Sa., 29.06.2019

Mutmaßlicher Waffenverkäufer: Polizei bewacht weiter das Grundstück von Elmar J. in Borgentreich Im Visier

Die ehemalige Gaststätte und das anliegende Wohnhaus in Borgentreich-Natzungen sind seit einigen Tagen im Visier der Fahnder. Elmar J. soll den Komplex 2012 gekauft haben.

Die ehemalige Gaststätte und das anliegende Wohnhaus in Borgentreich-Natzungen sind seit einigen Tagen im Visier der Fahnder. Elmar J. soll den Komplex 2012 gekauft haben. Foto: Harald Iding

Von Jan Gruhn und Ralf Benner

Borgentreich (WB). Elmar J. (64) sitzt in Untersuchungshaft. Er soll dem mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke die spätere Tatwaffe verkauft haben. Eine Spurensuche.

In Natzungen, dem kleinen Borgentreicher Ortsteil im Kreis Höxter, ist an diesem Samstag Königsschießen. Die St.-Nikolaus-Schützenbruderschaft sucht einen neuen Regenten. Nein, Elmar J. sei kein Mitglied gewesen, sagt Frank Bösser, 1. Brudermeister. Es liege kein Eintrittsantrag vor.

Vor dem ehemaligen Dorfkrug, der Elmar J. gehört, parkt am Freitag ein Streifenwagen. Zwei Polizisten stehen vor dem Haupteingang des Hauses hinter der leer stehenden Gaststätte. Die Ermittlungen vor Ort seien auch zwei Tage nach der Festnahme von Elmar J. weitergegangen, bestätigt die Kreispolizeibehörde Höxter.

Waffenversteck entdeckt

Am Donnerstagabend teilte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft mit, dass die vom Ermittlungsrichter erlassenen Haftbefehle gegen Elmar J. und Markus H. (43) aus Kassel unverzüglich in Vollzug gesetzt worden sein. H. soll den Kontakt zwischen J. und Stephan Ernst (45) hergestellt haben. Ernst soll bereits am Dienstag gestanden haben, den Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke (CDU) auf dessen Terrasse im hessischen Wolfhagen-Istha niedergeschossen zu haben.

Nach Angaben der Generalbundesanwaltschaft handelt es sich bei der mutmaßlichen Tatwaffe um eine Faustfeuerwaffe Kaliber .38. »Das ist nichts Übergroßes«, sagt Hans Scholzen, Vorsitzender des Verbandes für Waffentechnik und -geschichte in Düsseldorf. Mit Pistolen oder Revolvern dieser Art würden Sportschützen oder Jäger schießen. In Berichten hieß es, dass die Ermittler nach einem Hinweis von Ernst auf dem Gelände seines bisherigen Arbeitgebers ein Waffenversteck entdeckt hätten. Zudem soll Ernst angegeben haben, neben der Tatwaffe auch eine Pumpgun und eine Maschinenpistole vom Typ Uzi besessen zu haben. Beides sei in Deutschland verboten, sagt Scholzen. »Bei einer Uzi handelt es sich um eine Kriegswaffe.«

Verdächtiges Facebook-Profil

Bei Facebook gibt es ein Profil, das den Namen des wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord festgesetzten J. trägt. Nur eine Handvoll Freunde steht in der Liste, nach Bekanntwerden der Vorwürfe waren es gleich zwei weniger. »Ich war erst mal baff, als ich das gehört hab’«, sagt ein Mann, der J. eigenen Angaben zufolge seit vielen Jahren kennt. Beide kämen aus Schloß Neuhaus. J. habe lange in einer Tankstelle gearbeitet, die heute allerdings nicht mehr stehe. »Es ist schlimm, einem, dem man eigentlich vertraut hat, den Rücken kehren zu müssen«, sagt der Bekannte. Hinweise auf eine rechte oder rechtsextreme Gesinnung habe er allerdings nicht wahrgenommen.

Borgentreichs Bürgermeister Rainer Rauch hatte sich über die Vorgänge bestürzt gezeigt. Friedhelm Spieker, Landrat des Kreises Höxter, wollte sich nach Angaben eines Sprechers am Freitag erneut nicht äußern. Aufgrund der laufenden Ermittlungen verweise man auf die Generalbundesanwaltschaft.

Er nennt sich selbst »Pancho«

Ein Mann, der sich selbst nur »Pancho« nennt, wohnt hinter der ehemaligen Gaststätte, in dem Komplex, den J. 2012 gekauft hat. Eine Tätowierung auf seinem Arm zeigt ein Tatzenkreuz. J. sei sein Vermieter. »Pancho« will vor einigen Wochen selbst Ziel eines Polizeieinsatzes gewesen sein. Das bestätigt auch die Polizei, will aber keine weiteren Angaben machen. Nach Informationen dieser Zeitung soll »Pancho« früher selbst an Waffengeschäften beteiligt gewesen sein. Offiziell bestätigt ist das allerdings nicht.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Haase hatte am Donnerstag mit einer Äußerung für Unmut im Netz gesorgt. Darin hatte er sich zum Thema Reichsbürger geäußert und gesagt: »Wenn Leute in Dörfer zuziehen und sich auf Außenliegerhöfen absondern, sollte man aufmerksamer sein.« Viele Kommentatoren hatten das auf den aktuellen Fall bezogen. Haase relativierte in einem weiteren Posting, seine Aussage sei allgemein zum Thema Reichsbürger gemeint gewesen.

Kein Hinweis auf Kontakt zur Reichsbürgerszene

Nach Angaben des Staatsschutzes des Polizeipräsidiums Bielefeld sind im Kreis Höxter derzeit 22 Personen bekannt, die »dem Kreis der sogenannten Reichsbürger- und Selbstverwalterszene zugeordnet werden«. Im Rahmen von mehreren Durchsuchungen wurden in diesem Zusammenhang auch Waffen und Munition gefunden, bestätigt die Polizei Bielefeld. Entsprechende Strafverfahren seien eingeleitet worden. Konkrete Zahlen zu den Untersuchungen nennen die Bielefelder nicht. Anmerkungen in den Akten über die potenzielle Gewaltbereitschaft der 22 liegen laut einer Sprecherin nicht vor. Einen Hinweis, dass Elmar J. zur Reichsbürgerszene gehört, gibt es nicht.

In zwei Wochen ist Schützenfest in Natzungen. Dabei werden die Mitglieder der Schützenbruderschaft St. Nikolaus wohl auch an der ehemaligen Gaststätte vorbei marschieren.

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