Aufatmen bei Einzelhändlern: Shopping ist unter Auflagen ab Montag wieder möglich – Inzidenzwert spielt entscheidende Rolle – mit Kommentar
Der Countdown zum Neustart läuft

Kreis Höxter (WB) -

„Shoppen mit Termin“ – das ist laut Landesregierung ab Montag, 8. März, in vielen Geschäften wie bei den Modehändlern möglich. Bei Buchhandlungen kann man ab der nächsten Woche bereits ohne einen festen Termin vorbeischauen. Die Einzelhändler reagieren erleichtert. Das WESTFALEN-BLATT hat in der Region nachgefragt.

Samstag, 06.03.2021, 05:55 Uhr aktualisiert: 06.03.2021, 12:12 Uhr
Frühlingsstimmung mit viel Kunst: In der Buchhandlung Brandt in Höxter freuen sich Susanne Weide (rechts) und Andrea Duurland darauf, von Montag an wieder Kunden in ihr Geschäft zum Stöbern zu lassen. „Neben dem Personal dürfen sich dann hier bis zu drei Personen aufhalten“, so die Buchhändlerinnen.
Frühlingsstimmung mit viel Kunst: In der Buchhandlung Brandt in Höxter freuen sich Susanne Weide (rechts) und Andrea Duurland darauf, von Montag an wieder Kunden in ihr Geschäft zum Stöbern zu lassen. „Neben dem Personal dürfen sich dann hier bis zu drei Personen aufhalten“, so die Buchhändlerinnen. Foto: Harald Iding

Alles ist vorbereitet für den Neustart am Montag. Das Fachgeschäft „Bücher Brandt“ in Höxter wird zu festen Öffnungszeiten zeitgleich bis zu drei Kunden willkommen heißen. In der Buchhandlung ist der Frühling bereits spürbar. Überall steht die neueste Lektüre bereit. Bestseller findet man dort ebenso wie farbenfrohe Kunstwerke aus der Heimat. Susanne Weide und Andrea Duurland blicken auf eine spannende, kreative Zeit in den vergangenen Wochen zurück.

„Wir sind stark vernetzt über Medien wie WhatsApp und Instagram. Wir posten jeden Tag etwas Neues. Die Schaufenster haben wir regelmäßig neu gestaltet, damit jeder sehen kann, was wir vorrätig haben – weil ja der Besuch, das Schlendern im Geschäft, nicht möglich gewesen ist.“

Kira Manegold von der gleichnamigen Parfümerie in Höxter freut sich auf den Start.

Kira Manegold von der gleichnamigen Parfümerie in Höxter freut sich auf den Start. Foto: Harald Iding

Die Buchhandlung dürfen ab 8. März wieder öffnen – zeitlich jedoch limitiert. Bei Brandt öffnen die Türen von 9.30 bis 13.30 Uhr sowie 15 bis 18 Uhr. „Wir rechnen mit einem hohen Zuspruch“, so Duurland. Ihr Rezept für den Erfolg seit 19 Jahren in Höxter: „Wir hören zu und geben gerne fachliche Tipps!“ Sie seien stolz darauf, meist schneller als große Onlineversandhändler zu sein. Duurland: „Wer bis 17.45 Uhr bei uns bestellt, der hält das Buch am nächsten Morgen schon ab 9.30 Uhr in den Händen!“ Und Susanne Weide betont: „Man freut sich einfach auf den persönlichen Kontakt!“

Alle Etagen geöffnet

Jens Klingemann vom gleichnamigen Modehaus steht mit seinen Mitarbeitern schon in den Startlöchern. „Wir sind die ganze Woche am Vorbereiten. Wir haben dann auf allen Etagen geöffnet – ebenso das Schuhhaus Klauser.“ Klingemann geht davon aus, dass alle Einzelhändler in Höxter ab 8. März ihre Türen öffnen werden. „Die Kunden können im Vorfeld über unsere Social Media-Kanäle oder auch telefonisch einen Termin vereinbaren.“ Auf rund 7000 Quadratmetern sei genügend Platz zum sicheren Einkaufen gegeben.

Der Einzelhandel, wie hier in Höxter, wartet seit Wochen darauf, endlich wieder die Türen öffnen zu dürfen.

