Sa., 13.07.2019

Kunstworkshop in der Gesamtschule Brakel: Schüler entdecken 1100 Jahre altes Epos für sich Heliand trifft »Fridays for Future«

Ein Kunstworkshop als Kulturtransfer: Dieses Ziel haben die Beteiligten in der Gesamtschule in Brakel erreicht.

Ein Kunstworkshop als Kulturtransfer: Dieses Ziel haben die Beteiligten in der Gesamtschule in Brakel erreicht. Foto: Sabine Robrecht

Von Sabine Robrecht

Brakel/Höxter (WB). »Drum seid wachsam und habt Mut.« Dieses Zitat aus dem mehr als 1100 Jahre alten Heliand mobilisiert junge Menschen auch heute zu Verantwortungsbewusstsein und Tatkraft. Und es setzt künstlerische Schöpferkraft frei – so geschehen in der Gesamtschule Brakel. Acht Schülerinnen und Schüler haben sich kurz vor den Ferien in einem Workshop mit Künstlern vom Heliand und der immerwährenden Aktualität dieses Epos inspirieren lassen und Bezüge zu ihrer modernen Lebenswelt hergestellt.

Ein kleines altes Haus reiht sich auf dem Bild der 14-jährigen Adelina zwischen hochmodernen Wolkenkratzern ein. Als Flachrelief hebt es sich zusätzlich von den gemalten Hochhäusern ab. In einem anderen Haus – nicht gemalt, sondern (aus Pappe) gebaut – statten Christina (16), Tabea (14) und Simon (14) die Räume mit untypischen Gegenständen aus, einem Flugzeug beispielsweise. Schildkröten und ein Löwe »beziehen« zusammen ein weiteres Zimmer. Ungewöhnliches Leben herrscht also in diesem Haus. Es ist so fremd wie der Heliand damals den Sachsen vorgekommen sein muss.

Um 830 in Corvey geschrieben, skizziert die altsächsische Bibeldichtung das Leben Christi. »Im Mittelpunkt steht die Bergpredigt«, sagt Dr. Brigitte Labs-Ehlert, künstlerische Leiterin des Kunstfestes »Via Nova« in Corvey, die den Workshop initiiert hat und die Arbeiten der Schüler bei der Festival-Eröffnung am Samstag, 31. August, im Welterbe ausstellt. Obwohl es in einer für die Sachsen verständlichen Art mit vertrauten Bildern geschildert wird – »die Wüste, in die Jesus sich zurückzieht, um allein zu sein, wird als Wald dargestellt, weil die Menschen keine Wüste kannten«, wissen die Schüler – muten die neuen Glaubensinhalte wie etwa das zentrale Gebot der Nächstenliebe anders an.

Dieses Fremde in vertrautem Umfeld findet sich auch in der Kunst der Schüler. Das Haus mit dem Flugzeug zum Beispiel. »Wir wollten etwas darstellen, das niemand kennt«, sagt Simon beim Anstreichen des Hauses. Trotzdem hat jedes Element an seinem Platz seine Daseinsberechtigung und bildet mit allen anderen Bausteinen ein buntes und trotzdem homogenes Ganzes. Das ist bei dem (gebauten) Haus und auch bei den Gebäuden auf Adelinas Bild der Fall. Die beiden Bilder der 16-jährigen Lena, ein abstraktes und ein Blumenmotiv, vermitteln die gleiche Botschaft.

Bekennermut

Anders sein als andere – diese Assoziation setzt Fabian (16) auf eine andere Weise um. Er bekennt sich dazu, dass er den Weltfußballer Naymar verehrt, und setzt sein Idol auf einem Plakat groß neben dem Eiffelturm (der Star spielt in Paris) in Szene. Naymars Trikot reiht sich – von Fabian gestaltet – in die Schülerarbeiten ein. Eine passende Textpassage aus dem Heliand bestärkt den 16-Jährigen: »Habt Mut«. Bei Fabian ist es Bekennermut. Er steht dazu, dass Naymar sein Idol ist – und mag es von anderen auch noch so belächelt werden.

Während Fabian an diesem drittletzten Schultag vor den Ferien sein Plakat vollendet, ist das Bild der 16-jährigen Celina fertig. Die Schülerin hat die Erde in zwei Hälften geteilt. Die eine blüht, so wie es sein sollte, und die andere zerfällt, weil wir sie zerstören. Ein apokalyptisches Szenario dazu bietet eine Textstelle aus dem Heliand: »… es fallen die Sterne, blinkende Himmelslichter; und es bebt die Erde, es zittert die Welt«.

Verlinkt mit dem roten Faden

So weit möchten die Jugendlichen es nicht kommen lassen. Mit ihren Klimaschutz-Demos kämpfen sie für ihre Zukunft und geben nicht auf. Diese Botschaft vermittelt auch der Blog, der den Workshop um die schreibende Kunst bereichert und der ebenfalls das zeitlose Epos mit dem Klimaschutz-Engagement der Jugend zusammenführt – Heliand meets »Fridays for Future«.

»Die verschiedenen Kunstwerke werden wir verlinken«, erzählt Eileen (16). Nicht virtuell, sondern analog wird diese Verlinkung sein: Ein roter (Woll-)Faden verbindet bei der Ausstellung am 31. August in Corvey die Arbeiten der Schüler.

Fachkundig betreut und inspiriert worden sind die acht Neunt- und Zehntklässler von der Kunstlehrerin Jaqueline Willeke und Uta Ackermann (Schriftstellerin), Jan Gottschalk (Bildhauer, beide Berlin) und Rohullah Kazimi (bildender Künstler) aus Hamburg. Markenzeichen der Bilder des Hamburger Künstlers sind Erläuterungen in Form von Sprechblasen. Beispiele hatte er zur Gesamtschule mitgebracht. Ein Motiv zeigt das Welterbe Corvey.

Dessen 1200 Jahre alte Mauern will Dr. Brigitte Labs Ehlert mit der zweiten Auflage des Kunstfestes »Via Nova« erneut zum Klingen bringen. Im Mittelpunkt steht der Heliand, der in seiner Entstehungszeit genauso ein Kulturtransfer war wie jetzt bei dem Kunstworkshop in der Gesamtschule Brakel. Der Brückenschlag in unsere Zeit fächert sich bei der Eröffnung des Kunstfestes am Samstag, 31. August, auf, wenn die Schüler die Ergebnisse ihrer kreativen Heliand-Forschung im Welterbe präsentieren.

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