Mi., 26.06.2019

Ehefrau schwer verletzt – Anerkennung als Flüchtling nötiger denn je Afghane bangt um Familie

Meinolf Schulte (von links), Michael Fiekens und Marion Benzait stärken dem jungen Flüchtling Zabiullah Sharifi ebenso den Rücken wie Simone Hanneke, Gertrud Bouzaima und Hans-Georg Harrer vom Arbeitskreis ökumenische Flüchtlingshilfe.

Meinolf Schulte (von links), Michael Fiekens und Marion Benzait stärken dem jungen Flüchtling Zabiullah Sharifi ebenso den Rücken wie Simone Hanneke, Gertrud Bouzaima und Hans-Georg Harrer vom Arbeitskreis ökumenische Flüchtlingshilfe. Foto: Frank Spiegel

Von Frank Spiegel

Brakel (WB). »Mein Körper ist hier. Aber mit dem Kopf bin ich weit weg bei meiner Frau und meinen Kindern« – Zabiullah Sharifi ist verzweifelt. Er lebt seit vier Jahren in Brakel, steht auf der Todesliste der Taliban (das WESTFALEN-BLATT berichtete am 20. Dezember) . Jetzt hat sich seine Situation noch einmal dramatisch verschlechtert. Helfen könnte das Verwaltungsgericht in Minden.

In seinem Heimatort Wardek in Afghanistan war es am 7. Mai zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen dem afghanischen Militär und den Taliban gekommen. Die Taliban haben mit Raketen geschossen. Sie haben die Moschee getroffen und dabei viele Menschen getötet. »Mein in unmittelbarer Nähe zur Moschee stehendes Haus, in dem meine Frau und die Kinder wohnen, wurde durch die Explosion ebenfalls getroffen«, berichtet Zabiullah Sharifi, der zu seinem Schutz seinen richtigen Namen nicht nennt.

Sämtliche Fensterscheiben seien zerborsten. »Die Scheiben eines Fensters trafen meine Frau vor allem im Bereich des Bauches. Sie drangen durch die Wucht der Explosion in den Körper ein.« Nach Aussagen von Freunden habe sie tiefe Schnittwunden erlitten und viel Blut verloren.

Keine Verwandten

Verwandte haben die Sharifis nicht mehr. Vater und Bruder von Zabiullah Sharifi wurden öffentlich erhängt, weil sie dessen Aufenthaltsort nicht verraten wollten, auch die anderen Familienmitglieder sind verstorben.

Die Nachbarsfamilie brachte die schwer Verletzte ins Krankenhaus, kümmerte sich um das fünfjährige Zwillingspärchen.

Dank einer Spende des Arbeitskreises ökumenische Flüchtlingshilfe in Brakel konnte die Frau operiert werden. Inzwischen wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. »Sie kann aber höchstens zehn Minuten mit Hilfe aufstehen, um etwa auf die Toilette zu gehen«, weiß Marion Benzait, zusammen mit Gertrud Bouzaima in Brakel hauptamtlich für die Flüchtlingsarbeit tätig.

Seit der Unglücksnachricht tobt in Zabiullah Sharifi ein Kampf. Auf der einen Seite möchte er seiner Frau und den Kindern in Afghanistan beistehen. Auf der anderen Seite weiß er, dass er seine Familie kaum lebend erreichen kann. »Mein Name, mein Foto – alles ist den Taliban bekannt. Sie suchen mich und wollen mich töten – wie meinen Vater und meinen Bruder«, erklärt der 28-Jährige.

Dessen »Vergehen«: Er hat als Elektriker für das amerikanische Militär in Afghanistan gearbeitet.

Helfen könnte das Verwaltungsgericht Minden, wenn sie Zabiullah Sharifi als Flüchtling anerkennen würden. Denn dann könnten seine Frau und seine Kinder nach Deutschland kommen.

Seit Januar 2018 liegt ein entsprechender Antrag vor. Seine Rechtsanwältin hatte das Verwaltungsgericht nach der Unglücksnachricht gebeten, das Verfahren wegen der Notsituation vorrangig zu bearbeiten – vergeblich. Es gebe noch diverse ältere Verfahren, hat das Gericht mitgeteilt. Eine Terminierung in der Sache von Zabiullah Sharifi sei noch nicht abzusehen.

Vorbildlich eingegliedert

Dass der junge Mann als Flüchtling anerkannt wird, steht für den eng mit der Caritas verzahnten Arbeitskreis ökumenische Flüchtlingshilfe außer Frage.

»Wir sind fest überzeugt, dass die Zukunft von Zabiullah Sharifi in Deutschland ist. Sonst hätten wir kaum das Geld für die Operation seiner Frau bezahlt. Das ist bei uns keinesfalls die Regel«, stellt Hans-Georg Harrer, Sprecher des Arbeitskreises klar. Zabiullah Sharifi habe von Beginn seiner Zeit in Deutschland an Verantwortung übernommen für andere, habe sich solidarisch gezeigt und helfe, wo er nur könne. Harrer: »Er hat eine Ausbildungsstelle, und sein Arbeitgeber ist sehr zufrieden mit ihm.«

Wie Marion Benzait ergänzt, unterstütze er die Arbeit der Caritas hervorragend, schlichte Konflikte.

»Auch uns als Mitarbeitern tut es weh, dass ein Mensch so ein schweres Schicksal erleiden muss«, sagt sie.

Dass eine Rückkehr nach Afghanistan inzwischen keine Option sein kann, sieht auch Michael Fiekens, stellvertretender Vorsitzender des Caritasrates im Kreis Höxter so. »Die Lage spitzt sich zu. Die Taliban haben dramatisch wieder an Boden gewonnen«, weiß er. Der Staat sei nicht in der Lage, vor marodierenden Banden zu schützen. Er appelliert an das Verwaltungsgericht, möglichst bald eine Entscheidung mit Herz und Verstand zu treffen.

»Der Caritasverband im Kreis Höxter zeigt sich in vollem Umfang solidarisch mit der Arbeit des Arbeitskreises ökumenische Flüchtlingshilfe«, unterstreicht Michael Fiekens.

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