Do., 27.02.2020

Tierdrama am Skywalk bei Würgassen – Behördentermin an Hannoverschen Klippen – Bürger hoffen auf Rettung Verirrt: Ziege kämpft an steilen Felsen um ihr Leben

Von Michael Robrecht

Herstelle/Würgassen/Bad Karlshafen (WB). Tierfreunde machen sich Sorgen um eine weiße Ziege, die seit einer Woche in den Hannoverschen Klippen nahe des bekannten Weser-Skywalks auf einem Felsplateau gefangen ist. Das wegen der vielen Regengüsse völlig durchnässte Tier hat sich in den steilen Felsen offensichtlich in eine so aussichtslose Lage verirrt, dass Anwohner aus Herstelle und Bad Karlshafen die Behörden in Beverungen und Höxter alarmiert haben. Besteht Handlungsbedarf? Kann man die Ziege, die im wahrsten Sinne des Wortes, am Rande des tiefen Abgrunds liegen muss, noch retten? Die beiden Naturfreunde Jürgen Bunk (65) und Gunther Prasuhn (68) aus Bad Karlshafen sagen Ja.

Tierfreunde schlagen Alarm

 

Eine Herstellerin hatte als erste die Polizei Höxter angerufen und um Hilfe gebeten, da es für das Tier keinen erkennbaren Zu- oder Abstieg gibt. Passiert ist seitdem nicht viel. „Der Ziege sollte zügig geholfen werden. Das kann man ja nicht mitansehen, wie sie da oben in 60 oder 70 Metern Höhe gefangen ist und die letzten beiden Tage fast nur noch entkräftet auf dem Felsplateau liegt. Die ist bald tot“, sagt Jürgen Bunk. Die beiden Karlshafener haben sich ein Herz gefasst und versucht, Nahrung über dem nicht ungefährlichen Felsplatz abzuwerfen. „Einmal haben wir ihr von der oberhalb liegenden Plattform Heu herunter geworfen. Das hat aber nicht funktioniert, weil mir kurz vor der Klippe das Heubündel auseinandergefallen ist“, sagt Jürgen Bunk.

Gunther Prasuhn war schon einen Tag vorher auf dieser Klippe: „Wir haben noch probiert, ihr ein Brett zu legen, über das sie nach links hätte abwandern können. Das war uns auf den letzten Metern zu riskant, da dies nur mit einer professionellen Absicherung durchführbar wäre. Ich bin sogar von oben sehr nah an den Vierbeiner herangekommen, habe dann aber meine Aktion in den Felsen abbrechen müssen, um mich nicht zu gefährden”, schildert Prasuhn.

Viele Spaziergänger und Bürger aus den umliegenden Orten verfolgen das Tierdrama in den Klippen seit Tagen und leiden mit.

Am Montag haben nun Mitarbeiter des Veterinärdienstes des Kreises Höxter, des Ordnungsamtes der Stadt Beverungen sowie der Freiwilligen Feuerwehr die Situation vor Ort an den Klippen, die im Kreis Höxter liegen, gemeinsam erörtert. „Soweit ersichtlich, ist der Zustand des Tieres derzeit noch ungestört. Hinweise auf körperliche Schwäche waren nicht erkennbar“, teilt der Veterinärdienst des Kreises Höxter mit und ergänzt: „Optionen, das Tier mit menschlicher Hilfe von seinem Platz zu bergen, sehen wir derzeit nicht. Alle denkbaren Varianten sind mit erheblichen Gefahren für die beteiligten Personen verbunden – das ist aus Sicherheitsgründen nicht verantwortbar. Selbst wenn es Helfern gelingen würde, zu der Ziege zu gelangen, bliebe noch die Gefahr, dass das Tier in einer Fluchtreaktion von der Klippe stürzt“, sagt Dr. Jens Tschachtschal, Leiter des Veterinärdienstes des Kreises Höxter. In 60 bis 70 Metern Tiefe warten spitze Felsen und eine belebte Eisenbahnstrecke.

Kommt der Gnadenschuss?

So bleibt derzeit nur die Hoffnung, dass die Ziege ihren Platz auf den Klippen doch noch eigenständig verlassen kann. Ob das möglich ist, ist unklar, aber nicht auszuschließen. Die beiden Karlshafener Tierfreunde ziehen sogar die Möglichkeit eines Gnadenschusses für die Ziege in Betracht – „wenn es nicht anders geht“.

Jürgen Bunk und Gunther Prasuhn hoffen, dass ein Fachmann aus einem Baum- oder Industriekletterer-Betrieb zeitnah um Rat gefragt werden kann. „Vielleicht fällt den Experten, die oft an unzugänglichsten Stellen arbeiten, noch etwas Kreatives ein, um die Ziege zu retten“, meint Jürgen Bunk, der bei Herstelle lange einen Steinbruch betrieben hat. Vom Weg unterhalb der Klippen, wo auch Falken in Kästen brüten, komme man problemlos an die Ziegenklippe heran, weiß er.

Dass sich die Ziege noch selbst befreien könne, das bezweifeln die Naturfreunde, weil sie entkräftet wirke und viel liege. Sonst habe sie entspannt am Felsen gestanden und geknabbert. Auch fehle auf dem Felsbalkon im FFH-Gebiet Dreiländereck mit Steinschlägen und Begehungsverbot genug Nahrung; die Ziege drohe zu verhungern oder gar abzustürzen. Die Karlshafener vermuten, dass der Vierbeiner auf der Flucht – vielleicht vor einem Hund – auf den exponierten Felsen gesprungen sei. Wer in den Alpen Gämsen an Steilwänden beobachte, der sehe zu welchen Sprüngen Tiere fähig seien. Im Skywalk-Gelände ist die Ziege oft nur als weißer Punkt oder eben als helle Gestalt vor der Felswand zu sehen.

Rettungsaktion?

Auch Ralf Maibom (Ordnungsamt Beverungen) macht sich seit Tagen Gedanken, wie man eine Rettungsaktion organisieren könne. Auf Anfrage des WESTFALEN-BLATTES sagte er, dass er Kontakt zu Kletterern aufnehme, um auszuloten, wie gefährlich und wie teuer eine Rettung sei. „Da oben in den Felsen gibt es ein echtes Risiko“, meint Maibom. „Ich werde klären, was geht“, erklärt er. Er berichtet auch, dass die Ziege in jenem Teil der Hannoverschen Klippen westlich des Skywalks, der auf NRW-Gebiet im Dreiländereck liege, länger bekannt sei und sie sich aus misslichen Situationen bisher immer selbst befreit habe.

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