Fr., 28.06.2019

Elmar J. aus Borgentreich soll mutmaßlichem Lübcke-Mörder die Tatwaffe verkauft haben »Eine Szene wie aus einem Krimi«

Die ehemalige Gaststätte in der Dorfmitte gehört zu dem Gebäude, in dem Elmar J. lebt.

Die ehemalige Gaststätte in der Dorfmitte gehört zu dem Gebäude, in dem Elmar J. lebt. Foto: Ralf Benner

Von Ralf Benner und Jan Gruhn

Borgentreich (WB). Elmar J. (64) aus dem Borgentreicher Ortsteil Natzungen soll dem mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke die spätere Tatwaffe verkauft haben. Spezialkräfte nahmen ihn  – wie berichtet – fest.

Im Schatten der Pfarrkirche, in der Mitte des Ortes, liegt die ehemalige Gaststätte »Dorfkrug«. Hier lebt Elmar J. (64) in einem Anbau. Gleich nebenan erinnert eine Tafel an das 950-jährige Jubiläum des Dorfes. Als das SEK Hessen am späten Mittwochabend das Gebäude stürmt, ist es vorbei mit der Idylle. »Eine Szene wie aus einem Krimi, ganz unheimlich«, sagt ein Nachbar. Auch am Donnerstagmittag sind Ermittler noch vor Ort, äußern sich aber nicht weiter zu ihrer Arbeit. Sie tragen Kisten hin und her.

2012 hat Elmar J. sowohl das Wohnhaus für fünf Parteien als auch die seit etwa 20 Jahren leer stehende Gaststätte gekauft. Verkäufer des Gebäudes und des etwa 1200 Quadratmeter großen Grundstücks war Dieter Micus aus Brakel-Auenhausen. Micus erzählt, er habe eine fünfstellige Summe für das Haus bekommen. J. habe vorher in Paderborn-Schloß Neuhaus gelebt und nach einem Platz für seine Antiquitäten und seinen Trödel gesucht. »Er war unscheinbar und freundlich.«

Ein »Lebenskünstler«

Nach Angaben eines Nachbarn befindet sich die Wohnung von J. im Dachgeschoss. Anwohner sagen, dass J. sich aus dem Leben in der Dorfgemeinschaft rausgehalten habe. Habe man ihn auf der Straße getroffen, sei er aber nett und hilfsbereit gewesen. Aus dem Umfeld des Hauses heißt es, dass J. dort gemeinsam mit einer Frau und einem Hund wohne.

Seinen Lebensunterhalt habe J. sich »unter der Hand« als Händler von Antiquitäten und Motorradteilen auf Trödelmärkten in der Region verdient. Zeitweise habe er seine Waren auf Ebay »vertickt«, erzählen Menschen aus seinem Umfeld. Sie bezeichnen ihn als »Lebenskünstler« ohne feste Arbeit. Ein Gewerbe als Händler hat J. nach Informationen dieser Zeitung nicht angemeldet.

»Der Vorgang schockiert Natzungen«, sagt Borgentreichs Bürgermeister Rainer Rauch. Er erzählt, dass die Stadt 2017/18 mit J. über den Verkauf des Grundstücks gesprochen habe. Ziel sei gewesen, Gaststätte und Wohnhaus abreißen zu lassen. Dort sollte ein Dorfmittelpunkt entstehen – doch man habe sich nicht auf einen Preis einigen können. In den Verhandlungen habe er J. als unauffälligen Typen erlebt. Ein Typ, der nun im Verdacht steht, einem rechtsextremen mutmaßlichen Attentäter eine Faustfeuerwaffe Kaliber .38 verkauft zu haben. »Es ist wichtig, dass der Fall jetzt schnell aufgeklärt wird«, sagt Rauch. Borgentreichs Verwaltungschef gibt an, dass er Walter Lübcke seit den 80er Jahren persönlich gekannt habe. Über die räumliche Nähe, über die CDU. Landrat Friedhelm Spieker und die Kreisverwaltung Höxter wollten sich am Donnerstag nicht zu dem Fall äußern.

»Umfeld wird umfassend ausgeleuchtet«

Ein Hausbewohner, der sich selbst »Pancho« nennt, will mit J. gemeinsam an Motorrädern »herumgeschraubt« und häufig auch die Trödelmärkte besucht haben. »Waffen habe ich dabei aber nie zu Gesicht bekommen«, versichert der Mann. Den Zugriff des SEK-Kommandos hat »Pancho« seinen Angaben zufolge am eigenen Leib miterlebt. Zwei Stunden habe er in den Lauf einer Pistole geblickt, seine Wohnung sei durchsucht worden. Bestätigt sind diese Angaben nicht.

»Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft werden sich intensiv mit der Frage beschäftigen, in welchem Verhältnis Stephan E., Elmar J., Markus H. sowie die beiden anderen Beschuldigten zueinander stehen«, hieß es am Donnerstag aus Karlsruhe. »Auch das Umfeld dieser Personen wird umfassend ausgeleuchtet werden.«

Facebook-Profil

Im Zusammenhang mit der Verhaftung erklärte die Generalbundesanwaltschaft, dass auch zwei Personen bei Stephan Ernst Waffen gekauft haben sollen. Das habe der Verdächtige selbst angegeben. Es lägen derzeit aber keine Hinweise vor, dass diese beiden in die Ermordung von Walter Lübcke verstrickt seien. Deshalb würden die Ermittlungen dazu nicht von Karlsruhe, sondern von der Staatsanwaltschaft Kassel übernommen.

Es gibt ein Facebook-Profil, das Elmar J. gehören könnte – dort ist zumindest sein Name angegeben. Ob und wie aktiv der Beschuldigte dort war, ist unklar. Die Freundesliste ist kurz, aber die biografischen Daten scheinen mit denen des Festgenommenen übereinzustimmen. Unter den »Gefällt mir«-Angaben findet sich ein Hinweis auf die NPD in Sachsen.

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