Der Einzelhandel, wie hier in Höxter, wartet seit Wochen darauf, endlich wieder die Türen öffnen zu dürfen. Foto: Harald Iding

Es wird bei Klingemann nur einen Zugang (Haupteingang) geben – dort erfolgt auch die Registrierung der Kunden, die zum Beispiel spontan reinschauen wollen. „Die Abgabe der Daten ist wichtig für die vorgegebene Kontaktnachverfolgung.“ Es gilt die Regel: nur ein Kunde pro 40 Quadratmeter. Es sei das ganze Team im Einsatz.

„Wir sind froh, dass wir wieder starten können“, reagierte Hermann Manegold, Inhaber der Parfümerien Manegold in Höxter sowie in Beverungen, erleichtert. Am Freitagvormittag sondierte der Unternehmer zunächst einmal die Lage und studierte die gerade aktualisierte Corona-Schutzverordnung des Landes NRW. „Das ist kompliziert. Wir arbeiten uns durch die neuen Regelungen und Bestimmungen.“ Bei einem Inzidenzwert zwischen 50 und 100 könnten sich die Kunden zum Shopping-Termin anmelden. Sieben bis acht Kunden würden in der Parfümerie in Höxter aufgrund der Quadratmeter-Bestimmung gleichzeitig bedient. Zusätzlich erfuhr der Höxteraner Einzelhändler in einer langen Videokonferenz des Unternehmensverbunds „beauty alliance“ Deutschland GmbH, dass das Aufatmen bei den Parfümerie-Besitzern in ganz Deutschland groß sei. „Dem kooperativen Unternehmensverbund gehören 231 Parfümerie-Einzelhändler mit 1100 Standorten an. Es ist das größte Netz von Parfümerien in Deutschland“, berichtete Manegold.

Susanne Hake möchte in der „traumwelt“ in Beverungen wieder Kunden begrüßen.

Susanne Hake möchte in der „traumwelt“ in Beverungen wieder Kunden begrüßen. Foto: Alexandra Rüther

Die Nöte und Sorgen seien nach dem zweiten und verschärften Lockdown ab dem 16. Dezember 2020 aufgrund der inzwischen unendlich langen Zeit sehr groß. Der Besitzer der beiden Parfümerien in der Kreis- und der Weserstadt hofft, dass sich der Corona-Inzidenzwert nach unten entwickelt.

„Bei einem Inzidenzwert von sieben Tagen in Folge unter 50 können die jeweiligen Kreise entscheiden und die Öffnungen wieder unter Normal-Bedingungen zulassen.“ Für den Kosmetikbereich weiß Manegold: „Unsere Kosmetikerinnen müssen sich aktuell alle zwei Tage testen lassen.“ Und wenn die Kundin oder der Kunde bei der Gesichtskosmetik keine medizinische Maske tragen könne, sei ein tagesaktuelles Testergebnis notwendig. „An diesem Wochenende bereiten wir uns auf den Start vor. Die Hygienekonzepte und Vorschriften stehen bei uns an erster Stelle“, hob Manegold hervor.

Einkauf mit Termin

Susanne Hake, Inhaberin des Geschäfts „traumwelt“ in Beverungen, bietet den Einkauf mit Termin an. Zufrieden ist sie mit den Ergebnissen der Bund-Länder-Konferenz allerdings nicht. „Planlos und unverhältnismäßig“ nennt sie die Beschlüsse und kritisiert unter anderem, dass sich die Öffnungsschritte allein am Inzidenzwert ausrichten.

Susanne Hake hat sich einem Aufruf der Initiative „Freundschaftsdienst“ angeschlossen, die ein Modeunternehmer aus Frankfurt am Main ins Leben gerufen hat und zuletzt im Januar mit der Plakataktion „Wir machen auf(merksam)“ auch im Kreis Höxter sichtbar war. Jetzt gehen die Einzelhändler einen Schritt weiter.

