Doktorarbeit über Steinzeitsiedlung in Borgentreich – Verbindung zu Gräberfeld
Als die Menschen sesshaft wurden

Borgentreich (WB). Beim Borgentreicher Ortsteil Großeneder ruhen die Reste einer riesigen steinzeitlichen Siedlung. Seit Jahrzehnten ist das bekannt. Beim Bau der MIDAL-Erdgaspipeline kam es sogar schon im Jahr 1993 zu umfangreichen Ausgrabungen. Aufzeichnungen dazu lagen vor. Aufgearbeitet wurde das Thema bislang aber nicht. Das hat nun Fritz Jürgens übernommen. Über die Siedlung schrieb der Borgen­treicher seine Doktorarbeit.

Donnerstag, 18.06.2020, 07:00 Uhr
So sah die Baustelle zur MIDAL-Erdgaspipeline (Mitte-Deutschland-Anbindungsleitung) aus der Luft aus: Auf diesem Foto von 1993 ist im Hintergrund die B252 zu erkennen. Die Baustelle verlief einmal quer durch die Steinzeitsiedlung hindurch. Foto: LWL
So sah die Baustelle zur MIDAL-Erdgaspipeline (Mitte-Deutschland-Anbindungsleitung) aus der Luft aus: Auf diesem Foto von 1993 ist im Hintergrund die B252 zu erkennen. Die Baustelle verlief einmal quer durch die Steinzeitsiedlung hindurch. Foto: LWL

10.167 Funde untersucht

Dafür hat er 10.167 Funde mit einem Gesamtgewicht von 188 Kilogramm aufgenommen und untersucht. Der Werk veröffentlichte er Ende 2019 unter dem Titel „Der bandkeramische Zentralort von Borgentreich-Großeneder“. Um etwa 5200 v. Chr. verzierten die Menschen ihre Keramik mit einem Muster. Es bestand aus eckigen, spiral- oder wellenförmigen Linien. Das verhalf der Zeit zu ihren Namen: Bandkeramik. „Das ist die Epoche, in der die Menschen in Deutschland sesshaft wurden. Bis dahin lebten sie als Jäger und Sammler“, sagt Jürgens.

Die Siedlung bei Großeneder steche aus dieser Zeit besonders hervor. Zum einen, weil sie von etwa 5200 bis 4800 v. Chr. bewohnt gewesen sei. „Wenn man so will ist es damit das älteste Dorf in der Warburger Börde, das wir sicher datieren können“, sagt der Archäologe. Zum anderen sei die Siedlung aufgrund ihrer Größe außergewöhnlich. Etwa 200 Menschen hätten dort in 20 Häusern zeitgleich gelebt. Für diese Epoche sei das wie eine Großstadt.

Siedlung mit Graben und Wallanlage befestigt

„Die Siedlung war zudem befestigt. Sie verfügte über einen Graben und eine Wallanlage. Das ist auffällig“, erklärt Jürgens. Zumal das Erschaffen dieser Anlagen ein aufwendiges und zeitintensives Unterfangen gewesen sein müsse. Auf Baumaschinen oder ähnliche Hilfsmittel mussten die Menschen ja bekannterweise verzichten.

Beim Schreiben der Doktorarbeit stieß Fritz Jürgens auf weitere interessante Details. So habe sich die Siedlung anfangs nördlich der Eder befunden. Im Laufe der Jahre sei sie aber immer weiter verschoben worden – bis sie schließlich südlich der Eder lag.

Diese Veränderungen könnten zum Beispiel durch Brände verursacht worden sein. Bei diesen Katastrophen verloren die Menschen manchmal alles. „In den Resten eines Hauses wurden etwa zwölf Kilogramm verkohltes Getreide gefunden. Für die damalige Zeit war das ein enormer Verlust“, erläutert der Forscher. Damals seien vor allem die Getreidesorten Emmer und Einkorn angebaut worden. Die seien nicht so ergiebig gewesen, wie heutiges Getreide.

Das neue Phänomen des Ackerbaus

Das neue Phänomen des Ackerbaus habe sich von Süden nach Norden verbreitet – und sei zunächst quasi auf Höhe des Warburger Landes stehen geblieben. „Man vermutet, dass es am Bördeboden lag. Hier war es wohl einfacher, Landwirtschaft zu betreiben.“ Im Raum Brakel zum Beispiel sei dieser Schritt erst etwa 500 Jahre später erfolgt.

Möglicherweise hüte die Steinzeitsiedlung auch noch weitere Geheimnisse. „Wenn die Untersuchungen am Gräberfeld bei Hohenwepel abgeschlossen sind, könnte man sich die Siedlung bei Großeneder wieder vornehmen“, sagt Dr. Fritz Jürgens. Denn das Feld liege in der Nähe der Siedlung. Jürgens geht davon aus, dass die Bewohner dort auch bestattet wurden.

Keine groß angelegte Grabung

Im Gegensatz zum Gräberfeld habe es aber an der Siedlung nie eine groß angelegte Grabung gegeben. „Die Pipeline ging ja einmal durchs Dorf“, erklärt der Borgentreicher. Dort habe man dann auch Anfang der 1990er-Jahre gegraben. Im Laufe der Zeit seien dann lediglich kleinere Untersuchungen erfolgt.

Die Ergebnisse hat Dr. Fritz Jürgens nicht nur in seiner Doktorarbeit veröffentlicht, sondern bereits auch in Vorträgen in Borgentreich. Das Interesse an der Siedlung sei grundsätzlich da, erklärt der Forscher: „Die Menschen finden es vor allem interessant, dass wir nachvollziehen konnten, dass hier seit 7000 Jahren Landwirtschaft betrieben wird.“

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