Karl-Oswald Hugenbruch erzählt von seinem Leben in Dalhausen, Düsseldorf und Berlin
Von einem, der die Arbeit aufhebt

Beverungen-Dalhausen (WB). Sein Haus in der Unteren Hauptstraße in Dalhausen hat Museumscharakter. Hier treffen viele Epochen aufeinander. Ein reich verzierter Vitrinenschrank aus der Renaissancezeit teilt sich den Raum mit einer kleinen Sofagruppe aus den 1970er Jahren, nebenan trifft ein Biedermeier-Sofa auf einen massiven Schrank, der dem Historismus zugeordnet wird. „Er war ein Hochzeitsgeschenk für meine Großmutter“, erklärt der Hausherr. Karl-Oswald Hugenbruch hat hier zum großen Teil seine Kindheit verbracht. Eine Kindheit, die lange zurückliegt – Hugenbruch wird in wenigen Wochen 90 Jahre alt. Doch von Ruhestand kann bei dem Architekten nicht wirklich die Rede sein, denn der Mann hat viel zu tun.

Donnerstag, 29.10.2020, 06:01 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 06:10 Uhr
Karl-Oswald Hugenbruch heißt Besucher in seinem Großelternhaus willkommen. Bald wird er 90 Jahre alt. Foto: Alexandra Rüther
Karl-Oswald Hugenbruch heißt Besucher in seinem Großelternhaus willkommen. Bald wird er 90 Jahre alt. Foto: Alexandra Rüther

Schreiner-Lehre in Wehrden

Dieser Tage ist er wieder einmal in Dalhausen – in dem Haus, in dem seine Großmutter einen Kolonialwarenhandel betrieb. Er muss sehen, wie es um den ehemaligen Friedhof in Dalhausens Ortsmitte bestellt ist, für dessen Umgestaltung er den Plan erarbeitet hat (Bericht vom 28. Oktober). Von ihm stammt auch die Steele mit den Namen der Ehrenbürger vor der Kirche oder das Kreuz am weißen Stein.

Karl-Oswald Hugenbruch lebte als Kind mit seinen Eltern in Düsseldorf. In den Ferien war er immer in Dalhausen. Als die Familie 1943 bei einem Fliegerangriff ihr Haus in Düsseldorf verlor, wurde Dalhausen das ständige Zuhause. Nach dem Besuch der Mittelschule in Borgentreich begann Hugenbruch eine Lehre in der Kunstschreinerei Lüke in Wehrden. In dieser Zeit restaurierte er übrigens die Treppe des Schlossturms in Wehrden.

Düsseldorf und Berlin

1952 begann er sein Studium der Innenarchitektur in Düsseldorf. 1956 gewann er zusammen mit einem Kollegen gleich einen internationalen Wettbewerb: „Von 17 Bewerbern wurde wir ausgewählt, eine Schule für hör-, seh- und gehbehinderte Kinder zu bauen. Eine Kita gehörte auch dazu“, berichtet Hugenbruch. Im selben Jahr zog es ihn nach Berlin – und zwar genau am 4. November 1956. Es war der Tag, an dem der Ungarische Volksaufstand durch eine Invasion der durch Einmarsch verstärkten übermächtigen Sowjetarmee beendet und eine pro-sowjetische Regierung installiert wurde. „Wir waren fast alleine im Zug“, erinnert sich Hugenbruch. Ein Student habe ihn mit auf seine Bude auf der Krummen Lanke genommen (heute ein Naturschutzgebiet in Berlin). „Hier habe ich 1958 eine beeindruckende Vorlesung besucht“, erzählt Hugenbruch. Der Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) sprach über Zeichen und Symbole. So stehe ein Symbol für sich und brauche keinen Bezug. Im Gegensatz zum Zeichen. „Ein Stoppschild etwa bringt mich auf einer Straßenkreuzung dazu, anzuhalten. Würde es auf einem Acker liegen, hätte ich keinen Bezug dazu und würde gar nicht darauf achten“, beschreibt Hugenbruch etwas, das er früh gelernt und in seinem Arbeitsleben immer wieder anwenden konnte. Jünger war nicht der einzige Prominente, den Hugenbruch während seines Studiums kennenlernte. Im Grafik-Kurs saß er zusammen mit Günter Grass. „Ich habe nie mit ihm gesprochen. Er war ein Schüler unter vielen“, sagt Hugenbruch. Am Ende des Semesters sei dann „Die Blechtrommel“ erschienen...

Hugenbruch war auch Assistent von Egon Eiermann. Der erschuf von 1959 bis 1963 den Neubau neben der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Vorher allerdings war er mit der Planung des deutschen Geländes der Weltausstellung in Brüssel beauftragt worden.

Expo in Brüssel

Genauso wie Walter Rossow, Landschaftsarchitekt, für die Gärten in Brüssel verantwortlich und ebenfalls ein Professor von Karl-Oswald Hugenbruch. Und so reiste auch der nach Brüssel. „Für uns junge Studenten war der Philips-Pavillon das Beeindruckendste, was wir bis dahin gesehen hatten“, gerät Hugenbruch ins Schwärmen. – „Ein asymmetrisches Bauwerk, das alle damaligen Sehgewohnheiten verletzte“, wie auf Wikipedia zu lesen ist. Eine Kuriosität des deutschen Geländes hat der Dalhauser Architekt auch noch vor Augen. „Weil die Fläche ein großes Gefälle hatte, wurde eine Brücke gebaut. Und diese Brücke, eine von einem Pylon gehaltene Stahlhängekonstruktion, unterführt noch heute die A3 in Duisburg.“

Zurück in Dalhausen

Karl-Oswald Hugenbruch kennt sich im Ruhrgebiet aus. Sein Architekturbüro betrieb er jahrelang in einem Ortsteil von Ratingen. Zwischen Düsseldorf und Essen besitzt er ein Haus mit 7000 Quadratmetern Grundstück, acht Hochbeete inklusive. Das bewirtschaftet er zusammen mit einer seiner zwei Töchter, die übrigens ebenfalls Architektinnen sind. Nur sein Sohn „tanzt aus der Reihe“, er ist Volkswirt.

Aber die Verbundenheit zu Dalhausen bleibt. Auch wenn von seinen Schulkameraden und Freunden nicht mehr viele leben. „Aber in diesem Haus stecken 300 Jahre Familie, das berührt mich. Sicher habe ich schöne Orte gesehen. Aber hier sind meine Wurzeln. Und das geht mir ans Herz.“

Dass er mit seinen fast 90 Jahren noch so fit ist, führt er auf einen „einigermaßen gesunden Lebensstil“ zurück und darauf, dass er „die Arbeit immer angenommen hat“. Es gebe Menschen, die sehen sie da liegen und gehen herum und stolpern darüber. „Ich bin derjenige, der die Arbeit aufhebt. Und so bleibe ich in Bewegung.“

LGS in Höxter

Die Landesgartenschau 2023 in Höxter sieht der Architekt und Gartenbauer als „große Chance – ohne Zweifel. Sie sollte landschaftsbezogen gestaltet werden. Ich würde auf jeden Fall die Pflanzen, die die Mönche aus Corbie mit nach Corvey gebracht haben, nachempfinden.“

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