Unter dem Motto „Wir stehen auf Recht“ hat die Berliner Kanzlei Schirp & Partner Rechtsanwälte mbB zusammen mit Rechtsanwalt Siegried de Witt und Prof. Dr. Ingo Heberlein Klagen von Einzelhändlern in Deutschland vorbereitet. Dabei geht es um vierstufige Verfahren: Anträge auf Wiederöffnung, Klage auf Entschädigung, Sammelklage auf Schadenersatz und Klage auf Auszahlung der Überbrückungshilfe. Einen solchen Antrag auf Wiederöffnung hat auch Susanne Hake gestellt – direkt beim nordrhein-westfälischen Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Der Eilantrag ist kostenlos und kann unter „https://schirp.freundschaftsdienst.eu“ individuell ausgefüllt und losgeschickt werden. Dr. Wolfgang Schirp ist zuversichtlich, dass sich das lohnt.

Im Recht

„Wer sein Grundgesetz nicht nach dem ersten Semester weggeschmissen hat, weiß, dass wir im Recht sind“, schätzt er die Erfolgschancen der Klagen für den „freundschaftsdienst.eu“ ein. Er ist überzeugt: „Die Politik reagiert nur auf massiven Druck.“ Zusammengefasst fordert „freundschaftsdienst.eu“ schnelle Hilfe durch Vorabzahlungen, unbürokratische Antrags- und Genehmigungsprozesse, faire und angemessene Ausgleichszahlungen sowie ein konkretes Wiedereröffnungsszenario für den Einzelhandel.

Seit Mitte Dezember ist auch die „traumwelt“ in Beverungen geschlossen – aufgrund der einschlägigen Corona-Verordnungen. Mittlerweile bestehe aber ein Rechtsanspruch auf Öffnung“, schreibt Dr. Schirp an das NRW-Gesundheitsministerium. Zwar liege nach wie vor eine Infektionslage mit Gefahr für Gesundheit und Leben vor (Infektionsschutzgesetz), auf die sich die Schließungsanordnung beziehe. Aber, so Dr. Schirp: „Alle Schutzmaßnahmen müssen nicht nur geeignet, sondern auch erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinne sein. Das mildere Mittel hat Vorrang. Bei Anlegung dieser Maßstäbe kann die Schließung des Betriebes unserer Mandantschaft keinen Bestand haben, jedenfalls sind die Voraussetzungen der Schließung nicht mehr gegeben.“

Rechtswidrigkeit

Die Infektionszahlen und Sterbefälle im Zusammenhang mit Corona seien erst Ende Januar zurückgegangen, seit in Alten- und Pflegeheimen konsequent geschützt werde. Die Schließung von Betrieben habe also nicht zu dem Ziel geführt, alte und pflegebedürftige Menschen zu schützen. „Bereits aus diesem einfachen Umstand ergibt sich die Rechtswidrigkeit der Schließungsanordnung“, so Dr. Wolfgang Schirp.

Da die Maßnahme zudem gravierende Kollateralschäden mit sich bringe, die sich bei Anwendung geeigneter Alternativmaßnahmen – Öffnung mit Hygienekonzept – vermeiden ließen, sei die Schließung auch nicht erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinne. Sie sei deshalb umgehend aufzuheben.

„Click & Meet“, wie der Einkauf mit Termin genannt wird, ist in den Augen von Susanne Hake aus Beverungen „eine nicht alltagstaugliche, bürokratische Anordnung, die zum ‚Sterben auf Raten‘ führt“.

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Die heimischen Läden und Geschäfte werden ab Montag wieder öffnen. Alles geschieht unter strengsten Auflagen, allerdings auch mit großer Zuversicht. Der Einzelhandel im Kreis Höxter sitzt in den Startlöchern und hat am Freitag kräftig durchgeatmet, denn die Luft war im verschärften Lockdown verdammt dünn geworden. Druck, Existenzängste, Insolvenzen, drohender Leerstand – diese Begriffe stehen für die schlechten Lage der vergangenen Wochen. Die Warenlager waren voll und die Kassen leer. Immerhin, der Online- und Abholservice ist garantiert über die Pandemie hinaus eine zusätzliche Nische und Hilfe geworden.

Jetzt geht es nach mehr als zehn Wochen wieder los. Die heimische Geschäftswelt profitiert von den Erfahrungen aus dem ersten Lockdown: Hygiene, Quadratmeter-Begrenzungen und Abstand sind inzwischen Standard. Demnächst wird es auch die Schnelltests geben. Die Branche wird auch das schaffen. Der Countdown läuft. Ein Großteil des Ostergeschäfts kann nun noch mitgenommen werden. Das ist in schlechten Zeiten immerhin eine gute Nachricht.

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