicher ist es, dass dank der Hilfe und des Lotsendienstes des Weißen Rings eine Aufarbeitung des Erlebten möglich wird. Nur so können Wunden heilen. Und ein Weiterleben mit den Narben wird möglich.

 

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